Steinfeld / Neustadt
Die Große Jagdspinne ist zurück: Wissenschaftliche Sensation dank Leserfotos
Ein Leserfoto hatte vor Kurzem für Furore unter Arachnologen gesorgt. Ralf Hau hatte bei einem Angelausflug am Westwall-Panzergraben bei Steinfeld eine ihm unbekannte Spinne entdeckt und ein Foto zur Bestimmung an die RHEINPFALZ geschickt. Unser Redaktionsexperte für Krabbeltiere, der Speyerer Tierfotograf Thimo Höffner (bei Instagram @hoeflichgestaltet), hatte einen Verdacht, der jedoch kaum denkbar erschien, wäre er doch eine echte Sensation. Deshalb zogen wir mehrere Spinnen-Experten zu Rate. Und es zeigte sich, er hatte den richtigen Riecher. Sowohl der Südpfälzer SGD-Biotopbetreuer Matthias Kitt, sein hinzugezogener Kollege, der Berliner Spinnenforscher Karl-Hinrich Kielhorn, als auch Wolfgang Braunstein, der Leiter des Arbeitskreises Spinnen bei der Pollichia, kamen alle zu demselben Schluss: Es könnte sich bei dem flauschigen Achtbeiner tatsächlich um die größte heimische Jagdspinnenart handeln – die Gerandete Wasserspinne, in Fachkreisen Dolomedes plantarius genannt.
Eigentlich kommt diese nur in Moor- und Seenlandschaften im Norden Deutschlands vor und ist auch dort extrem selten. In Deutschland gab es in über 100 Jahren gerade einmal 65 gesicherte Nachweise, davon nur zwei im Süden der Bundesrepublik. Nur ein einziges Mal wurde die Gerandete Wasserspinne in Rheinland-Pfalz gesichert entdeckt – doch liegt dieser Fund bereits 22 Jahre zurück. Damals gelang dieser übrigens besagtem Matthias Kitt.
Pollichia-Expedition zum Panzergraben
Seitdem wir Pollichia-Experten Braunstein das Foto zeigten, ist dieser Feuer und Flamme. Bereits mehrfach war dieser in Steinfeld vor Ort, um auf Pirsch nach der Spinne zu gehen. Immer wieder hatte er auch Jagdspinnen im Panzergraben entdeckt, jedoch machten diese sich zu schnell aus dem Staub, um sie zu fotografieren oder einzufangen. Das Problem ist nämlich: Die Gerandete Wasserspinne, auch Große Jagdspinne genannt, und ihr kleinerer Artverwandter, die Gerandete Jagdspinne, sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Nur ist Letztere weit verbreitet, ihre „große Schwester“ hingegen eine echte Ausnahmeerscheinung. Deswegen ist eine Ferndiagnose allein anhand eines Fotos nicht möglich. Doch nun haben sich ganz neue Entwicklungen ergeben.
Braunstein hatte zusammen mit dem Spinnen-Arbeitskreis am Wochenende eine Exkursion zum Panzergraben unternommen. Nach dem Motto „Mehr Augen sehen mehr“. Und tatsächlich: „Es gab sehr interessante Beobachtungen zu unserer ,Phantomspinne’. Ich denke, wir sind jetzt nah an einem sicheren Nachweis“, verkündet der Neustadter am Samstagabend erfreut. Mittlerweile haben die dort lebenden Spinnen nämlich Nachwuchs bekommen. Der Suchtrupp konnte vier große Brutgespinste ausfindig machen. Die Kokons seien arttypisch, und viele Jungspinnen seien rundherum schon unterwegs gewesen. „Die alle von einem großen Weibchen bewacht wurden – typisch für die Jagdspinnen.“ Leider habe er auch dieses Mal die Weibchen weder fangen noch fotografieren können, berichtet er. Als er ihnen näher gekommen sei, seien sie sofort ins Wasser geflüchtet und abgetaucht. Aber auch dies sei ein typisches Verhalten. Zudem habe er nun einen Weg gefunden, um bald auf Nummer sicher sein zu können.
