Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Peter Görtz über die Energiekrise und die Zukunft der Bäckerei

 „Ich will das Unternehmen über mein Berufsleben hinaus in die Zukunft führen“, sagt Peter Görtz.
»Ich will das Unternehmen über mein Berufsleben hinaus in die Zukunft führen«, sagt Peter Görtz.

Ausverkauf oder kluger Schachzug? Vor einer Woche hat Bäcker Görtz eine „strategische Partnerschaft“ mit dem norwegischen Unternehmen FSN Capital angekündigt. Jetzt steht fest: Die Familie hält dann nur noch 30 Prozent der Firmenanteile. Geschäftsführer Peter Görtz hat Steffen Gierescher erklärt, warum er diesen Weg eingeschlagen hat.

Herr Görtz, mit FSN Capital haben Sie ein norwegisches Unternehmen mit ins Firmenboot geholt. Warum? Und warum jetzt?
Weil wir die Bäckerei Görtz weiterentwickeln wollen. Ich will das Unternehmen über mein Berufsleben hinaus in die Zukunft führen.

Weiterentwickeln heißt konkret?
Wir wollen den technischen Fortschritt weiter mitgehen. Das Unternehmen Görtz soll in der Region eine noch stärkere Wahrnehmung erfahren, und wir wollen die Präsenz ausweiten, gesund expandieren. Standorte wollen wir weiter wie bisher dort etablieren, wo neue Wohngebiete entstehen oder ein neuer Supermarkt. Als Hersteller von regionalen Lebensmitteln muss es einfach unser Anspruch sein, dort zu sein, wo die Menschen sind.

Geht es auch darum, weitere Marktsegmente zu erschließen?
Eher nicht – wir sind ja bereits breit aufgestellt mit den Backwaren plus Café und dem gastronomischen Teil. Diese Bereiche werden sich auch in der Zukunft gut ergänzen.

Die aktuell rund 200 Filialen bilden insofern die Obergrenze?
Wir haben keine Strategie, zwanghaft zu wachsen. Wir wollen Chancen wahrnehmen. Entsteht im Umland etwas Interessantes, dann haben wir den Ehrgeiz, dabei zu sein.

Was bedeutet der Deal im Detail?
Wir bekommen einen starken Finanzpartner, der bereit ist, mit der Familie gemeinsam in die Zukunft zu investieren. Das ist wichtig, weil der technologische Fortschritt rasant und der Wettbewerb groß ist. Wir müssen neue Themengebiete entwickeln. Daher erweitern wir in der Zentrale in Rheingönheim auch das Backhaus massiv und investieren dafür inklusive Ausstattung 20 Millionen Euro. Es geht aber auch um Kapital und Wissenstransfer. FSN hat viel Erfahrung im Mittelstand und 23 Firmen im Portfolio. Wir können gemeinsam lernen, das Unternehmen weiterzuentwickeln. Wir als Familie haben das ja nur einmal gemacht im Leben. Es geht darum, aus einer Firma, die im Prinzip in einer Generation entstanden ist, etwas Dauerhaftes entstehen zu lassen. Das ist meine Vision für das letzte Drittel meines Berufslebens.

Bleibt Ihre Familie Mehrheitseigner?
Nein. Wir haben eine Minderheitsbeteiligung, aber mit 30 Prozent eine relativ große, und halten für die nächsten acht bis zehn Jahre die Geschäftsführung in der Hand: also mein Bruder Frank, ich und unsere Ehefrauen. Dann gehen wir auch Richtung 65. Und dann muss man sehen, wohin die Reise geht. Meine Tochter Anabel ist übrigens seit 2021 Bäckermeisterin. Nach dem Abschluss ihres Studiums hat sie die Möglichkeit, mit Bäcker Görtz in die Zukunft zu gehen.

Baustelle für den Erweiterungsbau der Görtz-Zentrale.
Baustelle für den Erweiterungsbau der Görtz-Zentrale.

