Dannstadt-Schauernheim RHEINPFALZ Plus Artikel 1000 Kilometer ohne Motor: Unterwegs mit den Segelfliegern (mit Bildergalerie)

Im Cockpit des Segelflugzeugs. Wenn es sich schief legt, wirken starke Kräfte auf den Körper.
Im Cockpit des Segelflugzeugs. Wenn es sich schief legt, wirken starke Kräfte auf den Körper.

Teamarbeit am Boden, Einsamkeit in der Luft: Segelfliegen ist Sport, kein gemütliches Hobby. Und wenn man mal mitten auf dem Feld landet, ist das noch lange kein Drama.

Wenn das Flugzeug an der Winde hängt, bleibt kaum Zeit zum Nachdenken. Ein kurzer Ruck, ein Kribbeln im Bauch, dann schießt die Maschine ohne Motor in wenigen Sekunden auf rund 100 Stundenkilometer. Die Nase zeigt steil nach oben, der Boden fällt weg, die Welt wird klein. Das Schleppseil klinkt aus, die letzte Verbindung zum Boden, und plötzlich rauscht nur noch der Wind an der kleinen Kabine vorbei.

Mit einem Segelflugzeug zu fliegen, ist ein besonderes Gefühl. Doch wer glaubt, das sei nur ein gemütliches Hobby, der täuscht sich. „Das ist ein richtiger Sport mit Meisterschaften. Wir wollen möglichst schnell möglichst weit kommen“, sagt Lutz Hildebrandt, stellvertretender Vorsitzender des Segelflugsportvereins Ludwigshafen. Und das ist keine Übertreibung: Vereinschef Peter Mangold hat es einmal geschafft, mehr als 1000 Kilometer am Stück zu fliegen – ganz ohne Motor, ganz ohne Landung. Zehn Stunden war er damals in der Luft, vom Dannstadter Flugplatz bis nach Regensburg und Albstadt und wieder zurück.

Lutz Hildebrandt (links) und Peter Mangold, die beiden Vorsitzenden des Segelflugsportvereins Ludwigshafen.
Lutz Hildebrandt (links) und Peter Mangold, die beiden Vorsitzenden des Segelflugsportvereins Ludwigshafen.
Vorbereitungen auf den Start.
Vorbereitungen auf den Start.
Alle wichtigen Flugdaten findet man auf den Anzeigen am Armaturenbrett.
Alle wichtigen Flugdaten findet man auf den Anzeigen am Armaturenbrett.
Die Pfalz von oben: Rechts unten im Bild sieht man die Baustelle des neuen Umspannwerks von Amprion. Wegen der Nähe zum Flugplat
Die Pfalz von oben: Rechts unten im Bild sieht man die Baustelle des neuen Umspannwerks von Amprion. Wegen der Nähe zum Flugplatz musste die Winde auf nicht leitfähige Kunststoffseile umgestellt werden.
Blick auf Schifferstadt.
Blick auf Schifferstadt.
Wieder am Boden angekommen. Bei dem Segelflugzeug handelt es sich um einen Zweisitzer zum Fliegen lernen. Gesteuert werden kann
Wieder am Boden angekommen. Bei dem Segelflugzeug handelt es sich um einen Zweisitzer zum Fliegen lernen. Gesteuert werden kann vorne und hinten.
Nach dem Flug wird das Segelflugzeug wieder zurück gebracht, damit es wieder starten kann. An guten Tagen gibt es auf dem Flugpl
Nach dem Flug wird das Segelflugzeug wieder zurück gebracht, damit es wieder starten kann. An guten Tagen gibt es auf dem Flugplatz bis zu 60 Starts.
In der Garage stehen auch Motorflugzeuge, mit denen man die Segler in die Luft ziehen kann.
In der Garage stehen auch Motorflugzeuge, mit denen man die Segler in die Luft ziehen kann.

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„Man muss körperlich fit sein“, sagt Mangold. Beim sogenannten Kurbeln etwa, wenn das Flugzeug in der Thermik aufsteigt, steht das Flugzeug im 45-Grad Winkel in der Luft. Dabei wirken starke G-Kräfte auf den Körper und man wird in seinen Sitz gepresst. Essen, trinken, sogar der Toilettengang – alles passiert während des Flugs. Mangold vergleicht das Segelfliegen mit Schach: „In einer Minute triffst du 60 Entscheidungen, viele kleine, aber auch große. Die nächsten 20 Minuten Flugstrecke solltest du im Kopf haben.“ Da reichen ein paar Stunden in der Luft, um nach dem Flug erschöpft zu sein.

Außenlandung ist nicht gleich Notlandung

Ziel sei es immer, wieder zum Flugplatz zurückzukehren. Doch wenn das mal nicht klappt, sei das noch lange kein Drama, sagen die beiden Segelflieger. Vor eineinhalb Wochen landete ein Segelflugzeug bei Heidelberg auf einer Wiese. Die Polizei sprach von einer Notlandung. „Das war keine Notlandung“, sagt Hildebrandt und schüttelt den Kopf. Außenlandungen – also Landungen außerhalb von Flugplätzen – gehören zum Sport dazu. „Viele Laien denken, es sei etwas Schlimmes passiert, wenn sie ein Flugzeug mitten auf der Wiese sehen, und rufen die Polizei. Aber dem Piloten geht es dann meistens gut – und er ist nur schlecht gelaunt.“

Eine Außenlandung bedeute schlicht: Der Aufwind hat nicht gereicht. Also landet man kontrolliert auf einem Feld oder einer Wiese, die man sich vorher aus der Luft gesucht hat. Das lerne jeder in der Ausbildung, sagt Hildebrandt. Schäden am Flugzeug können passieren – Löcher im Acker, unebener Boden. Aber das sei eingepreist, das Flugzeug versichert. Der Bauer sei oft nicht begeistert, wenn plötzlich ein Flieger auf seinem Feld stehe – erlaubt sei es trotzdem.

