Lauterecken-Wolfstein
Neuer Bürgermeister: Wenn Abiturienten einen „sauren“ Wahlkampf managen
Die Messe ist gelesen: Philipp Gruber (FWG) hat die Bürgermeisterwahl im Norden des Kreises gewonnen und wird Nachfolger von Andreas Müller (SPD) als Bürgermeister der Verbandsgemeinde (VG) Lauterecken-Wolfstein. In der Stichwahl war der parteilose Christian Sauer unterlegen. Während Gruber und Isabel Steinhauer-Theis (CDU), die im ersten Wahlgang das Rennen um den Bürgermeistersessel verlassen musste, auf Ressourcen und Know-how ihrer Parteien zurückgreifen konnten, musste VG-Büroleiter Sauer mit Beginn des Wahlkampfs quasi bei Null anfangen.
„Im vergangenen Sommer hat mich Christian Sauer auf Facebook angeschrieben“, erinnert sich Carmina Zureikat (Jahrgang 2007) aus Wolfstein. Zu dem Zeitpunkt war sie Schülersprecherin am Veldenz-Gymnasium. „Er hat direkt verraten, worum es geht, dass er jemanden für Social Media im Wahlkampf sucht.“ Die Aufgabe habe sie gleich gereizt – jedoch nicht alleine, weil der Wahlkampf mitten in ihre Abiturphase fiel. Also hat Zureikat an der Relsberger Kerwe zwei dort heimische Mitschüler angesprochen – „motivierte Leute“, wie sie lachend sagt. Liam Henn und Finn Hentzel hätten sich nicht lange bitten lassen. Henn räumt ein: „Meine Tante arbeitet bei der Verbandsgemeinde, die hab’ ich erst mal gefragt.“
Ende August zum ersten Mal getroffen
Offensichtlich hat die Tante keine Warnung ausgesprochen, und das Trio hat sich Ende August zum ersten Mal mit Sauer getroffen. Zureikat: „Wir haben uns vorgestellt, unsere Ideen und Themen ausgetauscht.“ Hentzel ergänzt: „Uns war wichtig, dass wir nicht für jemanden Wahlkampf machen, hinter dessen Zielen und Werten wir nicht stehen.“ Schnell sei klar geworden, dass es für beide Seiten passt.
Es sei auch von Anfang an fest verabredet worden, dass die Schüler sich ihre Zeit selbst einteilen können – schließlich standen im Januar und März die Abiturprüfungen an. Also habe sich das Trio getroffen, und alle zwei Wochen gab es einen gemeinsamen, festen Termin mit dem Chef. „Da haben wir unsere Arbeit gezeigt, uns neue Dinge überlegt und den Plan für die nächsten Wochen gemacht“, erinnert sich Hentzel zurück. Die Termine, das bestätigen alle drei, hätten sich schnell wie „Treffen mit Freunden“ angefühlt, man sei auf einer Wellenlänge – und Sauer habe die Schüler immer ernst genommen.
„Lebens-Lauf“ als Höhepunkt
Die erste größere Aufgabe des Wahlkampfteams sei es gewesen, die Social-Media-Auftritte des parteilosen Bewerbers aufzubauen – also Facebook und Instagram. Zureikat hatte als Schülersprecherin unter anderem den Instagram-Account des Veldenz-Gymnasiums bespielt und dabei erste Erfahrung gesammelt. Gemeinsam habe man die Posts entwickelt und veröffentlicht. Manche Beiträge habe man schon einige Zeit vorab geplant, gerade in der heißen Abi-Phase.