Vor der Bekanntgabe der Partnerschaft gab es Gerüchte, Bäcker Görtz werde verkauft. Das können Sie insofern verneinen, oder?
Ganz verkauft, das kann ich verneinen, in Form einer starken Partnerschaft kann man das aber auch bejahen. Das war ja vorher nicht viel anders: Jeder Familienstamm hat 50 Prozent gehalten, das Unternehmen hat nie einem gehört, es waren immer zwei Familien, jetzt ist eine dritte Familie hinzugekommen.

Die aber erstmals nicht den Namen Görtz trägt und mehr als zwei Drittel der Anteile hält. Was verändert sich für die rund 2000 Mitarbeiter?
Momentan gar nichts. Das Geschäft wird ganz normal von der Familie fortgeführt, die Strukturen und die Vorgesetzten in allen Bereichen bleiben die gleichen. Dauerhaft ist der Arbeitsplatz bei Görtz jetzt wesentlich sicherer geworden. Wir sind nicht mehr alleine. Und wenn wirklich mal eine Krise käme, wären wir besser aufgestellt.

Käme? Wir sind doch schon auf dem Weg in eine Rezession.
Wir haben Corona gut hinter uns gebracht, und wir haben eine sehr schwierige Situation im Energie- und Rohstoffbereich, die wir auch hinbekommen haben, und die wir auch alleine hinbekommen hätten.

Aber …
… trotzdem ist es so, dass wir in den letzten drei, vier Jahren schon das eine oder andere Mal gedacht haben: Boah, kriegen wir das hin? Wir haben es hingekriegt. Aber ich bin nicht unglücklich darüber, dass wir im Notfall jemand hätten, der hilft.

Blick ins Backhaus.
Blick ins Backhaus.

Wie wirken sich die explodierenden Energiepreise auf Ihre Firma aus?
Das ist eine ganz heikle Situation für viele Branchen, nicht nur für Bäckereien. Natürlich arbeiten gerade Bäckereien sehr energieintensiv, und als Produzenten verarbeiten und brauchen wir Rohstoffe. Wir sind zudem abhängig davon, wie die Bevölkerung die Situation verkraftet, weil alles teurer wird und die Löhne nicht in gleichem Maße steigen. Von daher beobachten wir das Ganze genau. Was kann sich der Kunde erlauben, muss er sparen? Diese Punkte beschäftigen uns. Meine Eltern und ich haben jahrzehntelang sehr bodenständig gearbeitet. Die Firma ist sehr stabil, wir haben viele Strukturen und Immobilien geschaffen und ein großes Maß an Sicherheit. Wir hatten viel Zeit, um uns auf so eine Situation wie jetzt vorzubereiten.

Alle müssen kleinere Brötchen backen. Wie macht sich die Krise im Görtz-Umsatz bemerkbar?
Die Leute geben weniger Geld aus. Im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit sind alle gastronomischen Betriebe noch im Minus, bei uns sind das vier, fünf Prozent. Im Vergleich zum Vorjahr, wo die ersten fünf Monate die Cafés noch zu waren, sind wir acht Prozent im Plus. Also zu 2021 eine klare Steigerung, zu 2019 noch ein großes Defizit. Im Vorjahr betrug der Umsatz 121 Millionen Euro.

Warum haben Sie sich ausgerechnet für FSN Capital entschieden?
Wir sind erst mal stolz, dass sich ein international tätiges und erfahrenes Unternehmen wie FSN sich für einen deutschen Familienbäcker entscheidet. Das ist ungewöhnlich. Unternehmen wie FSN investieren gewöhnlich in Firmen wie Daimler-Chrysler, Siemens oder Allianz. Es gab ein Verfahren mit sechs, sieben Bewerbern. Letztlich waren es die Menschen, die wir getroffen und mit denen wir verhandelt haben. Wir teilen die gleichen Werte und die gleiche Vorstellung, wie ein Unternehmen erfolgreich in die Zukunft geführt werden soll. Das hat uns überzeugt. Wir haben über ein halbes Jahr lang Gespräche geführt und Daten ausgetauscht. So hat sich das über Monate verdichtet.