Experte will Jungspinnen aufziehen
Ich habe einige Jungspinnen aufgesammelt“, berichtete der Spinnen-Experte am Wochenende und kündigte an, dass er diese jetzt großziehen werde. Der achtbeinige Nachwuchs tummelt sich noch immer bei ihm. Doch seit dieser Woche sind diese nicht mehr für einen Nachweis nötig. „Es ist vollbracht“, verkündet Braunstein am Mittwochabend stolz: „Ich konnte gestern ein Weibchen mit Kokon am Ufer sitzend fotografieren, fangen und mittlerweile bestimmen.“ Und es handelt sich tatsächlich um Dolomedes plantarius. Mit 25 Millimeter Körperlänge und gut acht Zentimetern Beinspannweite sei es ein wirklich stattliches Tier. Laut der bisherigen Datenlage gehört es damit zu den größten bisher gesichteten Exemplaren. „Ohne Zweifel die größte Spinnenart unserer Heimat.“ Damit sei der überhaupt erst zweite Nachweis dieser „absolut seltenen und spektakulären Spinnenart für Rheinland-Pfalz erbracht. Aus wissenschaftlicher Sicht eine echte Sensation“, ist Braunstein ganz von den Socken. Und er richtet einen großen Dank an den Leser, ohne dessen Foto diese Erkenntnis nicht hätte gewonnen werden können. Die Naturforschung der Pollichia werde den Fund demnächst auch veröffentlichen.
Mittlerweile habe er sogar sechs Brutgespinste entdecken können. Im Panzergraben krabbeln aktuell also Tausende Jagdspinnen-Babys herum. Wer den Kleinen und ihren flauschigen Mamas einen Besuch abstatten will, dem seien zwei Dinge gesagt: Sie haben nichts zu befürchten. Aber bitte lassen Sie die Tiere in Frieden. Laut dem Landesamt für Umwelt Rheinland-Pfalz ist die Gerandete Wasserspinne in der Roten Liste als „vom Aussterben bedroht“ eingestuft und streng geschützt. Nur in der jetzigen Lebensphase seien die Spinnen überhaupt außerhalb der direkten Wassernähe zu finden, erklärt Braunstein. Ansonsten ist ihr Lebensraum überwiegend im Nass. Das Raubtier, das tauchen kann, geht dort auf Beutefang nach Wasserinsekten, Kaulquappen, kleine Fische, Libellenlarven und Co. Manchmal landen auch wirbellose Landtiere auf dem Speiseplan, die die Wasserspinnen zuerst ertränken und dann fressen. Aber Menschen stehen definitiv nicht auf ihrem Speiseplan. Trotzdem: Jagdspinnen können zubeißen, wenn sie sich bedroht fühlen. Der Schmerz sei vergleichbar mit einem Wespenstich, erklärt Braunstein. Generell seien die Tiere aber „sehr scheu und überhaupt nicht aggressiv“.
Wie kam die Spinne zurück?
Was ist nun der Grund für die Rückkehr der Spinne, die man sonst nur ganz vereinzelt in Feuchtgebieten im Nordosten Deutschlands antrifft? Das Habitat am Panzergraben bringe auf jeden Fall alles mit, damit sich die Spinnenart auch außerhalb ihrer üblichen Lebensgefilde wohlfühle, sagt Braunstein. Ob die anhaltenden Regenfälle dieses Jahr ihren Beitrag dazu geleistet haben, die Wasserspinne wieder in Rheinland-Pfalz anzuspülen? Der Uferjäger sei auf jeden Fall an Wasser gebunden, auch wenn ein nasser Winter noch nicht ausschlaggebend sei. „Aber wenn Gräben und Teiche gut gefüllt sind, fördert das ihre Verbreitung“, erklärt der Neustadter.
