Die Meinung aus der Stadt
Hemshof: Ärztin warnt vor massiven Sprachproblemen bei Kindern
Frau Loechelt-Göksu, Sie erleben, dass es seit Pandemiebeginn vor allem bei jüngeren Kindern massive Defizite gibt und sich auch deren Gesundheit verschlechtert. Welche Beispiele gibt es dafür konkret?
Tatsächlich steht es um die Gesundheit der Kinder im Stadtteil Hemshof schon immer nicht besonders gut, aber ausgelöst durch die Pandemie haben etwa organische Probleme wie Fettleibigkeit zugenommen – bei manchen Kindern in einem Rahmen von bis zu 20 Kilogramm in den letzten eineinhalb Jahren. Es sind aber auch psychische Probleme bei Kindern und deren Eltern aufgetreten: Ein- bis Zweijährige legen ein so starkes Trotzverhalten an den Tag, dass selbst die Eltern es nicht mehr durchbrechen können.
Worauf führen Sie diese Entwicklung zurück?
Das ist unter anderem eine Folge der Kontaktverbote und Lockdowns in Kindertagesstätten, Schulen oder auch Sportvereinen. Vielfach müssen die Eltern über lange Zeit in den eigenen vier Wänden mit den Kindern zurechtkommen. Deren Alltag ist dann oft nicht strukturiert, und ein solches „in den Tag hineinleben“ hilft kleinen Kindern nicht. Eine große Rolle spielt allerdings auch der Medienkonsum, der bei einigen Kindern schon Suchtpotenzial erreicht hat.
Auch schon bei ganz kleinen Kindern?
Ja, auch schon ein- oder zweijährige Kinder werden mit dem Handy ruhiggestellt, sobald sie es greifen können. Wenn die Kinder quengeln, zeigen manche Mütter Bilder oder Videos von der Familie, in manchen Fällen sind es aber auch schon Spiele, die dem Kind auf dem Handy angeboten werden.
Noch mal zurück zum fehlenden Kontakt zu Gleichaltrigen: Ist das wirklich erst seit Beginn der Pandemie ein Problem?
Die Corona-Pandemie hat das Ganze sicherlich noch einmal verschärft, aber das Fehlen vielfältiger sozialer Kontakte zu Gleichaltrigen wurde schon lange vor der Pandemie durch fehlende Kita-Plätze verursacht. Hier manifestieren sich leider Entwicklungsproblematiken, welche sich kaum aufholen lassen.
Von welchen Problemen reden wir da konkret?
Das sind insbesondere Sprachprobleme: Ich frage bei meinen Untersuchungen zum Beispiel immer wieder ab: „Wo sind die Augen, die Hände, der Mund?“ Aber viele Vier- bis Fünfjährige können das auf Deutsch nicht benennen oder zeigen. In ihrer Muttersprache dann allerdings schon.
Das heißt, Sie selbst sprechen zum Beispiel Türkisch oder Bulgarisch?
Ich persönlich nicht, aber meine Arzthelferinnen. Für Türkisch, Kurdisch, Albanisch, Arabisch und Polnisch können wir deshalb verifizieren, dass die meisten Kinder meine Fragen in ihrer Muttersprache durchaus beantworten können, aber keine Deutschkenntnisse besitzen.
Ist das heute häufiger der Fall als in früheren Jahren?
Ich bin jetzt 20 Jahre Kinderärztin im Hemshof und würde schon sagen, dass das so ist. Wir haben heute zunehmend eine Elterngeneration, die zwar hier aufgewachsen ist, die sich dann aber oft auch nicht deutschsprachige Lebenspartner aus dem Heimatland sucht. Und wir haben eine Infrastruktur im Hemshof, die ermöglicht, dass man ohne Deutschkenntnisse dort leben kann. Diejenigen Familien, die strukturiert und integriert sind, die reden mit ihren Kindern zu Hause auch Deutsch. Aber wir haben im Hemshof eben auch Bevölkerungsschichten, die aus einem sehr ländlichen Umfeld zu uns nach Deutschland kommen, kaum Schulbildung haben, und zum Beispiel auch keine Bücher lesen. Es ist deshalb so wichtig, dass wir insbesondere die Zwei- und Dreijährigen beachten, dass wir ihnen eine Struktur anbieten, in der sie sehr früh deutsche Sprachkenntnisse erwerben können – deshalb sind Kitaplätze so wichtig, und davon fehlen aus meiner Sicht zu viele.
Welchen Unterschied sehen Sie bei kleinen Kindern, die entweder zu Hause oder in einer Kita betreut werden?
Ich habe Beispiele von berufstätigen Müttern die ihre Kinder mit einem Jahr in die Krippe gegeben haben. Wenn ich diese Kinder mit zwei Jahren untersuche, dann können sie sprechen, sie sitzen still, machen mit und sind interessiert. Und im Gegensatz dazu habe ich Kinder, die zu Hause zwei Jahre lang machen durften, was sie wollten – und diese Kinder interessieren sich nicht für die Untersuchungen. Sie rennen oft rum, haben Probleme still zu sitzen. Diesen direkten Vergleich habe ich in meiner Praxis recht häufig.
Aber an diesem Punkt spielt es keine Rolle, ob die Familie einen Migrationshintergrund hat, oder?
Nein, das ist ein allgemeines Phänomen, das ich erlebe. Es hat nichts mit sprachlichem oder kulturellem Hintergrund zu tun.
Lassen Sie uns noch kurz über das Thema ärztliche Versorgung sprechen: Wie sieht aktuell die Situation bei den Kinderärzten aus?
Nachwuchssorgen in diesem Zusammenhang sind ein generelles Problem. Sowohl in Kinderkliniken können längst nicht mehr alle Stellen besetzt werden, aber auch Kinderarztpraxen werden nicht mehr nachbesetzt. Hier im Hemshof fehlen mindestens zwei niedergelassene Kinderärzte für die Versorgung der Kinder. Aber die Arbeit in einem sozial schwachen Stadtteil wie dem Hemshof ist natürlich verbunden mit viel Zeit, die man als Arzt in die Behandlung und in notwendige Erklärungen investieren muss. Da schwingt schon auch mit, dass man diese konkrete Art der Arbeit wollen muss.
Sie wollen ja aber zum Glück schon seit 20 Jahren. Was ist denn das Tolle daran, Kinderärztin im Hemshof zu sein?
Oh, es ist nicht nur anstrengend, sondern die Arbeit gibt mir auch viel. Ich würde zum Beispiel sagen, dass das Vertrauen in mich als Kinderärztin wesentlich höher ist, als in anderen Ludwigshafener Stadtteilen. Ich bin hier sozusagen in allen Lebenslagen relevant und höre oft: „Jetzt fragen wir erstmal die Frau Doktor, was sie so meint.“
Zur Person
Andrea Loechelt-Göksu ist 58 Jahre alt und arbeitet seit 20 Jahren als Kinderärztin im Hemshof. Ihre Praxis ist am Carl-Wurster-Platz.