Wahnwegen
Kriegserinnerungen: Der Überlebenskampf eines Kriegsgefangenen
Während eines Alarms im Krieg geboren, lernte Roswitha Körbel aus Wahnwegen die ersten Jahre nur ein Leben zusammen mit ihrer Mutter und ihrem zwei Jahre älteren Bruder kennen. „Mein Vater war weit weg als Soldat in diesem schlimmen Krieg mit Hitler“, erzählt sie. Insgesamt zwei Mal geriet ihr Vater während dieser Zeit in Kriegsgefangenschaft – einmal in Frankreich und einmal in Russland.
„Deshalb kam er auch erst Mitte 1945 nach Hause“, berichtet Körbel, die sich an die Heimkehr des Vaters nach all den Jahren noch gut erinnern kann. „Wir mussten ihn am Bahnhof in Saarbrücken abholen. Es standen Menschenmengen auf dem Bahnsteig, um ihre Männer abzuholen, die vom Krieg heimgekehrt waren.“ Ihre Mutter sei furchtbar aufgeregt gewesen, weil sie ihn nirgends entdecken konnte, weiß Körbel noch. „Sie hatte Angst, er würde nicht kommen.“
Schwere Verletzung nur knapp überlebt
Die Aufregung habe sich erst gelegt, als er als einer der Letzten aus dem Zug trat. „Er umarmte uns und nahm mich auf seine Arme, die sehr dünn geworden waren“, beschreibt Körbel den Moment des Wiedersehens. Die Zeit im Gefecht und die Gefangenschaft in Sibirien hatten einige Spuren an ihrem Vater hinterlassen. So war er in Russland schwer von einer Kugel verletzt worden, die ihn beinahe das Leben gekostet hätte: „Er hatte wirklich großes Glück dabei. Denn die Kugel schoss ihm in die rechte Wange rein und kam an der linken Wange wieder heraus. Dabei verlor er nur Zähne, aber er lebte.“
Auch seine Füße wurden während der Gefangenschaft in Mitleidenschaft gezogen, berichtet Körbel. „Sie waren halb erfroren, weil er keine Strümpfe und nur kaputte Schuhe hatte.“ Um sich wenigstens etwas vor der Kälte zu schützen, wickelte er sich notdürftig Lappen um die Füße. „Zu essen bekamen sie auch nur ganz wenig und nichts, von dem man gesund bleiben kann.“ Aus den Erzählungen ihres Vaters weiß die Seniorin, mehr als täglich eine trockene Scheibe Brot am Morgen und einen Becher Wasser sowie am Mittag eine Wassersuppe mit Kohl gab es nicht für die Inhaftierten. Für viele schwächere Mitgefangene reichte das nicht: „Sie haben die schwere Zeit im Lager nicht überlebt.“
Hilfsbereit trotz Feindschaft
„Meine Mutter hat meinem Vater zu Weihnachten von dem wenigen, was wir selbst hatten, einen Kuchen gebacken. Den wollte sie ihm schicken, aber das Paket kam nie an“, erzählt die Wahnwegenerin. In Frankreich hingegen sei es ihrem Vater wesentlich besser ergangen. Dort habe ihr Vater bei einem Bauern essen und in dessen Stall übernachten dürfen. „Er durfte auf dem Feld arbeiten und bekam dafür Verpflegung und Unterkunft.“
Aber auch unter den Russen auf dem Lande habe es Menschen gegeben, die ihrem Vater wohlgesonnen gewesen seien, weiß Körbel aus den Erzählungen ihres Vaters. Einmal kam er in ein russisches Dorf und in der Nacht herrschte bittere Kälte. Normalerweise betreute Körbels Vater ein Pferdegespann. So konnte er sich in der einen oder anderen Nacht an den Pferden wärmen. In dieser Nacht hingegen hatten die Menschen Mitleid mit den durchgefrorenen deutschen Soldaten: „Eine Familie hat ihn und einen Kameraden in ihr Haus kommen lassen, damit sie sich am großen Kachelofen wärmen konnten – obwohl sie ja Feinde waren.“ Doch davon war in dieser Situation nichts zu spüren. Auch am nächsten Tag gingen alle friedlich auseinander.