Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Der neue Polizeivize über das interne Klima, Krimis und Einsätze unter Adrenalin

Neuer Polizeivizepräsident: Andreas Sarter.
Neuer Polizeivizepräsident: Andreas Sarter.

Die eine geht, der andere kommt. Andreas Sarter ist Nachfolger von Anja Rakowski als Vizepräsident im Polizeipräsidium Rheinpfalz. Für ihn ist es eine Rückkehr. Über seine Ambitionen, Adrenalin beim Einsatz, das neue Präsidium und die Kritik an der internen Beförderungspraxis hat Steffen Gierescher mit ihm gesprochen.

Herr Sarter, wer Vize ist, der will doch bestimmt auch mal eine Behörde leiten. Welche schwebt Ihnen vor?
Die Frage ist natürlich etwas delikat (schmunzelt). Ich bin erst wenige Wochen hier und will jetzt erst mal ankommen und mich etablieren. Ich war die letzten zwölf Jahre in zahlreichen Funktionen unterwegs, unter anderem acht Jahre im Innenministerium und an der Polizeihochschule, wo ich Führungskräfte trainiert habe. Für mich ist das wieder ein Neuanfang, aber auch eine Rückkehr in meine Heimat. Im Polizeipräsidium Rheinpfalz bin ich in den höheren Dienst gestartet. Ob ich hier den Rest meiner Laufbahn bestreite und in welcher Position, das entscheiden letztlich andere.

Anders gefragt: Was muss denn jemand mitbringen für diese Position?
Ob Streifenwagen, Hörsaal, Ministerium oder Inspektionsleiter: Es ist schon gut, die Polizeiarbeit aus verschiedenen Perspektiven zu kennen. Dieses weite Spektrum bringe ich mit. Das qualifiziert mich für so ein Amt. Hinzu kommt: In einer immer komplexer werdenden Welt – Stichworte: technologischer Fortschritt und Einsatz von Künstlicher Intelligenz – geht es darum, den Überblick zu behalten, Interessen abzuwägen und dann gemeinsam Entscheidungen zu treffen. Dazu braucht es exzellente Führungskräfte im Umfeld. Moderieren, sich orientieren und einen Ausgleich suchen – ich glaube, das liegt mir. Flexibel und empathisch zu sein, das Know-how auch jüngerer Kolleginnen und Kollegen zu nutzen, ihnen Spielräume zu lassen, all das ist mit Sicherheit hilfreich.

Modell für das neue Poliezipräsidium.
Modell für das neue Poliezipräsidium.

Was hat Sie denn an dem Beruf gereizt als junger Mann?
Ich habe die Mittlere Reife auf der Handelsschule gemacht und bin als 17-Jähriger zur Polizei gekommen. Es gab da kein idealistisches Bild von Polizeiarbeit, wie ich es oft höre. Das hat sich entwickelt, Leidenschaft und Liebe zu dem Job haben sich langsam aufgebaut. Heute kann ich sagen, dass der Beruf einerseits gewisse Risiken birgt und sehr anspruchsvoll ist, aber anderseits auch unglaublich viele Möglichkeiten bietet. Man darf nicht abheben und muss immer wissen, welche Verantwortung man trägt – ob im Streifenwagen oder am Schreibtisch. Es geht um die Sicherheit der Menschen.

Da ist Ludwigshafen mit seiner Sozialstruktur und bald 180.000 Einwohnern kein einfaches Pflaster.
Die Einsatzfrequenz und die Anforderungen gerade an die jungen Kolleginnen und Kollegen sind in den Oberzentren enorm. Das ist richtig. In Extremsituationen, vollgepumpt mit Adrenalin, die Übersicht zu behalten und möglichst rational und richtig zu reagieren, bis zum Einsatz der Schusswaffe, wie bei der schrecklichen Tat in Oggersheim im Oktober – da ziehe ich vor jedem Kollegen den Hut, auch wenn man dafür ausgebildet wird. Aber auch auf dem flachen Land sind die Herausforderungen groß, dort lauern auch Gefahren. Nehmen Sie die fürchterlichen Polizistenmorde von Kusel im Januar 2022. Das hallt nach und hat uns alle tief getroffen.

