Landau RHEINPFALZ Plus Artikel Ansturm auf die Notdienstzentrale

Die Schlange vor der Notfalldienstzentrale auf dem Gelände des Vinzentius-Krankenhauses war lang.
Die Schlange vor der Notfalldienstzentrale auf dem Gelände des Vinzentius-Krankenhauses war lang.

„Zwischen den Jahren“ haben die meisten Arztpraxen zu. Die Landauer Notfalldienstzentrale war nach Weihnachten überlastet. Kranke mussten stundenlang im Freien ausharren. Bei Bäckern oder Metzgern hätte es einen Aufschrei der Empörung gegeben, bei Medizinern nicht, wundert sich eine Patientin.

„Bloß nicht krank werden!“ Diesen Tipp gibt RHEINPFALZ-Leserin Bärbel Russ aus Herxheim den Südpfälzern. Bei ihr hat das nicht funktioniert, sie brauchte am Dienstag nach den Feiertagen wegen einer extremen Halsentzündung medizinische Hilfe – fand sie aber lange nicht. „Das ist ein Drama“, sagt Russ und schildert, dass sie am Morgen vergebens alle Praxen in Herxheim, Rohrbach und Insheim abtelefoniert hat, danach weitere im kompletten Kreis Südliche Weinstraße und bis nach Neustadt. Doch nahezu alle seien geschlossen gewesen, und wenn doch mal jemand ans Telefon gegangen sei, habe es geheißen, dass nur eigene Patienten behandelt werden könnten.

Daraufhin ist sie nach Landau zur kassenärztlichen Notfalldienstzentrale gefahren, die in einem Gebäude des Vinzentius-Krankenhauses untergebracht ist, aber von niedergelassenen Ärzten nachts sowie an Wochenenden und Feiertagen betrieben wird. In diesen Tagen hat die Landauer Notfalldienstzentrale rund um die Uhr geöffnet. Dort hätten gegen 11 Uhr mindestens 40 Menschen Schlange gestanden , „bis zur Einfahrtsschranke“, erzählt Russ.

Zu kalt zum Warten

Sich bei vier Grad im Freien anzustellen, oder im Auto zu warten, kam für die Herxheimerin wegen ihres Zustands nicht infrage. Sie fuhr weiter und versuchte ihr Glück bei der Notfalldienstzentrale in Kandel, doch die öffnete erst um 19 Uhr. Russ kehrte nach Landau zurück, doch die Schlange war nicht kürzer geworden. Manche Patienten hätten dort seit sechs Stunden ausgeharrt, erfuhr sie am Empfang. In Kandel sei ihr von Wartezeiten von vier bis sechs Stunden berichtet worden.

Sie selbst sah in der Reihe ihrer Leidensgenossen Eltern mit kleinen Kindern und Senioren. Jeder habe über die Verhältnisse geklagt. Russ fuhr heim und kehrte gegen 20 Uhr nach Landau zurück. Da habe es keine Schlange mehr gegeben, aber offenbar noch reichlich Arbeit. Sie sei gebeten worden, um 22 Uhr wiederzukommen. Das tat Russ, war dann in kürzester Zeit untersucht und mit einem Rezept für ein Antibiotikum versehen.

Ganz Ähnliches berichtet ein junger Mann der Redaktion, der am Dienstag bei 30 bis 40 Praxen angerufen hatte, aber nirgends Hilfe bekam. Eine weitere Leserin kam in der Redaktion vorbei und berichtete ebenfalls über die lange Schlange an der Notfalldienstzentrale.

Wo bleibt die Absprache?

Russ fragt sich, wie es sein kann, dass nahezu alle Ärzte im Kreis SÜW Urlaub zwischen den Jahren machen. Sie vermisst eine Absprache untereinander. „Wenn alle Bäcker und Metzger gleichzeitig geschlossen hätten, wäre der Aufschrei groß, aber die medizinische Versorgung kann dies?“, fragt sie und verweist auf den Eid des Hippokrates, der Mediziner zu ethischem Handeln im Sinne ihrer Patienten verpflichtet. Allen, die dieser Tage bereit stünden, um zu helfen, zolle sie größten Respekt, aber es dürfe nicht so weit kommen, dass diese überlastet würden, weil die medizinische Versorgung zwischen den Feiertagen nicht gut geregelt worden sei. Solche Zustände hätte sie in Deutschland nicht erwartet, so Russ.

Die Kassenärztliche Vereinigung in Mainz bestätigt, dass das Patientenaufkommen in den Ärztlichen Bereitschaftspraxen während der und zwischen den Feiertagen höher als üblich sei. Traditionell hätten zwischen Weihnachten und Neujahr zudem mehr Arztpraxen als zu anderen Zeiten im Jahr urlaubsbedingt geschlossen. Daher müsse man aufgrund des erhöhten Patientenaufkommens immer mit Wartezeiten rechnen. Nach den harten Corona- und Infektwochen seien urlaubsbedingte Praxisschließungen zwischen den Jahren zu erwarten gewesen, der Umfang sei allerdings unklar gewesen, so die KV.

Keine Statistik zu Wartezeiten

Konkrete Angaben zu Landau kann die KV nicht machen. „Bitte haben Sie Verständnis, dass wir das Personal der Ärztlichen Bereitschaftspraxen in dieser stark frequentierten Zeit nicht noch zusätzlich mit der Auswertung von Patientenzahlen und der Dokumentation von Wartezeiten zur Errechnung von Durchschnittswerten belasten können“, schreibt die KV, in der landesweit rund 8000 Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeuten zusammengeschlossen sind, um die ambulante medizinische Versorgung sicherzustellen.

Die KV gibt zu bedenken, dass der Ärztliche Bereitschaftsdienst (in der Notfalldienstzentrale) außerhalb der regulären Sprechzeiten der Ersatz für Hausärzte sei. Auch in deren Praxen könne es passieren, dass Patienten bei hohem Andrang auf eine Nachmittagssprechstunde verwiesen würden. Ebenso könne es Anrufenden unter der 116117 – der zentralen Rufnummer der Notfalldienstzentralen – bei einem hohen Anrufaufkommen zugemutet werden, später nochmals anzurufen. Auch Hausbesuche würden von den behandelnden Ärztinnen und Ärzten in der Regel nicht unmittelbar durchgeführt, sondern oft erst Stunden später nach den Sprechstunden.

Rettungsdienst nur für Notfälle

Die KV weist weiter darauf hin, dass der Gesetzgeber für dringende Fälle bewusst den Rettungsdienst vorgesehen habe. Der sei zuständig für die Versorgung von Menschen mit unmittelbar lebensbedrohlichen Erkrankungen oder Verletzungen, außerdem für solche, bei denen ohne unverzügliche Therapie die Gefahr bleibender Schäden bestünde.

Ansonsten kann die KV nach eigenen Angaben offenbar wenig darauf einwirken, dass ausreichend Praxen geöffnet sind. Praxisschließungen unter der Woche seien gegenüber der KV Rheinland-Pfalz nicht anzeigepflichtig. Sollten Ärztinnen und Ärzte ihre Praxen schließen, sollten sie laut KV ihre Patientinnen und Patienten beispielsweise über eine Ansage auf dem Anrufbeantworter, einen Praxisaushang und gegebenenfalls einen Hinweis auf der praxiseigenen Website darüber informieren, wie lange sie abwesend sind und wer ihre Vertretung übernimmt. Dabei seien die relevanten Kontaktdaten der Vertretung anzugeben.

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