Landung im Ziegenkot

„Wenn man auf einer Wiese gelandet ist, ruft man beim Flugplatz an – und wird erstmal ausgelacht“, sagt Mangold. Dann komme jemand mit dem Anhänger und hole den Piloten und sein gestrandetes Flugzeug ab. „Oder man fragt bei einem nahegelegenen Flugplatz, ob sie einen wieder in die Luft bringen können. Man hilft sich in der Szene. Es kann ja jeden treffen.“ Inzwischen gebe es aber auch viele Segelflieger mit Motor, um genau das zu verhindern, sagt Hildebrandt. „Außenlandungen sind dadurch deutlich seltener geworden.“

Mangold selbst landete vor zwei Jahren in Frankreich – auf einer Wiese voller Ziegenkot, bei über 30 Grad, ohne ein Wort Französisch zu sprechen. „Aber das sind die Geschichten, aus denen gute Anekdoten werden.“

In den Wolken lesen

Segelflieger lesen den Himmel wie andere eine Landkarte. „Erfahrene Piloten erkennen die Thermik an den Wolken“, sagt Hildebrandt. Wo sich die richtigen Wolken auftürmen, geht es nach oben. Bei komplett blauem Himmel wird es schwieriger – dann braucht es Erfahrung, Bauchgefühl und manchmal auch etwas Glück. Im Gegensatz zu einem Motorflugzeug, das von einem Propeller nach vorne gezogen wird, „bezahlt“ ein Segelflugzeug jede Vorwärtsbewegung mit seiner Höhe. Höhe ist der Sprit des Flugzeugs – und den kann es nur dort wieder auftanken, wo die Luft aufsteigt.

Um den Flugbetrieb möglich zu machen, braucht es gute Zusammenarbeit. An manchen Tagen gibt es in Dannstadt-Schauernheim bis zu 60 Starts. Jeder ist auf den anderen angewiesen. Aber sobald man in der Luft ist, ist man plötzlich allein mit sich selbst. Noch etwas, was den Sport besonders mache, sagt Mangold.

„Höher als jeder Berg Europas“

Wie weit und wie hoch man kommen kann, überrasche viele, sagt der Vereinsvorsitzende. Er selbst sei einmal bis auf 6100 Meter gestiegen – höher als jeder Berg Europas. „Da brauchst du Sauerstoff und beheizte Kleidung. In der Kabine kann es minus 20 Grad haben.“ Solche Höhen sind aber selten. Meistens bleiben die Piloten unter etwa 3000 Metern, auch um nicht plötzlich einem Flugzeug auf Linienflug zu begegnen.

Jeder Flug bringt neue Eindrücke. „Ob Liebesgrüße auf dem Acker, Heidelberg oder das Schwetzinger Schloss von oben – man erlebt immer etwas Besonderes“, sagt Mangold. Ein Wermutstropfen: Das Hobby ist extrem wetterabhängig. Bei starkem Regen oder Gewitter kann man nicht starten. Und ohne Aufwinde kommt man auch nicht allzu weit. Dann reicht es höchstens, um ein paar Mal über dem Platz zu kreisen, auf Dannstadt, Mutterstadt, Limburgerhof oder Schifferstadt hinabzusehen. Man sieht die Autobahn, die Felder oder die Baustelle des neuen Umspannwerks. Doch dann geht es auch schon wieder in den Sinkflug.

Die Hauptsaison der Segelflieger ist von März bis Oktober – wobei der Frühling häufig die bessere Zeit sei, sagt Mangold, und nicht der Sommer, wie viele denken würden. „Thermik entsteht nicht, wenn es heiß ist, sondern durch Temperaturunterschiede“, erklärt er.

„Kein elitäres Hobby“

Auf dem Flugplatz fällt auf: Es sind fast nur Männer unterwegs. Hildebrandt findet das schade. „Fliegen kann jeder, unabhängig vom Geschlecht.“ Auch mit einem weiteren Vorurteil wollen die beiden Vereinsvorsitzenden aufräumen: Segelfliegen gilt oft als elitäres Hobby. Zu Unrecht, sagen sie. „Das ist anders als Reiten, Golfen oder Skifahren“, sagt Mangold. Der Segelschein kostet rund 2000 Euro – weniger als ein Führerschein fürs Auto. Ein eigenes Flugzeug braucht niemand. In Dannstadt-Schauernheim gehören die Maschinen dem Verein, jeder kann sie nutzen. Der Flug selbst kostet nichts. „In der Luft verursacht das Flugzeug ja keine Kosten“, sagt Mangold.

Nur der Start koste etwas. Der Windenstart ist günstiger, aber man ist auf Thermik in der Nähe angewiesen. Der Flugzeugschlepp ist teurer, bringt den Segler aber höher – und er kann sich direkt in gute Aufwinde schleppen lassen und mit Glück einmal quer über Deutschland fliegen.

Dann steuert der Segelflieger wieder den Flugplatz an, die Bäume, die Häuser und Autos werden größer. Das Flugzeug setzt auf, es ruckelt und schließlich steht es wieder fest auf dem Grund. „Auch nach Jahren wird es nicht langweilig“, sagt Hildebrandt. Es fühle sich noch immer an wie ein Privileg, fliegen zu können.

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