Pfalz
Größte in Rheinland-Pfalz: Grundschule XXL in Ludwigshafen
Eine Mutter will ihre Tochter im Sekretariat der Erich-Kästner-Schule anmelden. Geht es nach dem Alter des Kindes, dann müsste das Mädchen die dritte Klasse besuchen. Aber in ihrem Heimatland hat die Achtjährige bisher noch nie eine Schule besucht, und Deutsch spricht sie auch nicht. Szenen wie diese sind Alltag an der Grundschule in der Ludwigshafener Innenstadt, die mit bald 635 Schülern die größte im Land ist, wie die stellvertretende Schulleiterin und der zweite Konrektor, Christine Jungmann und Christoph Timmerhues, schildern.
Die Fluktuation an der Schwerpunktschule ist groß. Ständig werden Kinder, sehr viele mit Migrations- und Fluchterfahrung, an- oder abgemeldet. Die Kinder stammen aus verschiedenen Kulturkreisen, ihre Eltern haben keine gemeinsame Sprache, einige können selbst nicht lesen und schreiben, viele kennen die Bedeutung von Bildung nicht und können sich nur mithilfe von Dolmetschern mit den Lehrern ihrer Söhne und Töchter verständigen. Christine Jungmann stellt klar: „Die Kinder sind nicht doof, sondern vielen fehlen grundlegende Voraussetzungen und Erfahrungen. Sie durften bisher in ihrem Leben nur wenig begreifen.“
Organisatorisch am Limit
Um die 615 Mädchen und Jungen besuchen in diesem Schuljahr die Erich-Kästner-Grundschule, für das kommende sind 635 Kinder prognostiziert. Dabei ist die riesige Einrichtung mit überwiegend großen Klassen – keine hat weniger als 20 Schüler – längst organisatorisch am Limit. Die große Pause findet in zwei Schichten statt. Dieses XXL-System mit einem gigantischen Verwaltungsaufwand sei nicht mehr grundschulgerecht, meinen Jungmann und Timmerhues. Hinzu kommt, dass die Schulleiterstelle nicht besetzt ist und sich daran voraussichtlich auch in diesem Jahr nichts mehr ändern wird.
Mehr als 90 Prozent der Kinder haben Eltern mit ausländischen Wurzeln. 458 sind förderbedürftig in Deutsch, 113 nahezu ohne Deutschkenntnisse. Die Frage, wie viele Kinder im kommenden Schuljahr die erste Klasse wiederholen müssen, lässt sich Jungmann zufolge nicht so leicht beantworten, denn: Die Klassen 1 und 2 bilden eine pädagogische Einheit, für die man drei Jahre Zeit hat, sofern der Bedarf besteht. Ein Sitzenbleiben ist nicht möglich, lediglich ein freiwilliges Zurücktreten nach Absprache von Lehrern und Eltern und mit Beschluss der Klassenkonferenz. Aber die Anzahl der Kinder, die diesen Bedarf haben, steige, sagen die Pädagogen. Nach ersten Rückmeldungen zum Halbjahr waren es bis zu 24. Im Normalfall verringere sich diese Zahl noch bis zum Schuljahresende, betonen Jungmann und Timmerhues.
Dreimal sieben-, einmal achtzügig
Für das neue Schuljahr sind 157 Kinder für die erste Klasse angemeldet. Aktuell gibt es an der Kästner-Schule 29 Klassen in den vier Stufen, die dreimal sieben- und einmal sogar achtzügig organisiert sind. Insgesamt arbeiten mehr als 55 Mitarbeiter an der Schule. Ende des Jahres 2020 hat der Personalrat eine Belastungsanzeige an die Schulaufsicht ADD, das Ministerium und die Stadt verfasst. „Denn die wachsenden Herausforderungen erschweren die eigentliche Arbeit mit dem Kind“, erläutern Jungmann und Personalrätin Heike Burkhardt.
Zu den Problemen sagt Burkhardt: „Es ist deutlich zu kurz gegriffen, auf die mangelnden Sprachkenntnisse der Kinder abzuheben.“ Denn die erledigten sich bei solider Grundbildung an den Schulen innerhalb von zirka zwei Jahren von selbst. Aber es gebe viele Herausforderungen, die über die Sprachkenntnisse hinausgehen. Burkhardt nennt Beispiele: „Die Farbe Rot ist schnell zu lernen, wenn man Farben kennt. Wenn ein Kind nie in der Kita war oder in der Kita niemals gemalt hat, dann kann auch die Unterscheidung von Farben problematisch sein. Sehr oft wissen Kinder zu Schulbeginn nicht, was ein Heft ist. So etwas hat es in ihrer Familie nie gegeben.“
Kinder mit ADHS und Autismus
Es gebe Kinder, die wissen nicht, dass man das Haus, in dem man wohnt, malen und dann sagen kann: „Das ist mein Haus.“ Sie könnten auch nicht sich selbst malen. Sie könnten nicht spielen. Sie säßen vor der Kiste mit den Bauklötzen und wüssten damit nichts anzufangen. Sie könnten nicht zählen, wüssten nicht, was Vorlesen ist, und machten selten oder nie ihre Hausaufgaben. Die Kinder seien teilweise in der Schule nur körperlich anwesend. Sie seien völlig teilnahmslos.
