Ludwigshafen
Käpt’n Klaus und sein kantiger Kurs: Wohin der neue OB das Ludwigshafener Schiff manövriert
Januar: Marschbefehl
Beim Neujahrsempfang am 7. Januar im Pfalzbau ist es mucksmäuschenstill. Alle warten gespannt auf die Rede des neuen Oberbürgermeisters. Doch Blettner schweigt zunächst – bevor er lautstark das Kommando gibt: „Einmarsch, Männer.“ Die Türen des Konzertsaals öffnen sich. Uniformierte in Reih und Glied ziehen vor die Bühne. „Zu Befehl, Klaus“, brüllt deren Anführer. „Darf ich vorstellen: die neue City-Polizei“, sagt der Verwaltungschef und kündigt im Kasernenton an: „Ab sofort postieren sich meine Truppen rund um die Uhr vor der Fußgängerzone. Denn das, meine sehr verehrten Damen und Herren, ist verdammt noch mal keine Stadtautobahn. Die kriegen wir erst mit der Helmut-Kohl-Allee.“ Der zweite Paukenschlag: Blettner macht seinen CDU-Austritt öffentlich. Er wechselt zur FWG. Deren Fraktionsmitglieder erheben sich und applaudieren. „Klaus, geht klar“, jubelt ihr Sprecher Rainer Metz. „Das war der Preis für die Unterstützung bei der OB-Wahl“, murmelt CDU-Chef Torbjörn Kartes zu seinem prominenten Sitznachbarn: Joachim-Friedrich Martin Josef Merz, „Kanzler auf Abruf“, wie die AfD den Überraschungsgast begrüßt.
Februar: Perückenpflicht
Bei der Weiberfasnacht am 12. Februar in der Eberthalle riegelt die City-Polizei das Gelände hermetisch ab. Hinein dürfen nur Männer, die sich als BWL-Professor verkleiden, nicht Jens Peter Gotter heißen und Jörg Pilawa einigermaßen ähnlich sehen, weil „der Mann (tatsächlich) kann“ und bis in den Bundestag Sendungsbewusstsein ausstrahlt. Einlasskriterien für Frauen: Sie müssen eine Jutta-Steinruck-Ankerkette oder eine Julia-Klöckner-Perücke tragen. Wer dagegen verstößt, erhält einen Ordnungsruf. Abgeschleppt werden an diesem Abend nur falsch geparkte Autos – von der „Taskforce Karneval“, Blettners zweites Einsatzteam, für das er Langzeitstudenten aus der Hochschule rekrutiert. Motto: Lieber einen Pkw am Haken als den Bachelor satt.
März: Wahlpatt
Bei der Landtagswahl am 22. März erhalten CDU und SPD die identische Stimmenzahl. Alex Schweitzer will Ministerpräsident bleiben, Gordon Schnieder reklamiert den „MP“-Titel für sich – vergeblich. Es muss neu ausgezählt werden. Im Ebertpark beginnt die Sanierung des Quellgartens. Die City-Polizei greift jeden Stadtrat vor der Haustür ab und drückt ihm eine Schaufel in die Hand. Anordnung vom OB, der sich im Rosengarten in einen Chemie-Lehrstuhl fläzt und die 60 Politiker beim Umgraben anfeuert. Den FWG-Vorschlag, die großen Becken zu einem kleinen Kombibad zu verschmelzen, lehnt Blettner ab. Später taucht er im Freischwimmer unter: geheimes Treffen mit Don Unmüßig, dem „Palatineo“-Paten.
April: Kötz-Karree
Auch die zweite Auszählung in Mainz bringt das gleiche Resultat: ein rot-schwarzes Patt. In Ludwigshafen nimmt eine Debatte Fahrt auf, bei der ein neuer Name für das Zukunftsquartier „City West“ entlang der Kohl-Allee gesucht wird. Die Vorschläge reichen von „Großstadtdschungel“ (Grüne) über „Schwarzkofferviertel“ (SPD) bis hin zu „Kötz-Karree“ (der Meister selbst). Cineasten-Micha eröffnet unterdessen auf dem Berliner Platz den Weihnachtsmarkt mit einem Nikolaus-Filmfestival. Zur Premiere läuft „Bad Santa“. Die City-Polizei hat das Treiben vom Riesenrad aus genau im Blick. „Wenn die Gondeln Power tragen“ zeichnet eine von Blettner angeführte Jury schon vor der Premiere als bestes Remake aller Zeiten aus.
Mai: Chanelkostüm
BSW-Fraktionsvize Jan Mohammad kritisiert die erste Bilanz des neuen OB. BSW-Fraktionschef Liborio Ciccarello kassiert das vernichtende Urteil tags drauf wieder ein. Sahra Wagenknecht ist böse und droht mit Hosenanzug statt Chanelkostüm. RHEINPFALZ-Recherchen decken auf, worum es bei dem von der City-Polizei streng bewachten konspirativen Freischwimmer-Tête-à-Tête zwischen Blettner und Unmüßig ging. Der Breisgauer will im Friedenspark das Freiburger Münster nachbauen und im Leoso-Hotel einen Swingerclub etablieren. Blettners Bedingung: Freier Eintritt für alle – ins Münster natürlich. Rotlicht-Minigolf am Hauptbahnhof habe keine Zugkraft, zerlegt er das zweite Projekt des Investors. Der dreht eingeschnappt den Geldhahn fürs „Palatineo“ zu und legt sich unter die Sonnenbank. Blettner hat bei ihm sämtlichen Kredit verspielt.