Die Polizei ist ja auch dann gefordert, wenn sich Klimaaktivisten auf die Straße kleben. Haben Sie Verständnis für derlei Protestaktionen?
Ich bin weit davon entfernt, solche Rechtsverletzungen zu legitimieren. Sie sind durch nichts zu rechtfertigen. Ich verstehe natürlich das Ansinnen der jüngeren Generation, ihren Protest zu zeigen. Klimaschutz ist wichtig! Wenn das in legaler Form geschieht, ist das vollkommen okay. Es kommt auf die Wahl der Werkzeuge und Mittel an.

Am 3. August wurde Sarter offiziell ins Amt eingeführt und Rakowski wurde verabschiedet. Rechts Polizeipräsident Georg Litz.
Am 3. August wurde Sarter offiziell ins Amt eingeführt und Rakowski wurde verabschiedet. Rechts Polizeipräsident Georg Litz.

Apropos Werkzeuge. Am sogenannten Südwestknoten in der Innenstadt wird gerade das neue Präsidium gebaut. Immer wenn ich an der Baustelle vorbeifahre, denke ich mir: ja, zentral gelegen, aber verdammt eng. Wie geht es Ihnen damit?
Über die Frage der Enge und Spielräume habe ich mir noch keine tiefgreifenden Gedanken gemacht. Natürlich haben wir auf dem Schirm, wie man möglichst schnell und reibungslos in den Einsatz kommt. Ich bin mir aber sicher, dass wir das gut lösen werden. Ansonsten bin ich schon fasziniert, was da hochgezogen wird. Das wird ein gigantischer Fortschritt fürs Präsidium und die Stadt. Das wird allerfeinste Sahne und setzt Maßstäbe für die moderne Polizeiarbeit in Rheinland-Pfalz.

Wenn Sie zuletzt fleißig die RHEINPFALZ gelesen haben, was ich stark hoffe, dann dürfte Ihnen nicht entgangen sein, dass Gewerkschaften von einer umstrittenen Beförderungspraxis „nach Gutsherrenart“ sowie von „Klüngel und Gemauschel“ sprechen und zudem 500 Neueinstellungen jährlich für Schutz- und Kriminalpolizei und weitere 75 für die Verwaltung fordern. Wie ist Ihr Standpunkt zu beiden Themen?
Selbstverständlich lese ich die RHEINPFALZ. Und natürlich wird das intern diskutiert. Mein Eindruck ist, dass in der Berichterstattung verschiedene Themenbereiche vermengt werden und so in der Bevölkerung der Eindruck vermittelt wird, innerhalb der Polizei brodele es.

Und das ist nicht so?
Nach meiner Wahrnehmung nicht. Sie werden immer auf Unzufriedene treffen, aber wir sind weit entfernt von einem strukturellen Problem. Ich sehe das vollkommen gelassen. Natürlich muss man sich jeder Kritik stellen und jeweils nachhören, wo es hakt – auch hier in der Behörde. Das machen wir.

Und die Beurteilungspraxis?
Wir haben ein supertransparentes Beurteilungsverfahren. Das meine ich wirklich so.

Würden Sie sagen, das Betriebsklima in der Polizei ist gut?
Ich würde mich da weit aus dem Fenster lehnen und sagen: ja. Damit will ich nicht negieren, dass es in Einzelfällen immer wieder knirscht – wie in anderen Organisationen auf dieser Welt auch. Eines ist für mich klar: Das Thema innere Führung wird nach meiner Erfahrung in Rheinland-Pfalz sehr gut beackert. Umso mehr überrascht mich die Kritik der vergangenen Monate. Das haben wir wirklich nicht verdient.

Und das Thema Neueinstellungen?
Mit den erhöhten Einstellungszahlen der vergangenen Jahre befinden wir uns auf dem richtigen Weg. Die Zahlen sind nach oben gegangen, es war auch Zeit. Der positive Effekt: Die Polizei wird immer jünger.

Trauer um die Opfer der Messerattacke in Oggersheim im Oktober.
Trauer um die Opfer der Messerattacke in Oggersheim im Oktober.

Themenwechsel: Schauen Sie gerne Krimis?
Die Qualität wird nicht unbedingt besser. Auch beim Klassiker, dem „Tatort“, neige ich immer häufiger dazu, abzuschalten. Die Stilrichtung spricht mich nicht so an. Die Arbeit der Kommissare hat mit dem tatsächlichen Alltag wenig zu tun. Wenn wir uns diese Pannen leisten würden, gäbe es wirklich Anlass für Kritik. Davon sind wir weit weg.

