Südpfalz
Aufruf an Wanderer: Wer findet Gelbbauchunken im Pfälzerwald?
Sie liegt gern nachts auf dem Wasser und singt. Ihre Pupillen haben die Form eines Herzens. Sie bekommt jedes Jahr um die 150 Kinder. Aber viele überleben noch nicht mal das Teenageralter. Auf den ersten Blick wirkt sie vielleicht nur wie ein matschbrauner Warzenklecks. Aber sie hat auch ein anderes Ich, und das ist schillernd. Wenn man ihr Böses will, zeigt sie, was sie untenrum so zu bieten hat. Dann streckt sie ihre Ärmchen und Beinchen nach oben und macht ein extremes Hohlkreuz, damit jeder ihren signalfarbenen Bauch sehen kann. Dieser leuchtet zitronengelb und ist schwarz gefleckt, wie man es sonst nur vom Feuersalamander kennt. Darf ich vorstellen: Bombina variegata, die Gelbbauchunke.
Was den Tierbeobachter entzückt, ist für tierische Feinde ein Wink mit dem Zaunpfahl. Ein Vogel, der hier einen netten Mittagssnack erwartet, dem dürfte der Bissen im Halse stecken bleiben. Denn die kleinen Froschlurche produzieren ein giftiges Sekret, das sie auf ihrer Haut verteilen. Doch ihre Fressfeinde sind nicht der Hauptgrund, warum man kaum mehr Gelbbauchunken in der Pfalz zu Gesicht bekommt. Vielmehr hat sich die Landschaft so verändert, dass ihnen der Lebensraum fehlt, sagt Matthias Kitt, der als Biotopbetreuer bei der Struktur- und Genehmigungsdirektion Süd zusammen mit zwei Kollegen die Flora und Fauna in der Südpfalz im Blick hat. Bis Ende der 1980er-Jahre sei die Gelbbauchunke am Haardtrand noch verbreitet gewesen, doch mittlerweile gebe es nur noch eine Handvoll gesicherter Vorkommen. Aber Kitt vermutet, dass der farbenprächtige Fleischfresser auch anderswo noch durch den Pfälzerwald hüpft. Allerdings: Der Nachweis dafür ist schwer. Doch der Biologe hat eine Idee.
Kinderstube in Tümpeln und Pfützen
Der Minfelder kennt natürlich die Habitate vor seiner Haustür – am östlichen Bienwaldrand zwischen Jockgrim und Wörth. Laut einem aktuellen Bericht der SGD gibt es zudem noch drei kleinere Vorkommen bei Bad Dürkheim und Forst. Die genauen Standorte will Kitt zum Schutz der Tiere nicht öffentlich machen. Und er hat noch ein weiteres Areal auf dem Schirm: den Liebfrauenberg bei Bad Bergzabern. Dort befindet sich eine alte Sandgrube, die über die Jahre zugewachsen war. Im Winter habe die SGD diese freischneiden lassen, berichtet Kitt, während er in den Tümpeln, die sich überall gebildet haben, Ausschau hält. Denn auf diese sind Gelbbauchunken ganz scharf, wenn es darum geht, eine passende Kinderstube für den Nachwuchs zu finden. Doch: nichts zu sehen.
Die Unken-Mamas halten Ausschau nach besonnten und flachen Kleinstgewässer wie Pfützen, wie Kitt erklärt. „Denn ihre Kaulquappen sind sehr träge. In großen Gewässern mit vielen Räubern würden diese sofort weggefressen.“ Deswegen setzt der Froschlurch im Borussia-Trikot auch auf eine etwas andere Art der Fortpflanzung. Während Erdkröten und Frösche sich zu Tausenden von ihrer Wald- und Wiesenheimat zu den angestammten Laichplätzen auf die Reise begeben, gibt es solche Massenwanderungen bei Gelbbauchunken nicht.
Melodiöses Vorspiel einer Unken-Paarung
Diese bevorzugen es individueller. Sie vagabundieren von einem Ort zum nächsten und setzen überall ein bisschen Brut ab. Bescheidene Laichklumpen mit 20 bis 40 Eiern sind es jeweils nur. Zum Vergleich: Eine Erdkröte entlässt mit einem Mal 3000 bis 6000 Eier ins feuchte Nass. Die Gelbbauchunke gehört hingegen zu den Langzeitlaichern. Von Mai bis Juli legt sie richtig los, je nach Wetterlage gibt es auch vorher und nachher Tiere, die Eier ablegen. Und weil die Unken-Männchen mehrmals im Jahr ran dürfen, gehören ihre Balzrufe zur Stammbesetzung des Waldorchesters. Wenn sie bei der nächsten Wanderung ein melodiöses, glockenähnliches „uh – uh – uh“ aus einem seichten Gewässer hören, dann lauschen Sie wohl gerade dem Vorspiel einer Unken-Paarung.
