Landau
Drohbrief von Impfgegnern
„Das grenzt schon fast an Nötigung.“ Der Landauer Zahnarzt Michael Espenschied ist nicht erbaut über einen Brief, der ihm jetzt von einer Frau persönlich in die Praxis zugestellt worden ist. „Das will ich nicht einfach in den Papierkorb schmeißen, denn es ist ein Beeinflussungsversuch.“
Espenschied ist verärgert über ein fünfseitiges Schreiben, dass sich im Briefkopf reichlich aufbläst. Es kommt von drei Organisationen, die sich Ärzte für Aufklärung, Doctors for Covid Ethics (Ärzte für Covid-Ethik) und Mediziner und Wissenschaftler für Gesundheit, Freiheit und Demokratie (MWGFD) nennen und alle an derselben Anschrift in Passau residieren. Google nennt die Adresse schlicht ein Spiritistenzentrum, und das dürfte den Kern ganz gut treffen: Es sind Impfgegner mit dem in der Szene bekannten, wissenschaftlich jedoch stark umstrittenen Vordenker Sucharit Bhakdi als Vereinsvorsitzendem, einem Facharzt für Infektionsepidemiologie und emeritierten Professor der Uni Mainz.
Falsche Aussage zur Haftung
Datiert ist der Brief vom 6. Dezember; es handelt sich offenbar um einen Vordruck, der von Impfgegnern vor Ort durch Einfügen einer Anschrift personalisiert werden kann. Unter der vermeintlich sachlichen Betreffzeile „Neuere Befunde und Ergebnisse zur Covid-19-Impfung“ geht es dann gleich zur Sache: Man wolle Espenschied daran erinnern, „dass Sie persönlich für Impfschäden haftbar gemacht werden können, wenn sie Ihren Patienten einen der genbasierten Covid-19-Impfstoffe verabreichen“.
Das ist schon oft widerlegt worden: Es haftet der Staat, falls es doch einmal zu einem Impfschaden kommen sollte. Auf der Internetseite des Bundesgesundheitsministeriums steht schwarz auf weiß: „Im Infektionsschutzgesetz ist klargestellt, dass für alle gesundheitlichen Schäden, die im Zusammenhang mit Schutzimpfungen eingetreten sind, die auf Grundlage der Coronavirus-Impfverordnung seit dem 27. Dezember 2020 vorgenommen wurden, bundeseinheitlich ein Anspruch auf Entschädigung besteht.“ Das wissen offenbar auch die Verfasser, die auf ihrer Homepage auch Meldeformulare für Impfschäden und Impftod vorhalten, denn sie schreiben weiter, dass ihre Warnung in der Öffentlichkeit heruntergespielt und als Fehlinformation abqualifiziert würde.
Hohe Todesfallzahlen nicht belegt
Im Folgenden wird argumentiert, dass die Impfungen überflüssig und unwirksam und die Impfstoffe sogar gefährlich seien. In den USA und der EU habe es „Zehntausende Todesfälle und eine noch wesentlich größere Anzahl von schwerwiegenden (...) Erkrankungen“ gegeben. Trotz scheinbar wissenschaftlicher Aufmachung des Schreibens mit Fußnoten und Quellenangaben wird diese Aussage nicht belegt. Stattdessen wird nicht unbedingt logisch argumentiert, dass die meisten Impfzwischenfälle nicht gemeldet würden, weshalb „die Gefährlichkeit dieser Impfstoffe längst zweifelsfrei feststeht“.
Das Paul-Ehrlich-Institut hat am 7. Februar seinen Sicherheitsbericht über Verdachtsfälle von Nebenwirkungen und Impfkomplikationen nach Covid-Impfungen veröffentlicht. Es spricht darin von bisher 2255 Verdachtsfällen von Nebenwirkungen mit tödlichem Ausgang, die im Abstand von einem Tag bis zu sechs Wochen nach der Impfung aufgetreten sein sollen. Selbst wenn alle diese Verdachtsfälle durch Impfungen ausgelöst worden wären, würde dies 0,02 Todesfällen pro 1000 Impfungen entsprechen, wäre statistisch völlig unauffällig und würde keine Übersterblichkeit darstellen.
Deutsche Rabbiner widersprechen
Wer von den Adressaten der Brandbriefe immer noch nicht überzeugt ist, wird noch im Postskriptum mit einem „wichtigen Hinweis“ versorgt: Ein chassidisches Rabbinatsgericht in New York habe am 1. November entschieden, dass es „absolut verboten ist, Kindern, Jugendlichen, jungen Männern und Frauen den mRNA-Impfstoff Covid-19 zu verabreichen“, weil die Impfung „gegen das jüdische Gesetz verstößt“. Diese Angabe scheint zuzutreffen. Allerdings muss man wissen, dass es sich um eine ultraorthodoxe Glaubensrichtung des Judentums handelt, die von der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland in einem Impfaufruf an ihre Gemeindemitglieder als falsch kritisiert worden ist. Die deutschen Rabbiner raten dazu, den Impfempfehlungen des Robert-Koch-Instituts zu folgen.
Zahnarzt Espenschied hatte zunächst an einen Irrläufer geglaubt: Sein Bruder Stefan Espenschied, ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt, hat sich in Landau in der Corona-Bekämpfung stark engagiert mit einem Testzentrum auf dem Rathausplatz, diversen Impfaktionen und der Unterstützung der Ökumenischen Sozialstation bei Boosterimpfungen für nicht mehr mobile, pflegebedürftige Menschen. Inzwischen hat Zahnarzt Espenschied jedoch erfahren, dass weitere seiner Kollegen denselben Brief bekommen haben. Für logisch hält er das nicht, denn es gibt zwar Überlegungen, seinen Berufsstand neben den Apothekern ins Impfgeschehen einzubinden, aber noch ist es nicht so weit. „Wir Zahnärzte dürfen noch gar nicht impfen“, sagt er.
Ärzte lassen sich nicht verunsichern
HNO-Arzt Stefan Espenschied ist mit den Methoden der Impfgegner bestens vertraut. Er werde immer wieder mal auf Bewertungsportalen im Internet für seine Bemühungen ums Impfen herabgewürdigt. „Das ist bedauerlich, aber ich ignorier’s“, sagt er. Ganz abschütteln kann aber auch er die Anfeindungen nicht: Er hatte geplant, montags in seinem Testcontainer auf dem Rathausplatz „Impfen to go“ anzubieten, als besonders niedrigschwelliges Angebot. Davor haben ihn Freunde und Bekannte gewarnt, weil seit Wochen montags auch die angeblichen Spaziergänge von Gegnern der Maßnahmen zum Coronaschutz stattfinden. „Schade, dass wir so weit gekommen sind“, sagt der Mediziner – um sogleich zu versprechen: „Ich bleib’ dran. Ich versuche, zu helfen, wo es nur geht.“