Südpfalz / Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Extrem seltene Jagdspinne gesichtet? Leserfund sorgt für Furore

 Der Fund unseres Lesers in einem Anglergraben bei Steinfeld.
Der Fund unseres Lesers in einem Anglergraben bei Steinfeld.

Bei einem Anglerausflug bei Steinfeld entdeckte ein Leser eine ihm unbekannte Spinnenart. Wir haben den Fund mehreren Experten gezeigt. Er könnte eine kleine Sensation sein.

Bei seinem jüngsten Angelausflug am Westwall-Panzergraben erlebte Ralf Hau eine ganz schöne Überraschung. Auf einmal ließ sich ein knapp fünf Zentimeter großes, braunes, haariges Wesen auf seiner Ausrüstung nieder. Mehrere Minuten habe der Achtbeiner, den der Naturfreund davor noch nie gesehen hatte, auf seinem Netz verharrt. Ein Foto auf unserer Leserbriefseite in der Woche zuvor hatte dann den Ausschlag gegeben, sich bei uns zu melden. Ein Landauer hatte eine auffällige Spinne in seinem Garten entdeckt und die RHEINPFALZ um Hilfe gebeten, das Geheimnis des unbekannten Bewohners zu lüften.

Dank unseres Redaktionsexperten für Krabbeltiere, dem Speyerer Tierfotografen Thimo Höffner (bei Instagram @hoeflichgestaltet), konnten wir für Aufklärung sorgen und diese als Rindenspringspinne identifizieren. Und so gelangte auch der Spinnenfund, mit dem der Dörrenbacher nichts anzufangen wusste, in unsere Redaktionsräume. Wir fragten wieder bei Thimo Höffner an, der anhand des Fotos zu dem Schluss kam,

dass es sich wohl um eine Gerandete Wasserspinne handele. Aber wäre das tatsächlich möglich? Jene Spinnenart gilt als stark gefährdet und ist streng geschützt. Eigentlich kommt sie nur in größeren See- und Moorgebieten vor und ist auch dort extrem selten anzutreffen. In Deutschland gab es in über 100 Jahren gerade mal 65 gesicherte Nachweise, davon 63 im Nordosten. Es gibt nur einen Nachweis in Rheinland-Pfalz und dieser liegt 22 Jahre zurück. Der Fund wäre eine Ausnahmeerscheinung. Deswegen schickten wir die Sichtung gleich an die Pfälzer Naturforscher der Pollichia und die Biotopbetreuung der Landesbehörde SGD. Und die Rückmeldung versetzte auch uns in Erstaunen.

Jagdspinnen im Pfälzerwald verbreitet

Schon mal vorweg: Bei dem achtbeinigen Exemplar handelt es sich um eine Jagdspinne, auf lateinisch Dolomedes. Das war allen gleich klar. Auf dem Foto sieht das achtbeinige Raubtier so gewaltig aus, als ob es einer wuchtigen Vogelspinne den Rang ablaufen wollte, tatsächlich sind die Krabbler aber nur bis zu sieben Zentimeter groß. Für viele wäre er wohl trotzdem ein Anblick, bei dem man erst einmal einen Schreck bekommt. Und tatsächlich reden wir hier von der größten heimischen Spinnenfamilie. In Mitteleuropa sind drei Vertreter anzutreffen: die Gerandete Jagdspinne (Dolomedes fimbriatus), die im Pfälzerwald sehr verbreitet ist und 2020 auch zur „Spinne des Jahres“ gekürt wurde, die Listspinne (Pisaura mirabilis), eine kleinere Art mit ganz langen Beinen, und besagte Gerandete Wasserspinne (Dolomedes plantarius), auch Große Jagdspinne genannt. Jene ist der größte und der seltenste Vertreter der Gattung hierzulande.

Wasserinsekten und kleine Fische stehen auf dem Speiseplan von Jagdspinnen ganz oben. Hier die kleinere und verbreitete Art, die
Wasserinsekten und kleine Fische stehen auf dem Speiseplan von Jagdspinnen ganz oben. Hier die kleinere und verbreitete Art, die Gerandete Jagdspinne.

Deswegen hatte Wolfgang Braunstein, Leiter des Arbeitskreises Spinnen bei der Pollichia, auch zuerst nicht daran geglaubt. „Eigentlich konnte es nur eine Gerandete Jagdspinne sein, die hier durchaus häufig ist und in der Regel entlang von Bächen und und Stillgewässern lebt“, so seine Ersteinschätzung. Ihr großer Verwandter hingegen sei so selten und „konnte meiner Meinung nach komplett ausgeschlossen werden“. Aber als der Fundort zur Sprache kam, wurde der Biologe hellhörig. „Als ich von dem Anglergraben in der Rheinebene hörte, änderte sich für mich die Situation und wurde spannend“, so der Neustadter. Denn dieser entspreche vom Habitat her dem einzigen nachgewiesenen Fundort von 2002 bei Lingenfeld. „Dolomedes plantarius kann jetzt nicht mehr wirklich ausgeschlossen werden“, ändert er seine Erstmeinung und kommt zu dem Schluss: „Der Fund wäre tatsächlich eine ziemliche Besonderheit.“

„Der Fund wäre eine ziemliche Besonderheit“

Das Problem bei der Bestimmung: Die beiden Arten können sich zum Verwechseln ähnlich sehen. Typischerweise haben sie markante helle Seitenstreifen am Körper, es gibt bei beiden Arten aber auch Exemplare ohne – wie bei dem Fundstück des Dörrenbachers, bemerkt SGD-Biotopbetreuer Matthias Kitt aus Minfeld, dem damals der Erstnachweis gelungen war. Er hatte das Foto zur Abklärung an seinen Kollegen, den Berliner Spinnenforscher Karl-Hinrich Kielhorn, geschickt. Und dieser hält es ebenfalls für möglich, dass es sich tatsächlich um eine Gerandete Wasserspinne handelt. Gerade bei dieser fehlten die hellen Seitenstreifen nämlich oft oder seien nur wenig ausgebildet, im Gegensatz zu ihrem kleineren Artgenossen, der meist deutliche Streifen aufweise.