Eingang zur Görtz-Zentrale in Rheingönheim.
Eingang zur Görtz-Zentrale in Rheingönheim.

Wie viel Kapital bringt FSN ein?
(Lacht) Darüber haben wir Stillschweigen vereinbart.

Ist die Partnerschaft mit FSN auch der Krisensituation geschuldet?
Nein. Denn wir haben solche Überlegungen schon angestellt, bevor es diese Krisensituation gab. Das ist ja auch keine Bäckerei-Görtz-Krise, sondern eine globale Krise. Wir stellen ein Grundnahrungsmittel her und versuchen auch die Preissteigerungen im Energiesektor nur sehr moderat und sensibel an die Kunden weiterzugeben. Wir wollen sie ja nicht an Discounter verlieren.

Wie haben die Mitarbeiter auf die neue Partnerschaft reagiert? Die sind Ihnen bestimmt nicht um den Hals gefallen.
Ich will das gar nicht bewerten. Wir haben ehrlich informiert und klar kommuniziert, wo wir Chancen und Risiken sehen. Die Rückmeldungen waren so, dass die Mitarbeiter das verstanden haben. Wir wollen alle gemeinsam daran arbeiten, dass die Bäckerei Görtz noch in 20, 30 oder 40 Jahren besteht.

Wird der Name Görtz bleiben?
Ja. Es wird vieles bleiben. Das Einzige, was vergänglich ist, sind wir Menschen. In 40 Jahren bin ich über 90, da werde ich die Firma sicher nicht mehr leiten.

Am Erweiterungsbau wird schon sechs Monate gearbeitet.
Am Erweiterungsbau wird schon sechs Monate gearbeitet.

Wann wird die Erweiterung des zentralen Backhauses in Rheingönheim abgeschlossen sein?
Durch Corona hat sich die Planung um ein Jahr verzögert. Wir bauen seit sechs Monaten. Der Rohbau steht, im Januar soll das Dach drauf, die Fertigstellung ist für Mai/Juli 2023 vorgesehen. Die Erweiterung dient vor allem dem technologischen Fortschritt. Wir wollen Flächen schaffen, um neue Techniken einsetzen zu können, und es entsteht ein neuer Sozialtrakt.

Welche neuen Techniken meinen Sie?
Automatisierung im positiven Sinn, weil die körperliche Arbeit sehr anstrengend ist in einer Bäckerei. Wir wollen die Kollegen entlasten und auf keinen Fall Arbeitsplätze abbauen, sondern eher aufbauen. Das schwere Heben wollen wir möglichst vermeiden, ebenso wie die Wärmebelastung, und das Backverfahren modernisieren.

Kleinere Bäckereien klagen, eigentlich müsste man derzeit für einen Laib Brot bis zu acht Euro verlangen. Sie bangen um ihre Existenz.
Das kann ich nachvollziehen. Ich wünsche mir das nicht, aber vielleicht kann man in Deutschland irgendwann nicht mehr wettbewerbsfähig Brot backen. Die Schuhindustrie in Pirmasens gibt es ja auch nicht mehr. Mit acht Euro für ein Brot wären wir nah dran, nicht mehr konkurrenzfähig zu sein. Ein Toastbrot, das aus irgendeinem Ostblockstaat zu uns gefahren wird, wird für wenige Cent produziert.

Blick auf die Baustelle.
Blick auf die Baustelle.

Über Chancen der neuen Partnerschaft haben Sie viel gesprochen. Was sind die Risiken?
Zum Beispiel irgendwann zu merken, dass man sich mit dem Partner nicht mehr verträgt. Jeder, der verheiratet ist oder es war, kann das nachvollziehen.

