Interview
Missstände in der Gräfenauschule: „Es muss etwas passieren“
Herr Chorosis, im April 1961 sind Sie aus Griechenland nach Ludwigshafen gekommen und waren selbst Schüler in der Gräfenauschule. Waren die Zustände damals ähnlich besorgniserregend?
Nein, ganz bestimmt nicht. Das war eine ganz andere Atmosphäre. Ich ging mit meinem Bruder in die erste Klasse – ohne Sprachkenntnisse. Wir wurden von allen Klassenkameraden freundlich aufgenommen, unterstützt, mitgetragen und haben zusammen gespielt. Innerhalb von wenigen Monaten haben wir die deutsche Sprache erlernt. Mit einigen Mitschülern stehe ich heute noch in Kontakt. Ich habe mich nicht ausgeschlossen oder als Migrantenkind gefühlt. Meine Familie wurde nie ausgegrenzt. Es galt sogar als etwas Besonderes, einen Ausländer als Nachbarn zu haben.
Die Gräfenauschule hat einen Migrationsanteil von 98 Prozent. Wie war das in Ihrer Klasse?
Es gab meinen Bruder, mich und ein Mädchen, das aus Polen kam. Das war’s. Wir hatten einen ausgezeichneten Lehrer, Herr Hertel. Er war sehr fürsorglich. Ein feiner Mensch, der sich viel Mühe gegeben hat. Das vergisst man nicht. Das war eine andere Zeit. Wenn man allerdings seine Hausaufgaben nicht gemacht hatte, gab es mit dem Bambusstab was auf die Finger.
Zum Glück bleiben den Kindern solche Sanktionen heute erspart.
Das ist richtig (lacht).
Dafür gibt’s andere Probleme, die wehtun. Was hat der Hilfeschrei der Schulleiterin bei Ihnen ausgelöst?
Endlich hat jemand die Initiative ergriffen und ist damit an die Öffentlichkeit gegangen. Wir müssen aufhören, solche Missstände unter den Teppich zu kehren. Nach dem Motto: Das kriegen wir irgendwie hin. Wenn 40 Jungen und Mädchen die erste Klasse wiederholen müssen, ist das erschreckend. Es muss etwas passieren. Wenn wir nichts tun, bleiben in den nächsten Jahren noch mehr Kinder sitzen. Das muss für alle Beteiligten ein Alarmzeichen sein: für die Schule, für die Eltern und insbesondere für die Politik.
Würden Sie Ihre Enkelkinder in die Gräfenauschule schicken?
Im Prinzip schon. Weil meine Enkel in Berlin und Frankfurt leben, ist das aber nicht möglich. Dort ist der Anteil von Schulkindern mit ausländischen Wurzeln in bestimmten Vierteln ebenfalls sehr hoch. Im Idealfall profitieren die Kinder voneinander, lernen andere Kulturen kennen, Familien treffen sich privat. Das ist nicht das Problem.
Was ist denn das Problem?
Dass sich Parallelgesellschaften in den Städten entwickelt haben und sich Migration in Quartieren wie beispielsweise dem Hemshof verfestigt. Man muss dort nicht zwangsläufig Deutsch sprechen. Das erhöht den Druck auf Kitas und Schulen. Der Migrationsanteil in Ludwigshafen liegt mittlerweile bei 56 Prozent. Es gibt deutsche, aber auch andere Familien, die deshalb wegziehen, was die Lage weiter verschärft. Zurück bleiben überwiegend Migranten, die in ihrem Umfeld immer mehr Immobilien erwerben. Es findet kein Austausch mehr statt. Die Balance fehlt. Maria Böhmer hat schon vor 15 Jahren als damalige Staatsministerin bei einer Veranstaltung in Berlin gesagt, dass es in ihrem Wahlkreis eine Schule gibt, die nur einen Deutschen in der Klasse hat – und das war der Lehrer. Gemeint hat sie die Gräfenauschule. Insofern ist das nichts Neues. Der Migrationsanteil an manchen Schulen war schon früher extrem hoch. Das hat sich weiter zugespitzt. Das sage ich übrigens nicht als Vorsitzender des Migrationsbeirats. Das ist meine persönliche Meinung.
Sehen Sie Lösungsansätze?