Als einen Höhepunkt ihrer Arbeit als Wahlkämpfer nennt Henn den „Lebens-Lauf“ von Christian Sauer: In einem Video joggt – läuft – der Bewerber Stationen seines Lebens ab. Zwei Tage waren die vier dafür unterwegs: In Kreimbach-Kaulbach, Kaiserslautern, Zweibrücken, Mayen und Koblenz wurde gefilmt. „Das war total cool – auch wenn es Arbeit war“, sagt Henn. Bei der Nachbearbeitung der Videos hätten die drei viel gelernt. Überhaupt sei es eine sehr lehrreiche Zeit gewesen, die ihnen einen völlig neuen Blickwinkel auf Wahlen eröffnet habe. Henn: „Wir waren schon immer politisch sehr interessiert, haben alle Möglichkeiten genutzt, die uns die Schule gegeben hat.“
Voller Stolz auf die Plakate geblickt
Schnell sei klar gewesen, dass das Team den Kandidaten über das Internet hinaus betreuen sollte: Ob Plakate oder Flugblatt – die Abiturienten waren an allen Werbemitteln beteiligt. „Das macht einen schon stolz“, sagt Hentzel, „wenn man so ein Plakat am Straßenrand sieht, das wir entworfen haben.“ Jeder im Team hatte ein Steckenpferd: Zureikat Social Media, Hentzel die Internetseite und Henn die Texte.
Für ihren Kandidaten und Arbeitgeber, Christian Sauer, haben die drei nur lobende Worte parat. Er habe ihre Ideen und Vorschläge – fast – alle unterstützt und umgesetzt, sie aber manchmal etwas bremsen müssen. Zureikat: „Wir wären im Wahlkampf gern ein bisschen frecher gewesen.“ Doch das sei ein schmaler Grat, schließlich ist Sauer auch Beamter. Henn: „Wir haben uns dann entschieden, die Seriosität zu wahren.“ Die drei kichern. „Was man allein an Wortwitzen mit ,Sauer’ machen kann, ist spannend“, sagt Hentzel, der verrät, dass die interne Whatsapp-Gruppe „Saurer Wahlkampf“ betitelt war.
Nie ein böses Wort zwischen den Bewerbern
Und die beiden Mitbewerber? Waren die Kandidaten immer so nett zueinander wie bei gemeinsamen öffentlichen Auftritten? „Auf jeden Fall“, sagt Zureikat voller Überzeugung, „da war nichts gespielt oder aufgesetzt. Das war echt.“ Zwischen Christian, „Grubi“ und Isabel – laut Zureikat „eine der Lieblingsmamas auf der ganzen Welt“ – habe es nie ein böses Wort gegeben, erzählt die Wolfsteinerin. Deshalb sei es auch kein Problem gewesen, dass die drei Abiturienten für Sauer Wahlkampf machen, während die Tochter der Mitbewerberin im selben Jahrgang ist.
Nach dem ersten Wahlgang sei das Team vom Einzug in die Stichwahl kalt erwischt worden, verrät Hentzel: „Während Philipp Gruber schon die vorbereiteten Stichwahl-Plakate aufgehängt hat, haben wir noch geschaut, was wir in den drei Wochen machen.“ Am Ende hat es für Sauer nicht gereicht, doch die Enttäuschung sei schnell verklungen. Zureikat: „Wir wussten ja von Anfang an: Die machen das alle gut. Jeder und jede auf seine oder ihre Art und Weise.“ Es sei eher traurig, „dass die tolle Zeit jetzt vorbei ist“.
Noch zwei Termine mit dem Chef
Folgen auf den Wahlkampf in Lauterecken-Wolfstein bald Engagements auf Kreis oder gar Landesebene? Die drei winken ab, haben andere Pläne. Zureikat will in Wien Soziale Arbeit studieren, später ein Psychologiestudium anhängen und sich politisch engagieren: „Ich habe als Schülerin so viel gesehen, was an Schulen passiert und schiefläuft, da will ich Verbesserungen anschieben. Zumindest ein Minibisschen.“ Henn interessiert sich für ein Duales Studium bei der BASF und Hentzel – übrigens Jahrgangsbester am Veldenz-Gymnasium in Lauterecken – beginnt bald bei der Arbeitsagentur ein Duales Studium.
Bis dahin soll es noch zwei Termine mit dem Chef geben: Eine Wahlanalyse wird noch folgen, ebenso ein Abendessen mit Sauer zum Abschluss. Für ihn wünschen sich die drei, dass er in der Verwaltung bleibt und mit „Grubi“ ein Team bildet. Zureikat: „Das würde die VG richtig voranbringen.“