Südpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Nach Chaos zum Jahreswechsel: Hausärzte rufen um Hilfe

Zwischen den Jahren gab es lange Schlangen vor dem Ärztlichen Bereitschaftsdienst in Landau.
Zwischen den Jahren gab es lange Schlangen vor dem Ärztlichen Bereitschaftsdienst in Landau.

Lange Schlangen vor Notfallzentralen sind erst der Anfang. Der Zusammenschluss der Südpfalz-Docs warnt vor schweren Versorgungsengpässen im Hausärztebereich. Die Kassenärztliche Vereinigung gibt den Patienten eine hohe Mitschuld. Kluge Großmütter wären eine große Hilfe.

„Gut, dass das Thema aufgeploppt ist. Es zeigt, wie die Zukunft aussehen wird.“ Und die sei düster, sagt Jonas Hofmann-Eifler, Allgemeinmediziner und Chef der Südpfalz-Docs, zu den langen Warteschlangen vor der Notfalldienstzentrale Landau zwischen Weihnachten und Neujahr. Dies sei „nur die Spitze des Eisbergs“ gewesen. Hofmann-Eifler ist überzeugt davon, dass das Hauptproblem der Ärztemangel ist. Das lastet er der Politik an, er sieht aber auch Versäumnisse bei der Kassenärztlichen Vereinigung.

DIE RHEINPFALZ hatte den Fall einer Patientin geschildert, die am Dienstag nach Weihnachten wegen einer schweren Halsentzündung medizinische Hilfe suchte, aber bei keiner Praxis fand. Auch bei den Notfalldienstzentralen mit der Rufnummer 116117 (auch als Bereitschaftspraxen bekannt) hatte sie zunächst kein Glück. Erst am Abend bekam sie einen Termin in Landau. Ähnliche Erlebnisse schilderten weitere Leserinnen und Leser, und ähnliche Probleme gab es auch in anderen Kommunen.

Zuständig für die Organisation der Notfalldienste ist die Kassenärztliche Vereinigung (KV) mit Sitz in Mainz. Die hat die Kritik zurückgewiesen, zuerst im Gespräch mit der RHEINPFALZ, am Mittwoch auch noch gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Zur Sicherstellung der ärztlichen Versorgung sei die KV darauf angewiesen, „dass die Politik den ärztlichen Nachwuchs im Blick hat, die richtigen Rahmenbedingungen schafft und ausreichend Medizinstudienplätze zur Verfügung stellt“.

Zu viele Hausarztstellen unbesetzt

Die Südpfalz-Docs um Hofmann-Eifler sind ein ehrenamtlich organisiertes Netzwerk junger Mediziner, die sich zum Ziel gesetzt haben, die medizinische Versorgung im ländlichen Raum sicherzustellen und für bessere Arbeitsbedingungen zu sorgen. Nach Überzeugung des jungen Mediziners, der in einer großen Gemeinschaftspraxis in Rheinzabern arbeitet, ist der Ärztemangel krass. Schon jetzt seien viele Praxen unbesetzt, weil sich keine Interessenten dafür fänden. Nach einer Übersicht der KV sind allein in Germersheim 10,5 Hausarztstellen unbesetzt, in Landau sieben, in Neustadt 21, in Wörth/Kandel 3,5. Bei 53 Planungsbereichen im ganzen Land gibt es nur vier, in denen keine Hausärzte fehlen. Laut Hofmann-Eifler gibt dies aber nur ein sehr unvollständiges Bild wieder: Es gebe aufgrund veralteter Planungsgrundlagen von 1994 viel zu wenig Kassensitze.

Die Versorgungssituation werde sich schon sehr bald noch weiter verschlechtern, denn die Hälfte alle Ärztinnen und Ärzte in der Südpfalz sei über 60 Jahre alt. „Wir Ärzte sind selbst verzweifelt“, sagt Hofmann-Eifler. Auch er fordert von der Politik, endlich mehr Medizin-Studienplätze zu schaffen und hält auch den extrem hohen Notenschnitt für die Zulassung zum Studium für nicht gerechtfertigt. Doch selbst wenn die Landesregierung sofort reagieren würde – Hoffnungen auf einen Medizin-Studiengang hat sich beispielsweise die Uni Koblenz nach der Trennung von Landau gemacht – , würden noch etwa zwölf Jahre ins Land gehen, bis junge Fachärzte für Allgemeinmedizin fertig ausgebildet seien. Bewerber gebe es genug, betont er.

Zu viel Bürokram

Ein weiterer Aspekt sei, dass 70 Prozent der Studierenden im Fachbereich Medizin Frauen seien. Wenn man Familie und Beruf unter einen Hut bringen wolle, seien ganz andere Arbeitsmodelle erforderlich, beispielsweise mit Homeoffice, Videosprechstunden und Telemedizin. Andernfalls würden noch mehr junge Mediziner in die Kliniken abwandern.

Hofmann-Eifler bezweifelt auch, dass tatsächlich so viele Praxen zwischen den Jahren geschlossen gewesen seien – und wenn, dann ganz sicher nicht, weil die Mediziner Golf spielen wollten. „Wir haben von unseren Patienten andere Rückmeldungen“, betont Hofmann-Eifler: Die Praxis sei geöffnet gewesen und sei das immer. In großen Einheiten könne man sich gegenseitig vertreten und nicht-medizinische Arbeiten untereinander aufteilen.