Es gibt kein Patentrezept. Politiker und Medien sind jetzt dank der mutigen Schulleiterin auf die Problemstellung aufmerksam geworden. Das hat bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Jetzt geht’s darum, dass alle Beteiligten – Stadt, Land, Bund und Schule – offen miteinander reden. Ein Schlüssel sind sicher Sprachkenntnisse und die personelle Ausstattung von besonders betroffenen Schulen. Klar ist: Die Gräfenauschule braucht konkrete Unterstützung. Es geht um Maßnahmen, die nachhaltig wirken. Das ist nicht einfach, aber es geht nicht anders.
Warum ist bisher so wenig getan worden, wenn das Kernproblem doch seit Jahren bekannt ist? Es gibt Grundschulen, die Kinder verlassen, ohne ein Wort Englisch zu sprechen, obwohl das auf dem Lehrplan steht. Manche Lehrer sind damit ausgelastet, den Kindern, darunter auch viele Flüchtlinge, erst mal Deutsch beizubringen. In weiterführenden Schulen sorgt das dann für Riesenprobleme.
Ich sehe die Gefahr, dass man das Thema Migration in bestimmten Bezirken nicht mehr in den Griff bekommt. Da können die Lehrer so motiviert sein, wie sie wollen. Vor ein paar Jahren waren es vielleicht 15 oder 20 Schüler, die nicht versetzt wurden. Das wurde zwar wahrgenommen, aber es gab keinen Aufschrei, und man hat das irgendwie kaschiert. Aber jetzt ist ein Punkt erreicht worden, bei dem man nicht mehr zur Tagesordnung übergehen kann. Das hat Schulleiterin Barbara Mächtle erkannt und gehandelt. Ihr Hilfeschrei hat alle wachgerüttelt. Das Thema muss in den Ortsbeiräten, im Stadtrat, im Landtag und im Bundestag diskutiert werden – und nicht in irgendwelchen Hinterzimmern. Es gibt Gräfenauschulen in jeder Großstadt. Es geht um Bildungspolitik, aber auch um Zuwanderung und wie man damit umgeht.
Wäre ein verpflichtendes Kitajahr für alle ein erster Schritt?
Das würde nicht schaden, ganz im Gegenteil: Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Am Geld kann es ja nicht liegen, denn in Rheinland-Pfalz sind Kitaplätze kostenfrei. Und ich finde: In Kitas sollte Deutsch gesprochen werden.
Dazu muss man erst mal einen Kitaplatz bekommen. In Ludwigshafen fehlen über 2000, es mangelt zudem an Erzieherinnen und Erziehern. Wie entrinnt man diesem Teufelskreis?
Das gehört für mich zu dem ganzen Problemkomplex. Man sieht doch jetzt, dass es so nicht funktioniert und auch so nicht mehr weitergehen kann. Also muss man das Übel an der Wurzel packen und auch die Eltern dringend mit ins Boot holen. Solche Probleme kann eine Schule allein nicht mehr stemmen. Wer sich hier integrieren will, muss sich den Gegebenheiten anpassen. Mein Appell an Migrantenfamilien lautet deshalb auch, sich dafür offen zu zeigen. Sonst gelingt der gesellschaftliche Konsens nicht.
Zur Person
Joannis Chorosis, 69, Diplom-Ingenieur in Rente, wohnt mit seiner Ehefrau in Oppau. Er hat drei erwachsene Söhne und vier Enkelkinder. Seit 2004 ist er in der CDU, seit 2008 sitzt er für sie im Stadtrat und ist sportpolitischer Sprecher der Fraktion. 2020 übernahm er den Vorsitz des Beirats für Migration und Integration, in dem er seit mehr als 25 Jahren mitarbeitet. Er ist zudem Gründer der Energie-Interessengemeinschaft der Ludwigshafener Sportvereine und vertritt 75 davon mit rund 50.000 Mitgliedern in Energiefragen. Ferner ist Chorosis Vorsitzender des DJK Oppau. Er ist in Griechenland geboren und verbrachte seine ersten Lebensjahre in einem Ort in der Nähe von Thessaloniki, bevor er mit seinen Eltern nach Deutschland kam. Er hat einen deutschen und einen griechischen Pass und ist Gründer sowie Vorsitzender des Internationalen Kulturvereins Orpheus.
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