Landau
Forscher legen provisorischen Rosenplatz an
Von einem Tag auf den anderen sind in der Ostbahnstraße Bänke und Blumenkübel aufgestellt worden – im Dienst der Wissenschaft. Temporäre Intervention nennt man das. An der Technischen Universität (TU) Kaiserslautern läuft ein Forschungsprojekt von Junior-Professor Martin Berchtold, das sich Offener öffentlicher Raum nennt und „Gestaltregeln für die resiliente und gesundheitsgerechte Stadt“ entwickeln will. Das passt zu Plänen der Stadtverwaltung, die Innenstadt trotz Herausforderungen wie Klimakrise und Internethandel überlebensfähig zu machen. Anstoß der Wissenschaftler war die Pandemie, weil sich die Menschen stark ins Private zurückgezogen hatten. Ihnen sollten mehr Möglichkeiten geboten werden, sich im Freien und mit Abstand zu treffen.
In Kaiserslautern und in Karlsruhe haben die Forscher beispielsweise schon lange Holzbänke in der Innenstadt aufgestellt, um auf nur wenig genutzten Flächen die Aufenthaltsqualität zu erhöhen. So schildert es Stadtplaner Andreas Beulich, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter in das Projekt eingebunden ist. In Kaiserslautern haben sie das nach langer Abstimmung mit der Stadtverwaltung getan, in Karlsruhe als „Guerillaprojekt“ über Nacht. Um die Genehmigung haben sie sich dort erst im Anschluss gekümmert. In Landau haben die Forscher einen Zwischenweg gewählt und sich mit der Verwaltung kurz abgestimmt. Das sei schnell und „superpositiv“ passiert, freut sich Beulich.
Zu viel Platz für Autos
Die etwas trostlose Ostbahnstraße im noch nicht ausgebauten Abschnitt haben sich die Forscher selbst ausgesucht. Sie wissen um die Pläne der Stadt, den zum Ostringzentrum gehörenden Pavillon abzureißen und die Kreuzung zum Rosenplatz umzugestalten. „Die Einbahnstraße ist überdimensioniert“, stellt Beulich fest, da könne man gut und gerne etwas Fahrbahn wegnehmen und mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer schaffen. Dass sich das lohnt, schließen die Forscher aus der Tatsache, dass auch die gegenüberliegende Mauer ständig als Sitzgelegenheit oder von Kindern zum Balancieren genutzt wird.
Sie wollen nun zeigen „wie wenig Mittel es braucht“, um dort etwas Neues zu schaffen. Die angehenden Architekten Marlin Fischer und Tobias Becker haben speziell für Landau Möbel entworfen und in der Uniwerkstatt aus Latten gebaut, mit denen die Ostbahnstraße ausgestattet wird: Bänke am Bordstein und Blumenkübel als Abtrennung zur Fahrbahn. Am Dienstagnachmittag sind sie gerade dabei, den der Fahrbahn abgezwackten Bereich mit einer umweltfreundlichen Kalkfarbe zu streichen, um auch optisch hervorzuheben, dass die Autos hier nichts mehr verloren haben.
Wie geht es weiter?
Das Projekt frisst Parkbuchten. Vorübergehend zumindest. Es ist auf einen Monat angelegt. Im Oktober geht das Mobiliar in den Besitz der Stadt über, die entscheidet, ob und wie es weitergeht. Die Stadt hatte ähnliche Installationen für die Königstraße anfertigen lassen: ihre Wanderbaumallee mit Baumkübeln und Podeste vor Lokalen sollten die anfangs skeptischen Anlieger für den jetzt bevorstehenden Umbau begeistern.
Das Lauterer Projekt wird natürlich auch wissenschaftlich ausgewertet. Zur Vorbereitung hatten die Forscher 30 Freiwillige mit GPS-Trackern ausgestattet, also kleinen Geräten, die Bewegungs- und Aufenthaltsdaten der Probanden aufzeichnen. In den kommenden Wochen werden die Wissenschaftler immer wieder vor Ort sein, um zu schauen, wie ihre Installation angenommen wird. Möglicherweise soll auch eine Kamera installiert werden, die Nutzer des provisorischen Rosenplatzes nicht identifizierbar im Zeitraffermodus aufnimmt. Aus den Aufnahmen lassen sich Rückschlüsse auf Akzeptanz, Nutzungsgrad und Nutzungszeiten ziehen.
Offen für alle
Die ersten Rückmeldungen von Anliegern sind positiv, berichtet Beulich: Die hätten sich schon gewünscht, dass die Umgestaltung dauerhaft bleibt. Das Projekt ist laut Beulich frei von Kommerz und Konsum: Auch wenn die Bänke aussehen, als würden sie zu einem Café gehören, dürfen sie frei und ohne jede Verpflichtung zum Verzehr genutzt werden.