Landau
Pflegedienste bieten Land vergebens Hilfe beim Boostern an
„Impfen ist und bleibt der Schlüssel aus der Pandemie“, schreibt das rheinland-pfälzische Gesundheitsministerium in einer Bilanz zu 365 Tage Impfen im Land auf seiner Homepage. Doch ausgerechnet eine große Gruppe der Vulnerablen, die es besonders zu schützen gilt, haben Probleme, an ihre Auffrischungsimpfung zu kommen. Die RHEINPFALZ hatte kürzlich den Fall eines 85-jährigen Pflegebedürftigen geschildert, der daheim lebt, nicht mehr mobil ist und dessen Hausarzt nicht impft.
Er ist kein Einzelfall, wie Karin Leiner betont, Vorständin der Ökumenischen Sozialstation Landau. Gerade erst hätten sich die Angehörigen einer 89-Jährigen Pflegebedürftigen mit demselben Problem gemeldet. „Immobile hochbetagte Patienten haben ein echtes Problem, an ihre Auffrischungsimpfung zu kommen. Die Leute rufen uns an, aber es ist ganz schwierig, eine Lösung zu finden.“ Leiner fürchtet, dass die hochansteckende Omikron-Variante die Sorgen ihrer Schützlinge nochmals vergrößert und die Lage verschärft. „Die Pandemie wartet nicht auf uns“, sagt Leiner.
Hat das Land nur Altenheime im Blick?
Dabei gäbe es eine vergleichsweise einfache Lösung, für die kaum neue Strukturen aufgebaut werden müssten, sagt Leiner, und die hat sie auch schon am 10. Dezember Gesundheitsminister Clemens Hoch (SPD) vorgeschlagen: Die Pflegedienste sollten ins Impfgeschehen eingebunden werden. Landaus Oberbürgermeister Thomas Hirsch und seine beiden Landratskollegen Dietmar Seefeldt (Südliche Weinstraße) und Fritz Brechtel (Germersheim) hatten diesen Vorschlag unterstützt.
Für Hochrisikogruppen könne es gar nicht schnell genug gehen mit dem Boostern, sagt Leiner, doch der Fokus des Landes liege offenbar auf den stationären Einrichtungen wie Krankenhäusern und Altenheimen. Doch in Rheinland-Pfalz leben nach ihren Angaben lediglich 23 Prozent der pflegebedürftigen Menschen im Altenheim, aber 77 Prozent im häuslichen Bereich. Allein die Ökumenische Sozialstation Landau betreut in Landau und der Verbandsgemeinde Landau-Land 1200 Patienten.
Pflegekräfte dürfen Spritzen setzen
Leiner hält die Pflegedienste für bestens geeignet, beim Boostern zu helfen, da diese Zugang zu den Menschen haben, deren Vertrauen genießen und berechtigt sind, intramuskuläre Spritzen zu verabreichen, wie beispielsweise Antibiotika oder Insulin. Das Impfen stehe nur deshalb nicht im Leistungskatalog, weil es bis zu Corona keinen dringenden Bedarf gegeben habe.
Das Problem, dass Pflegedienste keinen Zugang zum Impfstoff haben, ließe sich lösen, ist Leiner überzeugt: Der Landauer Hals-Nasen-Ohren-Arzt Stefan Espenschied habe spontan seine Hilfe angeboten. So könnten sich Pflegebedürftige oder deren Angehörigen bei der Sozialstation oder bei Espenschied zum Boostern melden. Die Sozialstation würde Impfpass und Krankenkassenkarte zum Arzt bringen und per Fragebogen klären, ob der Patient noch eine Beratung braucht. Dann würde der Mediziner beraten, den passenden Impfstoff bestellen und vorbereiten. Die Sozialstation würde die gerichteten Spritzen abholen, den Patienten verabreichen und Impfausweis und Krankenkarte zurückbringen. Im Detail zu klären wäre lediglich, wie die Leistungen unter den Beteiligten abgerechnet werden.
Minister antwortet nicht
„Ich hatte auf ein Pilotprojekt gehofft“, sagt Leiner, die aber inzwischen ein Stück weit desillusioniert ist: Sie habe keine Antwort erhalten, keinen Satz, dass der Vorschlag geprüft wird, nicht einmal eine Eingangsbestätigung. Daher fürchtet sie, dass eine solche Vorgehensweise politisch vielleicht nicht gewollt ist – obwohl das Boostern ja möglicherweise auch noch nicht die letzte erforderliche Impfung in der Pandemie ist. „Israel impft schon zum vierten Mal“, sagt sie.
Die RHEINPFALZ hat vor dem Jahreswechsel beim Gesundheitsministerium nachgefragt, was aus dem Leiner-Vorstoß geworden ist. Eine Antwort gab es erst am Mittwoch, und dann auch nur auf Nachfrage, weil offenbar viel Personal im Weihnachtsurlaub war. Nach Angaben eines Ministeriumssprechers hat das Land Hirsch und den Landräten bereits vor Weihnachten per Brief geantwortet. Nach Angaben der Stadt ist die Antwort dort am Mittwoch eingegangen, und zwar digital vorab, also vor dem eigentlichen Brief.
Aufklärung ist nicht das Problem
In der Mail heißt es, dass die ärztliche Aufklärung „zwingender Bestandteil“ einer Impfung sei und nicht an andere Menschen delegiert werden könne. Darauf, dass Leiner für dieses Problem einen konkreten Lösungsvorschlag gemacht hat, geht das Ministerium nicht ein. Das Impfen selbst könne einer nach Überzeugung des Arztes „befähigten Person“ übertragen werden. Hoch bestätigt dann zwar, dass es „einen Bedarf an Boosterimpfungen immobiler Menschen“ gebe, der „möglichst auch gedeckt werden sollte“. Doch dafür seien die Hausärzte zuständig, „wobei sich hier der von Ihnen erwähnte Engpass ergibt“.
Der Minister schlägt dann weiter vor, dass die Stadt Landau und die Kreise SÜW und Germersheim aus der Freiwilligendatenbank der Impfzentren eine Ärztin oder einen Arzt gewinnen, der die Impfungen zusammen mit den ambulanten Pflegediensten in den vier Wänden der Pflegebedürftigen vornimmt.
Oberbürgermeister Thomas Hirsch richtet auf Anfrage aus, er freue sich, dass sich in der Sache überhaupt etwas bewege. Er will jetzt mit seinen Kollegen prüfen, ob und wie der Hoch-Vorschlag umgesetzt werden kann. Karin Leiner wartet noch immer auf eine Antwort des Ministers.