Was war Ihr schönstes Erlebnis als Polizist?
Da gibt es viele. Am plakativsten ist vielleicht eines, über das damals auch die RHEINPFALZ berichtet hat. Dazu muss man wissen: Ich bin sportlich unterwegs und habe den einen oder anderen Landesmeistertitel im Crosslauf gewonnen. Bei einem Streifenwageneinsatz in Landau wurde ein Einbruch gemeldet. Wir haben den Täter auf frischer Tat gestellt. Er hat natürlich versucht zu flüchten, aber ich hatte ihn nach einem kurzen Sprint eingeholt.

Sartes Vorgängerin Anja Rakowski. Sie leitet seit Ende März die Polizeibehörde in Trier.
Sartes Vorgängerin Anja Rakowski. Sie leitet seit Ende März die Polizeibehörde in Trier.

Lassen Sie uns noch über einige Städte im Präsidiumsbereich sprechen und was Ihnen spontan dazu einfällt. Fangen wir mit Ludwigshafen an.
Charme und Charakter einer Arbeiterstadt, die auch kulturelle Akzente setzt. Hier ist eine meiner Großmütter geboren. Deshalb habe ich eine gewisse emotionale Bindung zu LU.

Frankenthal?
Strohhutfest.

Bad Dürkheim?
Wurstmarkt.

Speyer?
Dom. Jüdische Tradition.

Neustadt?
Hambacher Schloss, Wiege der Demokratie.

Landau?
Geburts-, Heimat-, Studentenstadt, ich bin begeistert.

Zur Person: Andreas Sarter

Der 55-Jährige – verheiratet, drei erwachsene Kinder – hat am 15. Juni seine neue Stelle als Vizepräsident des Präsidiums Rheinpfalz in Ludwigshafen angetreten. In der Vorder- und Südpfalz ist er für die Sicherheit von 900.000 Menschen verantwortlich. Der gebürtige Landauer leitet die Abteilung Polizeieinsatz. Sarter folgt auf Anja Rakowski, die am 27. März die Leitung des Präsidiums in Trier übernommen hat, als erste Frau an der Spitze einer Polizeibehörde in Rheinland-Pfalz. Am 3. August sind beide offiziell eingeführt, beziehungsweise verabschiedet worden. Sarter lebt im Kreis Südliche Weinstraße, wurde 1985 bei der Polizei eingestellt und war danach in diversen Funktionen bei der Bereitschaftspolizei und innerhalb des Präsidiums Rheinpfalz tätig.

Nach dem Studium an der Führungsakademie in Münster (heutige Deutsche Hochschule der Polizei) und dem Aufstieg in den höheren Dienst war Sarter seit 2004 zunächst stellvertretender Abteilungsleiter bei der Bereitschaftspolizei. Anschließend war er Leiter der Inspektion Pirmasens und Führungskräftetrainer an der Landeshochschule der Polizei. Es folgten acht Jahre im Ministerium des Innern und Sport. Hier wurde er zunächst als Leiter des Lagezentrums, anschließend als Verkehrs- und zuletzt als Einsatzreferent eingesetzt. Nachdem Sarter seit 2019 Vizepräsident beim Polizeipräsidium Einsatz, Logistik und Technik in Mainz-Hechtsheim war, ist der ambitionierte Laufsportler nun nach 22 Jahren, ebenfalls in der Funktion des Vizepräsidenten, wieder ins Präsidium Rheinpfalz gewechselt.

Für 900.000 Menschen zuständig

Das Polizeipräsidium Rheinpfalz mit Sitz in Ludwigshafen ist zuständig für die Sicherheit von rund 900.000 Menschen. Der Dienstbezirk der Behörde (rund 2200 Mitarbeiter) umfasst auf etwa 2400 Quadratkilometern die Vorder- und Südpfalz mit den Landkreisen Bad Dürkheim, Germersheim, Rhein-Pfalz-Kreis und Südliche Weinstraße sowie die kreisfreien Städte Frankenthal, Landau, Ludwigshafen, Neustadt und Speyer.

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