Meinung RHEINPFALZ Plus Artikel Ludwigshafen ist Realität mit Rückgrat: Immer kurz vor dem K.o., aber nicht kleinzukriegen

Ein Wahrzeichen der Stadt, das noch steht: die Pylonbrücke.
Ein Wahrzeichen der Stadt, das noch steht: die Pylonbrücke.

Totgesagte leben länger. Das gilt im Besonderen für Ludwigshafen, eine Stadt mit Nehmerqualitäten.

Ludwigshafen, Wirtschaftsmotor der Pfalz, Oberzentrum, 180.000 Seelen stark, im Zweiten Weltkrieg zerbombt, von BASF und Zuwanderung geprägt, trägt den zweifelhaften Pokal der „hässlichsten Stadt Deutschlands“ wie einen Zementsack auf dem Kreuz – und läuft trotzdem weiter. Hoch verschuldet, politisch zerrieben, die Rechtspopulisten drittstärkste Kraft, die Innenstadt eine einzige Mega-Baustelle, auf der sich Bagger, Kräne und Geduldsfäden gegenseitig ausbremsen. Der tägliche, mal mehr oder weniger lange Stau ist eingepreist, als hielte die Stadt den Atem an, während die nächste Sperrung anrollt.

Konrad-Adenauer-Brücke dicht, Kurt-Schumacher-Brücke Nadelöhr, die Polizei meldet Verkehrsprobleme wie Meteorologen das Wetter. Alles auf Zeit, alles auf Kante genäht – und doch alles andere als aufgegeben.

Keine schönen, aber spannende Perspektiven: Blick durch zwei Brückenpfeiler auf den Riesen auf der Baustelle für die neue Westbr
Keine schönen, aber spannende Perspektiven: Blick durch zwei Brückenpfeiler auf den Riesen auf der Baustelle für die neue Westbrücke.

Denn hinter den Absperrbarken wächst womöglich etwas, das man bei all den Abrissen (Hochstraße, Würfelbunker, Rathaus) gerne übersieht: irgendwann runderneuerte Verkehrsadern und ein neues Stadtquartier („City West“), bald ein neues Polizeipräsidium, hoffentlich bald ein neuer Komplex am Berliner Platz („Palatineo“), das neue „Haus der Stadtgeschichte“, eine neue Stadtbahnverbindung, die am Berliner Platz die Strecke verschlankt. Im August wird weiter umgebaut, Nordkopf der Schumacher-Brücke zu, Helmut-Kohl-Allee im Blick, vier Jahre Baustelle als Versprechen und Dauerdrama: Danach soll es fließen, nicht nur der Verkehr, auch das Leben zwischen Rhein und Beton.

Am Südwestknoten entsteht das neue Polizeipräsidium.
Am Südwestknoten entsteht das neue Polizeipräsidium.

Politisch rumort es wie in einer zu heiß gewordenen Schaltschrankwand: Kita-Standort hier, Rathausfrage dort, Tempo 30 hier, fehlende Radwege dort, Alternativen hier, Optionen dort. Alle reden von Kindern, Digitalisierung und Bäumen, alle wissen, dass (eigentlich) kein Geld da ist. Es ist die Ludwigshafener Schule der Wirklichkeit: viel Lärm, wenig Glanz, aber am Ende meist ein Durchmogeln. Irgendwie.

Inzwischen Geschichte: der Rathausturm.
Inzwischen Geschichte: der Rathausturm.

Und doch, bei aller Grobheit des Stadtbilds, liegt unter dem grauen Putz ein pulsierender Kern. Der Pfalzbau steht wie ein Boxsack, der die Prügel abfängt und mit Kultur kontert. Das Wilhelm-Hack-Museum zeigt, dass Farbe nicht nur Lack ist, sondern Haltung. Und dann, jeden Sommer, schiebt sich am Rheinufer das Festival des deutschen Films ins Rampenlicht: Leinwände zwischen Platanen, Menschenmassen, die sich am Fluss zuprosten. Man möchte fast sagen: Wer hier Schönheit sucht, der findet sie. Vielleicht ja bald auch an verschatteten, begrünten und aufgehübschten Plätzen im Zentrum.

Lebt seit über 25 Jahren in Ludwigshafen: Autor Steffen Gierescher.
Lebt seit über 25 Jahren in Ludwigshafen: Autor Steffen Gierescher.

Ludwigshafen liegt oft am Boden, ist angezählt, beweist aber Nehmerqualitäten. Diese Stadt kennt das Stehauf-Gen. Kassiert Hiebe, schüttelt sich kurz und macht trotzig weiter.

Zwischen Brückenbaustelle und Bürgerprotest, zwischen Taktverdichtung und Müllverdrossenheit entsteht etwas, das man in den aalglatten Städten selten spürt: Realität mit Rückgrat. Und während im Umland das Näschen über den Nachbarn gerümpft wird, dreht LU am wichtigsten Ventil: am Wasserhahn. Aus ihm kommt – bundesweit Spitze – das sauberste Trinkwasser. Es ist die stille Pointe dieser Stadt: draußen raue Schale, drinnen klares Element.

Blütenpracht am Hackmuseum.
Blütenpracht am Hackmuseum.

Gewiss ist Ludwigshafen keine Perle für Instagram. Der Hauptbahnhof – ein Jammer. Es ist eher eine Stadt für die, die bleiben, wenn’s regnet. Eine Stadt, die nicht blinzelt, wenn Gegenwind aufkommt. Eine, die nach Schweiß riecht, nach Chemie, Industrie, aber eben auch nach Zukunft.

Wer sie vorschnell abschreibt, unterschätzt sie. Die Schläge prasseln, der Gong ertönt, die Knie wackeln – und dann ballt sich wieder die Faust. Ein bisschen taumeln, ja. K.o.? Niemals.

Die Kolumne

Fünf Redakteure berichten für die RHEINPFALZ über Ludwigshafen. Ihre Erlebnisse aus dem (Arbeits-)Alltag nehmen die Redakteure in der Kolumne „Quintessenz“ wöchentlich aufs Korn.

x