Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Heidi ho, Bikini-Show: Die Klum erobert Ludwigshafen – ein bisschen zumindest

Vorm Jobcenter: Klum-Plakat in der Innenstadt.
Vorm Jobcenter: Klum-Plakat in der Innenstadt.

Die Ludwigshafener Laufstege sind die Hochstraßen, der Stadtstrand mit Rheinsand liegt an der Blies – aber aktuell erregt hier ein Topmodel sommerliche Aufmerksamkeit.

Ob im Zebra-Look oder goldfarben mit Schleifchen um die Hüften – Supermodel Heidi Klum grinst sich durch die neue Bademoden-Kampagne von Calzedonia und hängt momentan auch überall in Ludwigshafen herum, als wäre sie hier auf Heimatbesuch. An Bushaltestellen, an Litfaßsäulen, an Straßenkreuzungen – und sogar vor dem Jobcenter.

Das Hochglanzversprechen im Bikini – und darunter die Stadt, die seit Jahren im Tarnmodus läuft: Beton, Brache, Betriebsamkeit. Überraschend harmonisch, dieses Paar. Die Schönheit lächelt, die Stadt riecht – beide tun, was sie am besten können. Das zweite Kapitel der neuen Sommer-Kollektion hier, das x-te Kapitel der Stadtreparatur dort. Ein Widerspruch, der auf amüsante Weise irritiert – und sich irgendwie ergänzt.

Wie ein poliertes Fenster

Denn Ludwigshafen, das ist ein Ort, der selten hochschaut, und wenn, dann zum Schornstein, Schlot, Kamin oder gleich zum Steamcracker der BASF. Hier wird oft lange gefackelt, hier trägt das Grau die Sicherheitsweste und hat die Frühschicht auf der Seele. Es gibt Ecken, die kamerascheu sind, und Straßen, deren natürlicher Aggregatzustand „Umleitung“ ist.

Wenn hier Schilder hängen, kündigen sie meist an, was gleich nicht mehr da ist: Sperrung, Abriss, später vielleicht Neubau. Und plötzlich eine nicht altern wollende 53-Jährige mit viel nackter Haut und bella figura am Sehnsuchtsstrand: Heidi im Abendlicht, ein Plakat wie ein poliertes Fenster, das zurückblinzelt, als läge hinter dem Bordstein die Riviera.

Reklame für einen Körper, der sich selbst verkauft

Man kann das alles blöd finden und verachten, natürlich. Reklame für einen Körper, der sich selbst verkauft, während die Stadt ihren nicht loswird. Ludwigshafen hat weder einen knackigen Po noch einen geölten Bauch, aber Haltung. Und müde, häufig hängende Schultern um 6 Uhr morgens. Heidi hingegen ist die Erlaubnis zur Surrealität, ein Scheinwerfer mit Eigenbühne. Sie stiehlt der Stadt das Profil – und leiht ihr gleichzeitig für einen Moment ein neues. So funktioniert Werbung, wenn sie groß und schrill genug ist: Sie klebt auf Risse eine Projektionsfläche, in der wir uns lieber selbst betrachten als die hässliche Fuge dahinter.

Das nächste Bikini-Poster am Kulturzentrum Haus.
Das nächste Bikini-Poster am Kulturzentrum Haus.

Moral? Die Bitte, sich doch bei so viel Retuschierkunst nicht blenden zu lassen? Hand aufs Geländer: Man steht an der Ampel, wartet auf Grün, und das Auge nimmt den einfacheren Weg. Es wählt die Goldkante, weil der Tag sonst ohne ist. Ein Plakat ist kein Rettungsboot, aber ein Sonnenschirm – und manchmal reicht Schatten fürs Erste. LU braucht vielleicht beides.

Womöglich sind diese Poster hier so fehl am Platz, dass sie schon wieder richtig liegen und keine Integrationskurse brauchen. Glamour statt Volkshochschule. Schönheit, die nicht passt, markiert Druckstellen. Sie zwingt uns, hinzusehen, als seien wir hier zum ersten Mal. Die Bushaltestelle wird Bühne, die Litfaßsäule Leuchtturm, und selbst dröge, vermüllte Ecken bekommen dadurch mehr Pepp. Man kann schnauben, man kann grinsen, beides zählt als Lebenszeichen. Werbung, die uns kalt lässt, wäre viel schlimmer – dann wäre alles zu Ende dekoriert.

Gringo Mayer statt Tokio Hotel

Heidi lächelt weiter wetterfest, ein Kalenderblatt, das den Monat überlebt. Ludwigshafen wird weiter riechen, malochen und die Schlaglöcher mit Hoffnung füllen. Dazwischen liegt eine zähe Zärtlichkeit: die Einsicht, dass Ästhetik manchmal vorbeihuscht wie ein Bus, der nicht hält, aber trotzdem den Fahrplan glaubhaft wirken lässt. Für einen Augenblick traut man der Stadt ein anderes Gesicht zu. Vielleicht traut die Stadt es sich dann sogar selbst. Ungeschminkt im Arbeitsoverall.

Ludwigshafen prägt Pragmatismus, die nüchterne, bisweilen dreckige Geste. Heidi hingegen hält die Stadt kurz in Atem – schenkt ihr ein wenig Flair vom großen weiten Klimperkosmos.

Heidi ho, Bikini-Show: Da muss man nicht zwangsläufig Rot sehen, weder Temperatur und schon gar keine Schnappatmung bekommen. Germany’s next Topstadt? Dahin allerdings ist’s – Klum-Faktor hin oder her – noch ein sehr weiter Weg. Das perfekt Makellose ist jedenfalls nicht unser Ding. Die High Heels der Stadt sind die Hochstraßen, der Traumstrand liegt an der Blies, TWL schlägt RTL – und wir feiern Gringo Mayer statt Tokio Hotel. Ahjoo statt aalglatt.

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