Aber momentan sind Sie schwer verliebt?
Auf jeden Fall (lacht). Das Risiko in den Vordergrund zu stellen, würde ja jede Partnerschaft unmöglich machen. Es geht um gemeinsame Werte und einen ehrlichen Umgang miteinander. Man muss sich gemeinsam der Herausforderung des Lebens stellen, gemeinsam lachen und weinen können.

Und Norwegen wird jetzt Ihr bevorzugtes Reiseziel?
Dort gibt es auf jeden Fall günstiges Gas (lacht).

Auf das Sie angewiesen sind. Wie wappnen Sie sich für den Tag X, wenn kein Gas mehr fließen sollte?
Teures Gas ist ein Problem, kein Gas ein ganz anderes. Wir backen ja mit Gas, weil wir dem politischen Meinungsbild über viele Jahrzehnte gefolgt sind, dass Gas einfach sauberer ist als Öl. Wenn das Gas wirklich aus dem Netz weg wäre und der Druck fällt, wäre das für uns existenziell. Dann müssten wir die Produktion einstellen. Deshalb haben wir in den letzten Monaten unter großen Kraftanstrengungen für alle Öfen Ölbrenner besorgt, was gar nicht so einfach war. Die Lieferzeiten lagen teilweise bei sechs Monaten. Wir haben die Ölbrenner auf Lager gelegt, damit wir im absoluten Krisenfall innerhalb von vier, fünf Tagen auf eine Ölversorgung umstellen können. Das hat viel Geld gekostet, ist aber sozusagen eine Lebensversicherung für uns.

Das Kerngeschäft bleiben Brot und Backwaren.
Das Kerngeschäft bleiben Brot und Backwaren.

Sie sind nicht nur Unternehmer, sondern auch Ludwigshafener, der die Entwicklung in der Innenstadt intensiv verfolgt. Das „Metropol“-Hochhausprojekt am Berliner Platz ist zumindest vorläufig gescheitert. Was würden Sie sich vor Ort wünschen?
Bei unserem letzten Interview habe ich mir ja eine Markthalle gewünscht (lacht). Aber Spaß beiseite. Ich wünsche mir dort einen öffentlichen Platz. Ob das ein öffentliches Gebäude wie ein Rathaus ist oder ein Springbrunnen, sei mal dahingestellt. Ich glaube, dass eine Raumöffnung dem Platz guttun würde. Die Menschen brauchen dort eine Möglichkeit, sich zu treffen oder zu verweilen. Darauf sollte der Fokus liegen.

Zur Sache und Zur Person

Die 1963 gegründete Bäckerei Görtz mit heutigem Sitz in Rheingönheim ist mit 110.000 Kunden täglich, rund 200 Filialen und etwa 2000 Mitarbeitern Marktführer in der Metropolregion Rhein-Neckar. Das Angebot der GmbH reicht von Backwaren über Cafés bis hin zum Back-Bistro „Brotzeit“. In Rheinland-Pfalz sind es 102, in Baden-Württemberg 73 und in Hessen 18 Filialen. Jeweils 30 sind es in Ludwigshafen und Mannheim, acht in Speyer und vier in Frankenthal. Der Umsatz 2021 lag bei 121 Millionen Euro. Ende vergangener Woche hat der Familienbetrieb bis Ende des Jahres eine „strategische Partnerschaft“ mit dem norwegischen Unternehmen FSN Capital angekündigt, die laut Görtz von den Kartellbehörden bereits genehmigt wurde. FSN, 1999 gegründet, ist ein Fonds, der besonders Gelder von Pensionskassen betreut und laut eigenen Angaben über ein Vermögen von vier Milliarden Euro verfügt. Peter Görtz (54) führt die GmbH gemeinsam mit seinem Bruder Frank (47). Peter Görtz ist verheiratet, hat zwei Töchter, 21 und 24 Jahre alt, und lebt in Ludwigshafen.

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