Hintergrund
Wo die Wut der Gastronomen ungefiltert tobt
Schließen. Schon wieder. Knapp zwei Wochen vor Ostern durften die Gastronomen ihre Terassen wieder öffnen, nun, angesichts gestiegener Inzidenzwerte, sind sie schon wieder dicht. Es ist ein neuer Tiefschlag für die Wirte und Hoteliers sowie deren Angestellte, die schon seit dem Ende Oktober verkündeten „Wellenbrecher-Lockdown“ ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen konnten – eigentlich im Großen und Ganzen seit dem 22. März vergangenen Jahres.
Mal auf, dann wieder zu – mal gibt es spärlich fließende Soforthilfen, dann wieder nicht: Für eine gesamte Branche haben sich also viele Gründe angesammelt, wütend zu sein. Und der Zorn wächst. Demagogen oder Verschwörungsmystiker versuchen, das zu nutzen. Sie verbreiten ihre Erzählungen und stoßen kaum auf Widerspruch.
Das zeigt die private Facebook-Gruppe „Wir müssen etwas tun Gastgewerbe Rheinland-Pfalz“. Dort haben sich Stand Dienstag rund 800 Mitglieder versammelt. Unter den aktiven Mitgliedern sind die Klarprofile einiger Gastwirte aus der Südpfalz, dem Raum Neustadt oder Bad Dürkheim. Auch Mitarbeiter scheinen dabei zu sein.
Verschwörungsmythen und Querdenker-Infos
Die Wut tobt hier ungefiltert. „ (...) find es aber gerade total scheisse, dass sich keine Promiköche melden, haben vielleicht Schiss vor falscher Presse. Aber Werbung geht immer!!!“, heißt es beispielsweise. Ein Landauer teilt Inhalte, die fordern, Bundeskanzlerin Angela Merkel wegen der „zahllosen Rechtsbrüche“ vor Gericht zu stellen. Das ist eine in rechtsradikalen und -extremen Kreisen beliebte Erzählung, die seit der Flüchtlingskrise 2015 im Umlauf ist. Sie wird ständig erweitert und an die jeweils aktuelle Lage angepasst.
Besonders aktiv sind ein Südpfälzer Gastwirt sowie eine Hotelgeschäftsführerin. Der Gastwirt verbreitet beispielsweise Informationen eines Querdenker-Anwalts, der eine Sammelklage in den USA gegen PCR-Tests angekündigt hat. Die Südpfälzerin hingegen stand bereits im vergangenen Jahr im Fokus einer kurzen Kontroverse. Sie hatte an einem Video einer früheren Frontfrau des rechtsextremen Frauenbündnis Kandel mitgewirkt. Unter anderem der Verein Toleranz und Menschlichkeit hatte auf die Zusammenarbeit hingewiesen. Daraufhin wurde das Video gelöscht, die Südpfälzerin distanzierte sich von der Verbindung. Es habe sich in einem Gespräch herausgestellt, dass die Rechtsextreme professionell Videos mache, also habe man ad hoc eine Zusammenarbeit vereinbart, hieß es damals. Es sei ihr zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt gewesen, dass die Frau eine Führungsfigur in der südpfälzischen rechtsextremen Szene ist. Heute teilt die Frau in der Gruppe Verschwörungsmythen – wie „The Great Reset“.
Widerspruch wird abgebügelt
Das ist ein Slogan des und Weltwirtschaftsforum-Gründers Klaus Schwab, mit dem er nach eigener Aussage für eine Politik plädiert, die auf Risiken wie Pandemien besser vorbereitet ist, erklärt Bernd Harder. Er ist Sprecher der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften – ein gemeinnütziger Verein, der sich unter anderem mit Verschwörungstheorien befasst. Verschwörungsgläubige sehen laut Harder darin den Versuch, mit der Corona-Krise als Vorwand eine ,neue Weltordnung’ zu errichten, in der einige Superreiche diktatorisch schalten und walten können. „Dieser Verschwörungsmythos befeuert klassische Feindbilder von ,geheimen Mächten’ im Hintergrund und kann in reale Gewalt beziehungsweise Hasskriminalität umschlagen.“
Kaum einer widerspricht. In einem Fall versucht es ein Mitglied und bezeichnet einen Inhalt als „Verschwörungstheorie“. Mehrere Profile kontern die Äußerung des Mannes und bügeln ihn ab, danach ist Ruhe. Er schweigt. Geholfen hat ihm niemand. Ein Pirmasenser Gastronom, der von der dortigen Lokalausgabe der RHEINPFALZ vorgestellt wird, wird attackiert. „Wie viel hat er vom System für sein Gefasel erhalten?“, schreibt einer. „Nestbeschmutzer“ ein anderer. Der Wirt hatte sich positiv über das Corona-Krisenmanagement von Staat und Stadt geäußert.
Geteilt werden auch Ideen für Plakate, mit denen die Betroffenen auf ihre Lage hinweisen könnten. Ein großes Thema ist auch die Luftballon-Aktion vom vergangenen Wochenende, die die Gastronomen angestoßen haben. Manche versuchen also, konstruktiv mit der Lage umzugehen. Aber es brodelt. Und eine klare Abgrenzung vom rechten Rand gibt es nicht.



