Interview
Ärztin im Hemshof: „Das Sprachproblem ist das Ergebnis fehlender Kita-Plätze“
Frau Loechelt-Göksu, vor über einem Jahr habe ich Sie interviewt, die Überschrift damals lautete „Hemshof: Ärztin warnt vor massiven Sprachproblemen bei Kindern“. Gab es daraufhin Reaktionen? Hat sich irgendjemand bei Ihnen gemeldet?
Nein, niemand. Erschienen ist der Text allerdings nur wenige Tage nach Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine. Dieses Thema hat damals vermutlich alles andere überlagert.
In Zeiten, in denen die Gräfenauschule bundesweit in den Schlagzeilen ist, dürfte das anders aussehen. Deshalb die Frage: Worin sehen Sie den Hauptgrund für die offensichtlich großen Sprachdefizite bei Kindern mit Migrationshintergrund?
Wenn Sechs- oder Siebenjährige Deutsch lernen, dann müssen sie die neue Sprache Wort für Wort lernen. Ein- oder Zweijährige lernen das hingegen eher beiläufig – und zwar dann, wenn sie für mehrere Stunden beschäftigt werden und dabei Deutsch gesprochen wird. Das Sprachproblem, das wir jetzt also in den Grundschulen haben, ist das Ergebnis fehlender Kita-Plätze. Als Kinderärztin kann ich deshalb nur an die Politik gerichtet sagen: Passt auf! Ihr dürft euch nicht nur auf die Schüler fokussieren.
Was raten Sie denn jenen Familien, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, die aber auch keinen Kita-Platz für ihr Kind haben?
Wenn es ältere Geschwisterkinder gibt, die schon Deutsch sprechen, dann predige ich fast schon, dass sie Deutsch mit ihrem kleinen Geschwisterchen sprechen sollen. Auch erkläre ich den Eltern, dass es gut wäre, städtische Angebote anzunehmen oder mit dem Kind in die Turnstunde zu gehen beziehungsweise auch Einrichtungen wie die Musikschule zu nutzen.
Da sind wir ja aber an dem Punkt, dass es offensichtlich sehr viele bildungsferne Familien gibt, für die solche Aktivitäten überhaupt nicht zum Alltag gehören. Wie nehmen Sie das als Ärztin wahr?
Tatsächlich erlebe ich oft, dass Mütter gar nicht wissen, wie sie ihre Kinder beschäftigen sollen. Das heißt, ich habe Zwei- oder Dreijährige in meiner Praxis, die rennen herum, fassen alles an, schmeißen Sachen runter und man schafft es gar nicht, dass sie sich mal sammeln, um eine Sache konzentriert zu tun. Ein Bilderbuch anschauen, das können solche Kinder zum Beispiel nicht. Es geht also nicht nur um mangelnde Sprachkenntnisse, ich erlebe auch viele Kinder, deren Entwicklung nicht ihrem Alter entspricht.
Haben Sie auch Beispiele, wo das zum Beispiel mit den Sprachkenntnissen gut läuft?
Ja, zum Beispiel haben kurdisch- und arabischsprechende Kinder, die ich in den vergangenen Jahren in meiner Praxis im Hemshof betreut habe, im Vergleich zu rein türkisch sprechenden Kindern schneller bessere Deutschkenntnisse erworben. Die Infrastruktur im Hemshof ermöglicht es, dort ausschließlich mit türkischen Sprachkenntnissen zurechtzukommen und zu leben. Darauf hatte ich letztes Jahr auch bereits hingewiesen.
Derzeit wird über Familiengrundschulzentren debattiert. Mit deren Hilfe will man insbesondere bildungsferne Eltern erreichen sowie Angebote und Kooperationspartner unter einem Dach bündeln, um die Bildungschancen von Kindern zu verbessern. Aus Ihrer Sicht eine gute Idee?