Ihre eigene Situation als Klassenlehrerin beschreibt Burkhardt so: „Ich habe eine gute Qualifizierung, reichhaltige Erfahrung und – wie die Ministerin überaus freundlich empfiehlt: zweimal wöchentlich mache ich auch Yogakurs. Aber ich bin ziemlich an der Grenze. Ich habe 22 Erstklässler. Von diesen kamen zwei mit Gutachten (zur Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs, Anmerkung der Redaktion), bei zwei weiteren wurde es in diesem Schuljahr erstellt, bei zwei anderen steht es aus. Dazu kommen zwei Kinder mit deutlicher ADHS, zwei mit Autismus, sechs kamen mit sehr geringen Sprachkenntnissen, sind also im Eingliederungslehrgang. Dazu kommen ein paar Prinzen und Trennungskinder.“
Forderung: Mehr Sozialarbeit, kleinere Klassen
In dem 30-seitigen Brandbrief ans Ministerium schreibt der Personalrat der Grundschule Ende 2020: „Es geht uns darum, dass wir unsere Schule als exemplarisch für andere große Schulen, andere Stadtschulen, andere Schulen im sozialen Brennpunkt, andere Schulen mit hohem Migrantenanteil und andere Schwerpunktschulen ansehen. Durch das Zusammenkommen all dieser Eigenschaften werden bei uns Problematiken verschärft und damit deutlicher, die anderenorts noch abgefangen werden können.“ Gefordert werden in dem Schreiben unter anderem eine deutliche Erhöhung der Sozialarbeiterstunden, deutlich mehr Stunden für Deutsch als Zweitsprache, kleinere Klassen, mehr Stunden für Förderschullehrer – und der Bau einer weiteren Grundschule in der Ludwigshafer Innenstadt.
Das Bildungsministerium bestätigt, dass „die ausführliche Gefährdungsanzeige “ am 8. Januar 2021 in Mainz eingetroffen sei. Welche Konsequenzen wurden daraus in bisher mehr als zwei Jahren gezogen? „Das Bildungsministerium befindet sich im regelmäßigen und konstruktiven Austausch mit den Schulen in Ludwigshafen: Die Örtlichen Personalräte der dortigen Grundschulen haben sich zum ,ÖPR Netzwerk Ludwigshafener Grundschulen’ zusammengeschlossen. Mit diesem Netzwerk wurden mehrere Gespräche geführt, um die Situation aller Grundschulen in Ludwigshafen im Blick zu behalten. Des Weiteren wurden auch mit den Sprechern der Schulleitungen der Ludwigshafener Grundschulen Gespräche geführt, und die zuständige Abteilungsleiterin hat sich mehrfach mit der Schule in Verbindung gesetzt“, teilt ein Sprecher auf Anfrage mit.
Ministerium: Schule kann nicht alle Probleme lösen
Mit Blick auf die Gefährdungsanzeige der Erich-Kästner-Grundschule habe nach gründlicher Auswertung am 10. Juni 2021 ein Gespräch mit dem örtlichen Personalrat und der Schulleitung sowie der zuständigen Fachebene des Ministeriums für Bildung stattgefunden. Schon vor der Gefährdungsanzeige, aber auch in der Folge habe die Schule personelle Unterstützung erhalten. Während des Gesprächs am 10. Juni 2021 sei auf die Angebote von Schulpsychologischem Dienst und Institut für Lehrergesundheit hingewiesen worden.
Im Schuljahr 2021/2022 habe die Zuweisung von Sprachförderstunden für die Grundschule bei 114 Lehrerwochenstunden (rund 4,5 Vollzeitstellen) gelegen, im laufenden Schuljahr gebe es sogar 153 Lehrerwochenstunden (6,1 Vollzeitstellen). Die Schule erhalte neben 16 Lehrerwochenstunden für soziale Probleme im Schulbezirk weitere acht Entlastungsstunden in diesem Bereich. Im Schuljahr 2021/2022 habe die Schule zudem 15 Lehrerwochenstunden für eine zusätzliche Klassenbildung erhalten. Auch sei die Erich-Kästner-Grundschule in der ersten Kohorte des Projekts S4 – Schule stärken, starke Schule. Dieses Programm unterstütze Schulen in herausfordernder Lage. Abschließend stellt der Sprecher des Ministeriums fest: „Schule kann nicht alle aufgezeigten Probleme alleine lösen. Es braucht gesamtgesellschaftliche Ansätze und Anstrengungen aller Beteiligten, um das engagierte Kollegium zu unterstützen.“
Eine neue Grundschule in der Ludwigshafener Innenstadt ist derzeit nicht in Sicht.