Raumbach RHEINPFALZ Plus Artikel Kriegserinnerungen: Bombenangriff statt Kindergeburtstag

Auf einer Kriegsgräberstätte reihen sich die Grabsteine aneinander.
Auf einer Kriegsgräberstätte reihen sich die Grabsteine aneinander.

Statt einen schönen zehnten Geburtstag erlebte Christine Becker aus Raumbach (Kreis Bad Kreuznach) den Bombenangriff auf ihre alte Heimat. Ab diesem Tag galten ihre Familie und sie als Vertriebene, die einige Zeit im Kreis Kusel verbrachten.

Christine Beckers zehnter Geburtstag am 12. März 1945 sollte ein schöner Tag werden. Ihre Großmutter war eingeladen und auch ihre Lieblingstante aus Dresden war nach Swinemünde (heute Polen) gekommen, dem damaligen Heimatort der Familie. Anstatt einer glücklichen Familienfeier ereilte die Familie aber der letzte Tag in ihrem Zuhause.

„Als gegen 12 Uhr der Fliegeralarm losging, machten wir ältesten Kinder uns auf den Weg in den Luftschutzkeller“, erzählt die heute 87-Jährige. Die Rucksäcke waren für diesen Fall bereits gepackt. „Normalerweise wurde ganz Swinemünde bei einem Angriff eingenebelt, damit die Flieger den Kriegshafen nicht erkennen konnten und dieser nicht zum Ziel wurde.“ Aber an diesem Tag kam die Schutzfunktion nicht zum Einsatz. „Nach einer Stunde war der Angriff vorbei. Bis dahin hatten wir es noch nicht mal in den Schutzkeller geschafft“, berichtet Becker. Trotz der relativ kurzen Zeit war das Ausmaß der Zerstörung enorm. 60 Prozent der Stadt seien zerstört worden.

SS-Chef Himmler unter Trauergästen

An eine Rückkehr in das Elternhaus der Familie war nicht zu denken. Das Gesehene lässt Becker bis heute nicht los: „Es gab so viele Tote. Im Hafen schwammen die Leichen von Flüchtlingen, die auf Schiffen unterwegs waren.“ Auch die anschließende Trauerfeier für die Militärangehörigen auf der Kriegsgräberstätte Golm hat sich tief ins Gedächtnis der damals Zehnjährigen eingeprägt. Becker ist überzeugt, unter den Trauergästen war auch Heinrich Himmler, der Reichsführer der Schutzstaffel, der sogenannten SS. „Das hat mich lange verfolgt und es macht mich heute echt noch kirre, wenn ich Rechtsradikale sehe“, schildert die 87-Jährige.

Auch nach dem schweren Angriff auf ihre Heimatstadt stellte sich keine Normalität ein. Eine Weile fand die Familie mit ihren sechs Kindern Unterschlupf bei den Großeltern in Ahlbeck auf der Insel Usedom. Anschließend brachte man Eltern und Kinder in einem Auffanglager in Heiligenhafen (Schleswig-Holstein) unter. „Fünf Jahre lang waren wir dort, dann wurde unsere Unterkunft wieder zwangsevakuiert“, erzählt Becker – das Lager sollte abgerissen werden.

Nach Kusel übergesiedelt

Stattdessen wurde die Familie 1950 nach Kusel gebracht. „Wieder Barackenlager – dort, wo heute das Gymnasium ist. Das war zu viel für meine Mutter.“ Diese habe all die Jahre in der Notunterkunft gehofft, irgendwann wieder in die alte Heimat zurückkehren zu können. Sie habe sich nach der langen Zeit endlich eine bessere Zukunft gewünscht. „Stattdessen erlitt unsere Mutter einen schweren Nervenzusammenbruch. Auch mein Vater war vom Krieg gezeichnet.“ Später zog die Familie nach Konken.

Sowohl für die Vertriebenen als auch für die Einheimischen habe die neue Situation eine Umstellung bedeutet, sagt Becker rückblickend. Einige seien damals nicht begeistert gewesen, nun plötzlich Flüchtlinge in ihrem Dorf wohnen zu haben. „Es erforderte viel Geduld auf beiden Seiten. Es war keine einfache Zeit.“

Die Serie

Wir haben Leser aufgefordert, uns von ihren Kriegserinnerungen zu berichten und veröffentlichen sie in loser Folge in den kommenden Wochen. Wir danken ihnen für die zahlreichen Einsendungen. Die Resonanz war sehr groß. Wir bitten um Verständnis, dass wir keine weiteren Erinnerungen für die Serie annehmen.

Bisher erschienen

Der Überlebenskampf der Kriegsgefangenen
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