Ja, ich denke schon. Denn in vielen bildungsfernen Familien fehlt die Alltagsstruktur. Und selbst, wenn ich Müttern oder Vätern sage, wohin sie sich wenden sollen, funktioniert es nicht. Man müsste sie fast schon an der Hand nehmen und direkt dorthin führen, weil es selbstständig einfach nicht funktioniert. Nicht weil sie es nicht wollen, sondern weil sie es wirklich nicht können – auch wenn wir uns das als Deutsche nicht vorstellen können. Zu sagen, „geh an die Schule oder die Kita“, die bekannt sind, wird aus meiner Sicht sehr viel besser funktionieren, als dazu aufzufordern, auf der Internetseite der Stadt nach Angeboten zu schauen.
Kommen wir noch mal zurück auf Ihre Erfahrung als Ärztin. Es gibt doch Vorsorgeuntersuchungen, die eigentlich das Frühwarnsystem dafür sein müssten, wenn bei Kindern Defizite in welcher Form auch immer bestehen. Oder nicht?
Ja, Vorsorgeuntersuchungen von Kindern bis zum Alter von fünf Jahren müssen in Rheinland-Pfalz gemeldet und registriert werden. Passiert das nicht, erfolgt eine entsprechende Meldung ans Gesundheitsamt, das der Sache dann nachgeht. Aktuell ist es nach meinen Informationen aber so, dass dem hiesigen Gesundheitsamt zirka zwei Drittel der Vorsorgeuntersuchungen nicht gemeldet werden, viele Eltern für das Amt auch nicht erreichbar sind.
Von zwei Dritteln der in Ludwigshafen gemeldeten Kinder liegt dem Gesundheitsamt keine Bestätigung vor, dass die ärztliche Vorsorgeuntersuchung durchgeführt wurde?
Berücksichtigen muss man an dieser Stelle vielleicht, dass das Gesundheitsamt wegen des Hackerangriffs auf die Kreisverwaltung viele Daten verloren hat. Aber was noch viel wichtiger ist, sich klar zu machen: In Ludwigshafen sind 2,5 Kinderarztsitze vakant, weil für Einzelpraxen heute keine Nachfolger mehr gefunden werden. Das bedeutet, um mal Klartext zu reden, dass rund 2500 Kinder ärztlich nicht versorgt sind. Diese Kinder werden also schlichtweg nicht gesehen, und es gibt dann niemanden, der im Falle eines bestehenden Migrationshintergrunds zum Beispiel sagt: Ihr müsst bitte Deutsch lernen, das ist wichtig. Bestimmt gibt es auch Eltern, die die Einladung zur Vorsorgeuntersuchung einfach wegwerfen, aber ich glaube, der bestehende und wirklich große Mangel an Kinderärzten ist das deutlich größere Problem.
Das heißt, dass auf Ihnen ganz persönlich eine große Verantwortung liegt.
Ja, ich bin sozusagen die Lobbyistin der unter Fünfjährigen! Die Politik muss verstehen, dass wenn keine zugängliche Struktur existiert, zum Beispiel also keine Kita-Plätze vorhanden sind, wir Kinderärzte die Einzigen sind, die Kinder bis zum Alter von fünf oder sechs Jahren überhaupt zu Gesicht bekommen.
Wie fühlen Sie sich angesichts der derzeitigen Lage?
Wenn ich ganz ehrlich bin, dann bin ich traurig. Darüber, dass ich in den 20 Jahren, die ich jetzt im Hemshof tätig bin, zusehen musste, wie sich die Situation für die Kinder so verschlechtert hat. Insbesondere, weil ich eine Zeit erlebt habe, in der es besser war. In der wir Kita-Plätze hatten, in der es Schulkindergärten gab, und wo man sah, die Kinder werden unterstützt und schaffen das gut.
Zur Person
Andrea Loechelt-Göksu ist 59 Jahre alt und arbeitet seit über 20 Jahren als – inzwischen einzige – Kinderärztin im Hemshof. Ihre Praxis ist am Carl-Wurster-Platz.