Dass die sowieso schon rare Unke nun also auch kein Fan von auffälliger Rudel-Begattung ist, macht es noch mal einen Tick schwerer, ihre Lebens- und Laichräume aufzuspüren. Im tiefen Pfälzerwald findet die Unke nicht die richtigen Lebensbedingungen, aber am Haardtrand von Grünstadt bis zur französischen Grenze könnte sie noch immer leben, vermutet Kitt. Allerdings sei im einstigen Verbreitungsgebiet bei der letzten Kartierung 2021 außer an den wenigen bekannten Stellen kein weiterer Nachweis mehr gelungen. „Wir wissen nicht, ob sie hier ausgestorben ist oder ihre Population nur unterhalb der Nachweisschwelle liegt“, sagt Kitt.
Augen auf bei der Wanderung!
Deswegen hofft er, dass Wanderer dabei helfen können, neue Erkenntnisse über die geschützte Tierart zu erlangen. Am Liebfrauenberg halte eine Gruppe Ehrenamtler vom Naturschutzverband Südpfalz immer wieder Ausschau, berichtet Kitt. Andernorts malt er sich Erfolge durch das Viel-Augen-Prinzip aus. Einfach mal beim Wandern, wenn man zufällig auf mit Wasser gefüllte Fahrspuren oder Wurzellöcher, Pfützen, Tümpel oder Wildschweinsuhlen trifft, einen Blick hineinwerfen, ob es sich darin eine etwa fünf Zentimeter kleine, graubraune Unke gemütlich macht. Falls ja: Foto machen, genauen Ort und Datum der Sichtung aufschreiben und alles an die Pollichia schicken, die die Daten sammelt. Wenn man auf diese Weise Tausende Kurzzeit-Naturbeobachter hinzugewinnen könnte, könnte viel erreicht werden, was die Ehrenamtler alleine nicht schaffen, ist Kitt überzeugt.
Ein Foto von oben reiche übrigens aus. Der SGD gehe es jetzt erst einmal darum, überhaupt zu wissen, wo Gelbbauchunken vorkommen. Man müsse das Tier nicht in die Hand nehmen und umdrehen, um sein Bauchkleid zu zeigen. Das wird bei professionellen Monitorings gemacht, denn jedes Tier hat ein einzigartiges Muster – wie ein Fingerabdruck. Zudem, wir erinnern uns, sondern die Tiere ein Wehrsekret ab, wenn sie sich bedroht fühlen. Für Menschen ist das Gift zwar nicht gefährlich, aber es ist stark schleimhautreizend.
Neue Lebensräume dank Flutmuldern im Wald
Steinbrüche, Sandgruben, Bachtäler und Waldränder: An solchen Stellen trifft man die Gelbbauchunke am meisten an. Doch auch dort hat sie Lebensraum eingebüßt, wenn etwa Gruben verfüllt oder unbefestigte Waldwege ausgebaut wurden, wie Kitt erklärt. Bei Bad Dürkheim und Forst wurden daher schon künstliche Laichgewässer getestet. Mit Erfolg. Nach dem Einbau von sieben Planschbecken aus Plastik und Beton konnten 38 Jungtiere gezählt werden, wo zuvor nur zwei Unken anzutreffen waren.
Und Kitt richtet noch auf ein weiteres Projekt seine Hoffnung, das den Unken mit Biene-Maja-Färbung neue Laichgewässer bescheren könnte. Landesforsten lege zum Hochwasserschutz an wichtigen Waldwegen Flutmulder an. „Und die sind ideal für die Unken“, sagt Kitt. Aktuell lasse das Forstamt Haardt etwa von St. Martin bis ins Queichtal 100 solcher Mini-Gruben bauen, die bei Starkregen das Wasser auffangen sollen, damit dieses nicht ungebremst den Berg hinunterschießt. Zwischen Gleisweiler und der Landauer Hütte seien solche bereits zu sehen.
Info
Wer eine Gelbbauchunke entdeckt hat, kann den Fundort samt Foto und Datum an die Naturschutzorganisation Pollichia Neustadt, E-Mail gelbbauchunke@pollichia.de, schicken. Fragen werden auch unter dieser Mail-Adresse beantwortet.
