Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Pfarrer zu Missbrauchsfällen: Macht mich wütend und sprachlos

Die Kirche nicht denen überlassen, die Straftaten vertuschen und sich nur um das Bild nach außen sorgen: Das treibt den Frankent
Die Kirche nicht denen überlassen, die Straftaten vertuschen und sich nur um das Bild nach außen sorgen: Das treibt den Frankenthaler Pfarrer Stefan Mühl an. Hier die Plastik »Der Hängemattenbischof« auf dem Marienplatz in München, wo zuletzt ein erschütterndes Gutachten zu Missbrauch veröffentlicht wurde.

Ist das noch die Kirche, für die ich mich engagieren will? Das hat sich Stefan Mühl seit Bekanntwerden der ersten Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche immer wieder gefragt. Warum er trotzdem Leitender Pfarrer in Frankenthal geblieben ist, erklärt er im Gespräch mit Sonja Weiher.

Das vergangene Woche veröffentlichte Gutachten zu Missbrauchsfällen im Erzbistum München und Freising hat bundesweit – nicht nur unter Katholiken – tiefes Entsetzen ausgelöst. Wie ging es Ihnen, als Sie die Nachrichten an dem Tag hörten?
Ich war wirklich fassungslos. Man hatte ja vorab einiges gehört. Aber dass es dann tatsächlich um so viele Täter und vor allem um so viele Opfer geht und dass das Versagen der Verantwortlichen dieses Ausmaß hat – das hat mich schon sehr entsetzt.

Was war für Sie das Eindrücklichste?
Es ging offensichtlich nur darum, wie man das Bild der Kirche nach außen schützen kann. Das Mitgefühl für diejenigen, die unter diesen Verbrechen leiden, hat wohl bei den Allermeisten gefehlt. Das macht mich sprachlos und wütend.

Ist das noch die Kirche, die Sie kennen?
Es ist auf jeden Fall nicht die Kirche, die ich als Jugendlicher und Berufsanfänger kennengelernt habe. Und es ist nicht die Kirche, für die ich mich engagieren möchte. Allerdings ist das keine Erkenntnis, die jetzt erst mit dem Münchner Gutachten kommt. Mit den Missbrauchsfällen beschäftigen wir uns ja schon seit 2010.

Haben Sie in dieser Zeit daran gedacht, sich von der Kirche abzuwenden?
Möchte ich weiter für diese Kirche tätig sein, für sie einstehen? Diese Frage kommt schon. Aber nie so, dass ich es ernsthaft vorangetrieben hätte.

Warum?
Ich glaube und hoffe immer noch, dass die Kirche verändert werden kann. Und das geht von innen besser als von außen. Was mich auch hält, sind die Menschen vor Ort, für die ich als Priester, für die wir als Kirche da sein wollen. Wir dürfen das Feld nicht denen überlassen, die nicht an den Strukturen, am System Kirche, wie es sich im Missbrauch so menschenverachtend zeigt, rütteln wollen.

Was muss sich grundlegend ändern?
Im Grunde sind es die Themen, die im synodalen Weg diskutiert werden, etwa die Frage nach Machtstrukturen, nach dem Fehlen von demokratischer Kontrolle. Dann die Sexualmoral: Was wird verkündet – und was wird gelebt? Die Sexualmoral der Kirche, wie sie jetzt ist, kann krank machen. Da braucht es dringend Korrekturen. Das Pflichtzölibat führt nicht automatisch zu Missbrauch. Aber es begünstigt ihn. Etwa, wenn Männer sich für den Beruf des Priesters bewerben, weil sie sich nicht mit ihrer eigenen Sexualität auseinandersetzen wollen.

Sie sind für die Aufhebung des Pflichtzölibats?
Ja.

Wie ist es mit der Rolle der Frauen in der Kirche?
Wenn Frauen und Männer gleichberechtigt Entscheidungen treffen, wird sich vielleicht ein System der Vertuschung so nicht etablieren lassen.

Sprechen Gemeindemitglieder Sie auf das Gutachten an?
Gar nicht so stark. Viele sind, glaube ich, so frustriert und resigniert, dass sie es gar nicht mehr ansprechen.

Papst Benedikt hat, mit einer fadenscheinigen Ausrede, eingeräumt, dass er im Gutachten nicht die Wahrheit gesagt hat. Wie sehen Sie die bisherigen offiziellen Reaktionen der Kirche und der Betroffenen?
Im Klartext heißt das: Der Papst hat gelogen. Das ist schon noch mal ein Schlag. Bei allen theologischen Differenzen war der Papst doch bisher eine moralische Autorität für mich.

Erwarten Sie personelle Konsequenzen?
Es wäre an der Zeit. Vergangenes Jahr hatten ja zwei Bischöfe, Kardinal Marx und Bischof Heße, ihren Rücktritt angeboten. Ich war überrascht, dass der Papst ihn nicht angenommen hat – und zwar nicht positiv überrascht.

Viele Menschen verlieren das Vertrauen in die Institution Kirche, kehren der Kirche den Rücken. Wir stark bemerken Sie das in Ihrem Zuständigkeitsbereich?
Die Zahl der Kirchenaustritte ist in den vergangenen Jahren auch in unseren Gemeinden konstant hoch. Seit dem Zusammenschluss zur Pfarrei Heilige Dreifaltigkeit 2016 waren es nie unter 100, im vergangenen Jahr sind allein 144 Katholiken in Frankenthal aus der Kirche ausgetreten.

Suchen Gemeindemitglieder vor diesem Schritt das Gespräch mit Ihnen?
Die meisten nicht. Wir bekommen den Austritt durch das Standesamt mitgeteilt und schreiben die Leute dann an, bedanken uns für ihren bisherigen Beitrag zum Leben der Pfarrei und bieten ein Gespräch oder einen Austausch per E-Mail an. Bei denen, die sich zurückmelden, spielen oft die Skandale eine wichtige Rolle.

In diesem Punkt können Sie wenig mehr, als Ihre eigene Betroffenheit zu schildern. Aber was können Sie für die katholische Kirche an Pro-Argumenten anführen?
Zum einen die Hoffnung, dass sie sich doch ändert und die katholische Kirche ein starkes Signal setzt: So kann es bei uns nicht weitergehen. Der synodale Weg ist ja ein Versuch, das Ruder rumzureißen. Es gibt die Missstände, aber es gibt auch viel Gutes. Ich wäre nicht der, der ich bin, ohne die Kirche. Interview: Sonja Weiher

Zur Person

Stefan Mühl (57) ist Leitender Pfarrer der Pfarrei Heilige Dreifaltigkeit in Frankenthal seit dem Zusammenschluss 2016. Die Pfarrei umfasst das Gebiet der Stadt Frankenthal einschließlich ihrer vier Vororte und besteht aus sechs Gemeinden und acht Kirchen. Nach dem Theologiestudium in Mainz und München arbeitete der gebürtige Kandeler unter anderem zwölf Jahre in der Jugendseelsorge der Diözese Speyer und war ab 2010 Seelsorger in der Pfarreiengemeinschaft St. Ludwig in Frankenthal.

Dass Papst Benedikt im Zusammenhang mit dem gerade veröffentlichten Münchner Gutachten gelogen hat, ist für Stefan Mühl, Leitend
Dass Papst Benedikt im Zusammenhang mit dem gerade veröffentlichten Münchner Gutachten gelogen hat, ist für Stefan Mühl, Leitender Pfarrer der Pfarrei Heilige Dreifaltigkeit, ein weiterer Schlag.
x