Doch viele Kolleginnen und Kollegen hätten sich zwischen den Feiertagen mit der überbordenden Bürokratie befasst, Quartalsabrechnungen oder die Steuererklärung gemacht. Der Ärzteverband Virchowbund hat in diesen Tagen die Ärzte aufgerufen, ihre Praxen nur noch an vier Tagen zu öffnen und den Mittwoch komplett für Büroarbeiten zu nutzen – was die Lage weiter verschlechtern dürfte.

Burnout und Abwanderung drohen

Viele Kollegen seien auch auf Hausbesuchen gewesen, auch in Seniorenheimen und Pflegeeinrichtungen. so Hofmann-Eifler weiter. Bei anderen sei es schlichtweg nicht mehr möglich, das Telefon zu besetzen, weil der Arbeitsandrang zu groß und das Personal nach drei Jahren intensivster Arbeit ausgelaugt und selbst krank sei. Er könne für 170 Kolleginnen und Kollegen im Netzwerk der Südpfalz-Docs sprechen: Viele seien kurz vor dem Burnout und bei 60- bis 70-Stunden-Wochen schlicht am Ende, denn „bei uns wird alles abgeladen“. Ähnlich wie in der Pflege hätten sich viele medizinische Fachangestellte umorientiert und andere Berufe gesucht. Demografischer Wandel und Fachkräftemangel verschärften die Lage. Für künftige Fälle rät Hofmann-Eifler, einfach in den Praxen vorbeizukommen: „Notfälle werden niemals abgewiesen.“

Hofmann-Eifler weiß auch deshalb, wovon er spricht, weil seine Frau an Weihnachten Dienst in der Notfallzentrale in Landau geschoben hat. Dass die Schlange davor so lang gewesen sei, liege auch daran, dass diese nicht ausreichend besetzt gewesen sei. Dies sei Aufgabe der KV. Diese hatte erklärt, die Öffnungszeiten seien massiv ausgedehnt worden. Wegen der aktuellen Welle von Atemwegsinfektionen habe es aber deutlich mehr Patienten gegeben als sonst üblich.

Wie der Notdienst organisiert ist

Nach Hofmann-Eiflers Angaben muss jeder Arzt mit Kassensitz etwa einen Notfalldienst pro Monat übernehmen. Wer das nicht schaffe, müsse 1000 Euro zahlen. Am Rande: Die Südpfalz-Docs haben eine eigene Vertretungsbörse geschaffen, die in 80 Prozent der Fälle eine Lösung liefern könne. Zur Organisation der Notfalldienstzentralen müssten die Ärzte 800 Euro pro Kopf und Quartal zahlen. Die Dienste würden mit 50 Euro pro Stunde vergütet, Dienste von zehn bis zwölf Stunden seien normal und der Dienst sei Stress: Seine Frau habe am zweiten Weihnachtstag in vier Stunden 80 Patienten behandelt.

KV-Chef Peter Heinz hat am Donnerstag die langen Wartezeiten vor Bereitschaftspraxen auch den Patienten angelastet: „Viele Patienten kommen nur wegen Bagatellfällen in die Bereitschaftspraxen“, sagte Heinz der in Koblenz erscheinenden „Rhein-Zeitung“ und warf den Menschen eine Selbstbedienungsmentalität vor. So weit geht Hofmann-Eifler nicht, aber auch er sieht eine Fehlsteuerung: Viele Patienten wüssten nicht, mit welchen Symptomen sie wohin gehen sollten. Er habe in jedem Notdienst drei bis vier Patienten mit Herzinfarkten oder Schlaganfällen, die dort ganz sicher nicht hingehörten. Menschen mit schweren Symptomen müssten sofort Rettungsdienst oder Notarzt alarmieren, also die Notrufnummer 112 wählen, nicht irgendwo in der Schlange stehen.

„Patientenströme besser lenken“

Aber auch Hofmann-Eifler sagt, dass die allermeisten Kontakte im Bereitschaftsdienst Zeit gehabt hätten, bis die reguläre Hausarztpraxis wieder geöffnet habe. Patienten mit Husten oder Schnupfen zu behandeln, überlaste das System. „Das schaffen wir nicht.“ Die Patientenströme müssten besser gelenkt werden. Schon lange werde über den Vorschlag der Portalpraxen in Krankenhäusern diskutiert, aber es passiere nichts. Hofmann-Eifler nennt das ein „Organisationsverschulden der Bundespolitik“.

Der Sozialverband VdK begrüßt die Idee zentraler Anlaufstellen mit Medizinern, die Patienten nach Schwere und Dringlichkeit der Behandlung sortieren und in den richtigen „Behandlungskanal“ weiterleiten – also in einen Bereitschaftsdienst oder als Notfall ins Krankenhaus. Dem VdK wäre eine solche Lösung lieber als das ebenfalls diskutierte Prinzip Abschreckung, bei dem zunächst eine Gebühr für eine Notfallbehandlung erhoben würde, die bei echten Notfällen wieder erstattet würde.

Hofmann-Eifler bedauert, dass viele Menschen es verlernt hätten sich medizinisch selbst zu behandeln und dann mit Bagatellen im Notdienst vorsprechen – dass man sich mit Husten oder Schnupfen ins Bett legen sollte, oder dass man sich mit Wadenwickeln und Ibuprofen erstbehandeln könne. „Was die Großmutter noch wusste“ sei leider keine Selbstverständlichkeit mehr.

Der Allgemeinmediziner Jonas Hofmann-Eifler warnt: „Es gibt zu wenige Kassensitze.“
Der Allgemeinmediziner Jonas Hofmann-Eifler warnt: »Es gibt zu wenige Kassensitze.«
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