Ludwigshafen / Frankenthal
Bundestagswahl: Was SPD-Kandidat Christian Schreider antreibt
Die Stimme von Christian Schreider ist noch etwas belegt. Der 53-Jährige hat gerade eine Erkältung hinter sich. Der Winterwahlkampf fordert seinen Tribut. Für Schreider geht es bei der Bundestagswahl um alles. Gewinnt er das Direktmandat im Wahlkreis Ludwigshafen-Frankenthal erneut, dann hat er nach eigener Einschätzung beste Chancen, in Berlin weiter politisch arbeiten zu können. Er ist sicher, dass er als SPD-Kandidat im Falle eines Sieges das Direktmandat auch antreten kann – trotz der Wahlrechtsreform. Der Ludwigshafener hat zwar auch Platz 8 auf der Landesliste der Partei ergattern können. Doch die Sozialdemokraten stecken nach dem Ampel-Aus in einem Umfragetief. Der Partei droht ein schlechtes Wahlergebnis – ob ein Einzug ins Parlament über die Landesliste gelingen kann, ist daher offen.
Natürlich weiß das auch Schreider: „Es gibt deutlichen Gegenwind aus Berlin.“ Und so ist es auch kein Zufall, dass seine Person und der Slogan „Einer von uns“ auf seinen Wahlplakaten die Hauptrolle spielen. „So verstehe ich mich: Als Arbeiterkind und nicht als abgehobener Politiker“, sagt er. Die Themenfelder Arbeit, Verkehr, Sport und Sicherheit decken weitere Slogans der Kampagne ab, die sein Wahlkampfteam hier vor Ort konzipiert hat. Er absolviert im Wahlkampf ein gigantisches Pensum. Jeden Tag hat er mehrere Termine. Er will mit seiner Person unentschlossene Wähler überzeugen.
Kritik am „Tabubruch“
Mit der Bahn pendelt er zwischen Ludwigshafen und Berlin hin und her. Über 52.000 Kilometer sind in drei Jahren zusammengekommen. Im Bundestag schlugen in den vergangenen Tagen die Wogen hoch. Schreider war im Plenum, als CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz seine Anträge und einen Gesetzesentwurf zur Verschärfung des Asylrechts eingebracht hat – und dafür auch die Unterstützung durch die rechtspopulistische AfD in Kauf nahm. Schreider hat mit seiner Fraktion dagegen gestimmt. „Das war ein unnötiger Tabubruch der Union. Ich finde das bedrückend. Wir müssen in der demokratischen Mitte Hand in Hand arbeiten, um mehr Sicherheit zu erreichen“, sagt der Pfälzer. Die AfD-Abgeordneten hätten gefeixt, das sei sehr bitter.
In Friesenheim als Kind eines Schlossers und einer Verkäuferin aufgewachsen, fühlt sich Schreider schon lange der Sozialdemokratie verbunden, auch wenn er der Partei erst 2002 beigetreten ist. Er hat die Ochsentour in der SPD hinter sich: Der Friesenheimer Ortsverein ist seine politische Heimat, im Ortsbeirat hat er das kommunalpolitische Geschäft gelernt. Von dort ging’s in den Stadtrat, den SPD-Stadtverband und den Unterbezirk Vorderpfalz, wo er mittlerweile zur Führungsspitze zählt.
Das Thema Gerechtigkeit treibt Schreider an – deswegen hat er Jura studiert. Als Jurist arbeitete er für das Mainzer Innenministerium und zuletzt als Justiziar der Gewerbeaufsicht bei der Aufsichtsbehörde SGD Süd in Neustadt, wo er sich etwa um Arbeitsschutz kümmerte. Dann wurde er Berufspolitiker: 2021 gelang Schreider, was der SPD zuletzt 2005 im hiesigen Wahlkreis gelungen ist: das Direktmandat zu holen. Es war seine einzige Chance für den Sprung nach Berlin. Er hat es damals geschafft, den CDU-Bundestagsabgeordneten Torbjörn Kartes zu schlagen.
Verkehrsexperte der Fraktion
Berlin und der Reichstag haben den Mann aus der pfälzischen Provinz beeindruckt. Vor seiner ersten Rede im Plenum des Bundestags war er schon aufgeregt, räumt er ein. Mittlerweile stand er 13 Mal am Rednerpult vor dem großen Bundesadler. Er hat seinen Platz gefunden in der SPD-Bundestagsfraktion: Er kümmert sich um die Themen Verkehr und Sport. „Ich will Politik für die Menschen machen“, sagt er.