Juni: Passantenfalle
Genossen und Unionsvertreter bereiten in Mainz erste zarte, ganz vorsichtige Annäherungsversuche für eventuelle, nicht auszuschließende, durchaus mögliche Koalitionsgespräche vor. Da ist maximale Sensibilität gefragt. Dass die SPD Jutta Steinruck zur Chefunterhändlerin ernennt, empfindet die CDU als Affront. Das Ganze wird vertagt. Das Kinoevent auf dem Weihnachtsmarkt floppt, weil es die City-Polizei bei den Leibesvisitationen übertreibt. In der Fußgängerzone spielt sich Wundersames ab. Dort fahren keine Autos mehr. Passanten sind völlig irritiert, als sie bei Radarkontrollen geblitzt werden, weil sie viel zu langsam zum Rheinuferfest unterwegs sind.
Juli: Specht-Sperre
Die neue Hochstraße Süd wird eröffnet, der Verkehr aber nicht freigegeben. Mannheims OB Christian Specht riegelt als Reaktion auf Blettners Parteiaustritt die Rheinbrücke ab. Don Unmüßig macht als Mäzen die Biege. Die Rathauslösung Berliner Platz ist damit Geschichte. Blettner stoppt den Abriss des Würfelbunkers, um dort ein repräsentatives Stadthaus hinzublettonieren: das „Klausalineo“. Die Streckenführung der Kohl-Allee wird angepasst. Mehr Kurven, weniger Abfahrten. In Mainz wollen CDU und SPD die Lage erst nach den Sommerferien sondieren. Blettner bringt sich als Vermittler ins Spiel, sozusagen als Klaus (ich check mal die) Lage.
August: Männerpension
Insider berichten, SPD und CDU seien sich hinter den Kulissen einig, die Realschule plus abzuschaffen. Die AfD wirft ihnen duale Einbildung vor. Die FDP schlechte Fortbildung. Die Grünen miserable Ausbildung. Vermittler Klaus (ich check mal die) Lage kommt zu spät, weil er im Sanierungsstau steckt. Er fliegt lieber nach Bilbao. Gemeinsam mit dem Stadtvorstand – zur Klausur in einer Männerpension. Es muss etwas passieren. Der Schuldenstand nähert sich der Zwei-Milliarden-Euro-Marke. Die Finanzaufsicht schließt das Freibad, die City-Polizei sichert den Eingang und macht ein Gruppenselfie auf der Riesenrutsche. Das Hafenfest fällt ins Wasser – wie auch der nächste Anlauf von CDU und SPD, in Mainz ein Regierungsbündnis zu schniedern, äh schweitzern, Quatsch: schmieden.
September: Kanzlerkopie
Beim Koalitionsgulasch im Turmrestaurant reißt Vermittler Blettner endgültig der Geduldsfaden. Er robbt sich ans ZDF. Bei Markus Lanz beschreibt Klaus die dramatische Lage so: „1000 Mal sondiert, 1000 Mal ist nix passiert.“ Zwischen SPD und CDU will es einfach nicht Zoom machen. Dafür zoomt es in der Stadtverwaltung. Denn das digitale Motivationsmüsli, das der OB den 3900 Mitarbeitern jeden Morgen zum Frühstück serviert, schafft eine Wohlfühl-Atmosphäre unbekannten Ausmaßes, die bis in die Hauptstadt durchdringt. Der entzückte Kanzler kopiert auch Blettners Sicherheitskonzept. In Berlin patrouilliert künftig eine Big-City-Polizei.
Oktober: Gondelgipfel
„LU in stürmischer See – schippert Käpt’n Klaus in den Untergang?“, titelt die „BILD“ nach Blettners missglücktem (Bi)Lanz-Gespräch. Die Großbaustelle an der Kurt-Schumacher-Brücke sorgt für Stillstand im Verkehr. Wegen der Specht-Sperre ist auch die Konrad-Adenauer-Brücke dicht. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion wird fix eine Seilbahn über den Rhein gespannt. Blettner und Specht treffen sich zum Krisengipfel in einer Gondel – abgeschirmt von der Drohnenstaffel der City-Polizei.
November: Narrendeal
Specht und Blettner einigen sich am 11.11. auf einen närrischen Deal: Klaus verlässt die FWG, Chris beendet die Brückenblockade. Der gemeinsame Umzug in der nächsten Kampagne wird via Seilbahn abgewickelt. Motto: „Übers Wasser in der Luft, holt die Fasnacht aus der Gruft.“ Die Landtagswahl muss wiederholt werden. In Ludwigshafen wird die City-Polizei personell veredelt. Jutta Steinruck wird Oberkommissarin ehrenhalber, Lena Odenthal Anti-Hacker-Beauftragte. Ihr Arbeitsplatz: das Hackmuseum.
Dezember: Waffentausch
Eine anonyme Spende aus Südbaden lindert die Ludwigshafener Finanznot. Das Freibad eröffnet wieder. Gespart wird anderswo: Der Weihnachtsmarkt schließt früher, die City-Polizei muss die guten alten Schlagstöcke gegen Nudelhölzer eintauschen. Neue Geldquellen werden angezapft: V.I.P-Karten für den Neujahrsempfang kosten 500 Euro aufwärts. Und Blettner verscherbelt die Amtskette. Das attraktivste Angebot kommt aus den USA: von einem Rotlichtprofi-Golfer. Absender: Florida.