Ludwigshafen / Frankenthal
CDU-Mann Bilgin gewinnt Kopf-an-Kopf-Rennen ums Direktmandat, für Berlin reicht’s aber nicht
Der Abend bei der zentralen Wahlveranstaltung mit rund 100 Gästen im Frankenthaler Rathaus ist zumindest mit Blick auf den Kampf um das Direktmandat an Spannung kaum zu überbieten. Erst kurz vor 22 Uhr steht das vorläufige Endergebnis fest. Dieses produziert im Prinzip zwei Verlierer: Einmal Sertac Bilgin, weil er den klaren Sieger von 2021, Christian Schreider, einerseits hinter sich gelassen hat, wegen der Wahlrechtsreform und des auf 630 Köpfe geschrumpften Bundestags andererseits aber dennoch nicht das Berlin-Ticket zieht. Und natürlich und vor allem Schreider, der fast sieben Prozentpunkte über dem Zweitstimmen-Resultat seiner Partei ins Ziel geht – dem aber nur der direkte Erfolg eine Rückkehr in die Hauptstadt beschert hätte.
„Bitter und enttäuschend“
„Das ist sehr bitter und sehr enttäuschend“, bilanziert Schreider seine Niederlage. Der Gegenwind aus Berlin sei gewaltig, die Rückmeldungen an den 10.000 Haustüren im Wahlkampf seien stets die gleichen gewesen. „Die SPD ist mit dem falschen Spitzenkandidaten in die Wahl gezogen – statt mit dem beliebten Verteidigungsminister Boris Pistorius mit dem unpopulären Kanzler Olaf Scholz“, resümiert der 53-jährige Ludwigshafener.
Die SPD habe bundesweit das historisch schlechteste Ergebnis eingefahren und müsse jetzt umdenken, fordert der Jurist aus Friesenheim. Sein Appell: „Wir müssen die Meinungsbildung wieder von unten nach oben organisieren.“ Wie es bei ihm persönlich weitergeht, ist offen. „Mal schauen“, sagt er am Sonntagabend. Die relativ hohe Wahlbeteiligung von über 79 Prozent ist letztlich ein schwacher Trost für Schreider. Kein Wunder: Er fährt fast 8000 Stimmen weniger ein als noch 2021.
„Sertac“-Sprechchöre
Das CDU-Lager feiert Bilgin mit „Sertac“-Sprechchören, als feststeht, dass der Dannstadt-Schauernheimer das Direktmandat holt. „Ein Riesenkompliment an ihn, dass er das aus dem Stand geschafft hat“, lobt Peter Uebel, Fraktionschef im Ludwigshafener Stadtrat, den Unternehmer, der einen Pflegedienst mit 35 Mitarbeitern leitet. Dass der 43-Jährige dem neuen Bundestag nicht angehören wird, trübt die Freude sichtbar – auch bei seiner Familie, die ihn begleitet.
„Das tut mir schon weh“, sagt Bilgin. Einerseits. Andererseits sei er unterm Strich mächtig stolz auf das Erreichte: „Wir haben gewonnen, das war mein Ziel. Wir haben 96 Tage lang Wahlkampf gemacht und auf die richtigen Themen gesetzt. Ich danke vor allem meiner Ehefrau, meinem Team und der ganzen CDU-Familie. Die Unterstützung war phänomenal.“ Bilgin hofft, dass es dem neuen Kanzler Friedrich Merz mit einer stabilen Regierung gelingt, den notwendigen Politikwechsel einzuleiten.
Lange ein Dreikampf
Am Ende liegt Bilgin mit 27,1 Prozent der Stimmen knapp unter dem Zweitsimmen-Ergebnis der Union (27,5). Das Zehnerfeld der Kandidaten führt er mit 0,9 Prozentpunkten (1414 Stimmen) vor SPD-Mann Schreider sowie vier Prozentpunkten (6507 Stimmen) vor Stefan Scheil (AfD) an.
Lange mischt bei dem Kopf-an-Kopf-Rennen auch der Neuhofener Scheil mit. Die Führung zwischen dem Trio wechselt zunächst häufig. Erst spät, als die meisten der 299 Stimmbezirke ausgezählt sind, zeichnet sich ab, dass es dem 61-jährigen Neuhofener nicht für die Spitzenposition reicht. Er spricht von einem sehr starken Ergebnis. „Fast jeder Vierte hat uns hier gewählt“, sagt Scheil, der nur knapp unter dem Zweitstimmen-Ergebnis der AfD im Wahlkreis landet, aber klar über dem Wert der Partei im Bund liegt. Früher oder später werde sich die CDU nur mit der AfD Mehrheiten sichern können, prognostiziert der Publizist und Historiker.
Das sagt Armin Grau
Weil er über Landeslistenplatz 2 abgesichert ist, bleibt Armin Grau (65, Grüne) im Bundestag – obwohl er mit 7,7 Prozent der Stimmen nur Viertplatzierter im Kandidatenrennen ist und satte 3,5 Punkte gegenüber 2021 einbüßt. „Ich hätte mir natürlich mehr gewünscht“, meint er zu seinem Abschneiden, aber auch zu dem der Bundespartei, die – nach ersten Prognosen bei über 13 Prozent – im Laufe des Abends absackt. Wie SPD-Kollege Schreider habe auch er gegen den Bundestrend zu kämpfen gehabt, so der Mediziner aus Altrip. „Schlimm“ seien die AfD-Zugewinne.
Die Linke fühlt sich als Gewinner
Als einer der Gewinner des Wahlabends fühlt sich Jonas Leibig (31, Die Linke). Nicht unbedingt wegen der von ihm eingefahrenen 4,8 Prozent. Sondern wegen des Comebacks der Partei auf Bundesebene. „Wir machen Politik, die nah bei den Leuten ist. Das trägt Früchte“ – auch im Bezirk Vorderpfalz, dessen Vorsitzender Leibig ist. Nach seinen Angaben ist die Mitgliederzahl der Linkspartei seit dem Ampel-Aus vor Ort um 137 auf 267 gestiegen. Im Bund werde bald die 100.000er-Marke geknackt. Kritik übte der Ludwigshafener an Bilgins Kampagne, die in AfD-Manier „sehr nationalistisch“ geprägt gewesen sei.