Seine Bilanz nach drei Jahren als Abgeordneter fällt positiv aus: Als seinen größten Erfolg bezeichnet er das Deutschland-Ticket, an dessen Einführung er mitgearbeitet hat. „Es war eine Riesenleistung, alle Verkehrsverbünde in Deutschland unter einen Hut zu bekommen“, verdeutlicht er. Auch die Bahnsanierung sei endlich angegangen worden. „Erstmals ist mehr in die Schiene als in die Straße investiert worden“, sagt der Verkehrsexperte. Gleichwohl habe er sich auch massiv dafür eingesetzt, dass der Bund die Hochstraßenprojekte in Ludwigshafen mit 334 Millionen Euro fördert. Auch an einem Sportfördergesetz hat Schreider mitgearbeitet. „Es liegt fertig in der Schublade. Aber dann kam der Ampel-Crash.“
Keine Grundlage mehr für Ampel
Dass die Bundesregierung auseinanderbrach, liegt nach Schreiders Einschätzung nicht an den Fachleuten der drei beteiligten Fraktionen. „Wir haben gut zusammengearbeitet“, sagt er. Aber die „Alphatiere“ an der Spitze der Koalition konnten am Ende nicht mehr miteinander. Der Ukraine-Krieg und das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum Bundeshaushalt hätten die Spielräume der Regierung finanziell drastisch eingeschränkt. Am Ende habe der Ampel nach gutem Start die Grundlage gefehlt, um weiterzumachen. „Es sind bewegte Zeiten. Ich hätte mir das vorher nicht so vorgestellt“, so Schreider.
Er will weitermachen – das Angefangene vollenden. „Ich gehe voll auf in der Aufgabe als Bundestagsabgeordneter. Mir macht das Spaß, Gesetze zu verhandeln und dabei um Formulierungen zu ringen“, sagt der Jurist. Um sich wieder zu erden, sei es auch wichtig, im Wahlkreis vor Ort zu sein. Mangelnde Präsenz in der Heimat dürften ihm auch seine politischen Gegner nicht vorwerfen: Über 420 Termine bei Firmen, Bildungseinrichtungen oder Verbänden hat er als Abgeordneter absolviert.
Bis zu 90 Wochenstunden
„Berufspolitiker zu sein, bedeutet 24/7 im Einsatz zu sein. 80 bis 90 Stunden Arbeitszeit pro Woche sind die Regel“, sagt Schreider, der nicht verheiratet, aber liiert ist. Was dann noch an Freizeit übrig bleibt, investiert er in Kunst, Kultur und Sport. Und so trifft man Schreider in Ludwigshafen auf dem Festival des Deutschen Films auf der Parkinsel ebenso wie beim Eulen-Heimspiel in der Ebert-Halle – bei der TSG Friesenheim ist er seit 1989 Mitglied. Er engagiert sich unter anderem ehrenamtlich als Sportrichter und als Vertreter der Vereine im Präsidium beim Fußball-Regionalverband.
Jetzt geht es in den Endspurt im Wahlkampf: „Ich hoffe, es dreht sich noch was für die SPD. Merz kann man nicht vertrauen. Er ist ein Effekthascher, hat sein Wort gebrochen und lässt zu, dass die AfD ihn unterstützt. Viele Leute mögen ihn nicht.“ Schreider hofft auch für sich auf einen Wahlerfolg – trotz der aktuellen politischen Stimmung. „Ich kämpfe dafür“, sagt er.
Zur Sache: Von Schreider spontan ergänzt
Ich will nach Berlin weil ...
...ich in der Arbeit für die Vorderpfalz aufgehe und sie gerne fortsetzen würde.
Dass die SPD bei der K-Frage auf ihren beliebtesten Politiker, Boris Pistorius, verzichtet hat, finde ich ...
... gut begründet, denn so haben wir beide auf der Kommandobrücke: Olaf Scholz als umsichtigen Bundeskanzler und Boris Pistorius als guten Verteidigungsminister.
Der größte Unterschied zwischen Ludwigshafen, Frankenthal und Berlin ist ...
... die Bodenständigkeit und Nahbarkeit der Pfälzer.
Die Kandidaten
Bisher erschienen: Eric von Nagel (FDP), Armin Grau (Grüne), Sertac Bilgin (CDU), Jan Mohammad (BSW), Stefan Scheil (AfD) und Hans Arndt (FWG).
Alle zehn zugelassenen Kandidaten finden Sie: hier.
Im Netz
Auf der Internetseite rheinpfalz.de/bundestagswahl2025 finden Sie weitere Infos zur Wahl am 23. Februar.