Hier die größere und seltenere Gerandete Wasserspinne. Typisch für beide Jagdspinnenarten sind die hellen Seitenstreifen, es gib
Hier die größere und seltenere Gerandete Wasserspinne. Typisch für beide Jagdspinnenarten sind die hellen Seitenstreifen, es gibt aber bei beiden Arten auch Exemplare ohne.

Trotzdem will keiner der Spinnenexperten eine Ferndiagnose wagen: „Ohne das Tier untersuchen zu können, wird es unmöglich sein, diese Art zu bestätigen“, sagt Braunstein. Vielleicht könne die Frage durch eine Nachsuche geklärt werden, schließlich seien beide Dolomedes-Arten recht ortstreu und durchaus leicht zu finden – wenn sie denn da seien, sagt er. Der Spinnenfreund ist Feuer und Flamme und kündigt gleich an: „Ich werde noch diese Woche zum Fundort fahren.“

Keine Sorge: Sie werden nicht aufgefressen!

Interessant ist die Frage, was das Tier in die Südpfalz verschlagen haben könnte, da es doch sonst eher ein Kandidat für Spreewald und Co. ist. Könnte die dauerregnerische Zeit der vergangenen Monate mit dem neuen Gast zu tun haben? „Die Spinne ist ans Wasser gebunden. Wenn Gräben und Teiche gut gefüllt sind, fördert das ihre Verbreitung“, erklärt Braunstein, macht aber deutlich, dass ein nasser Winter dafür noch nicht ausschlaggebend ist. „Aber je mehr nasse Flächen und Gräben es gibt, umso höher wird die Wahrscheinlichkeit, gewässergebundene Tiere zu sehen.“

Bleibt noch der wichtigste abzuklärende Punkt: Was ist zu tun, wenn Ihnen beim Naturspaziergang eine Gerandete Wasserspinne über den Weg läuft? Erst einmal: Keine Sorge, Sie werden nicht aufgefressen. Das Raubtier, das auch tauchen kann, bevorzugt Wasserinsekten, Kaulquappen, kleine Fische, Libellenlarven und Co. Manchmal landen auch wirbellose Landtiere auf dem Speiseplan, die die Wasserspinnen zuerst ertränken und dann fressen. Menschen gehören definitiv nicht zum Beuteschema. Wahrscheinlich hat die Spinne mehr Angst vor Ihnen als Sie vor ihr. Trotzdem und gerade deswegen: Lieber nicht anfassen, Jagdspinnen können zubeißen. Der Schmerz ist vergleichbar mit einem Wespenstich. Allerdings zeigen sie solch ein Verhalten gegenüber Menschen nur, wenn man sie provoziert oder ihnen Schmerzen zufügt. Generell seien sie „sehr scheu und überhaupt nicht aggressiv“, erklärt der Pollichia-Experte. „Mir ist kein einziger Bericht über einen Biss bekannt.“ Wie fast alle Spinnen, sondern auch sie ein Gift ab, um ihre Beute zu erlegen. Wenn man nicht gerade eine Allergie auf Spinnen- und Insektengifte hat, ist es für den Menschen aber in der Regel nicht gefährlich.

Spinne entdeckt? Fund melden und mehr erfahren!

Also, beim nächsten Spinnenfund: kein Grund zum Kreischen. Geben Sie Ihre Sichtung lieber der Initiative „Artenfinder Rheinland-Pfalz“ durch. Auf diesem Online-Portal der Stiftung Natur und Umwelt Rheinland-Pfalz in Kooperation mit dem Umweltministerium (https://artenfinder.rlp.de/) kann jeder mitmachen und Beobachtungen von Tieren und Pflanzen melden. Expertinnen und Experten prüfen jede Meldung, so können Nutzer und Nutzerinnen die eigenen Bestimmungen testen. Die gesammelten Daten sind für die angeschlossenen Umweltorganisationen – Pollichia, Nabu, Gnor und Landesforsten sind beispielsweise auch dabei – wichtiges Forschungsmaterial. Und flora- und faunainteressierte Menschen erhalten über die Seite viele Informationen rund um die heimische Tierwelt und finden Ansprechpartner zu allen Tierarten.

Als „Spinne des Monats“ April wurde übrigens die Rindenspringspinne auserkoren, die – wir erinnern uns – über ein Leserfoto an die RHEINPFALZ die Initialzündung für jene besondere Fundmeldung Rolf Haus gegeben hatte. „Spinne des Monats“ Mai ist die ebenfalls zu den Jagdspinnen gehörende Listspinne. Den Artenfinder RLP gibt’s auch als App unter https://artenfinder.rlp.de/artenfinder-pwa/#/

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