Rammelsbach
Kriegserinnerungen: Die kleine Holzkiste vom Ukrainer-Bub
Als Christel Weingarth 1952 geboren wurde, lag der Krieg schon eine Weile zurück. „Meine Großmutter hatte allerdings ein Holzkästchen aus dieser Zeit auf ihrer Kommode stehen“, berichtet die Rammelsbacherin. Als Kind habe sie gerne die Geschichte gehört, wie es in ihren Besitz gekommen sei. „Immer, wenn ich das Kästchen betrachtete, sagte meine Großmutter: Das hat mir der Ukrainer-Bub geschenkt.“
1939 verstarb Weingarths Großvater bei einem Unfall im Steinbruch. Mit gerade einmal 39 Jahren musste sich die Witwe alleine um ihren 15- und elfjährigen Söhne kümmern. „Seither arbeitete sie im Steinbruch als Köchin, versorgte dort die Arbeiter.“ Weingarth weiß aus den Erzählungen, auch Kriegsgefangene, unter anderem aus der Ukraine waren damals dort untergebracht.
„Sie kam mit den Gefangenen gut aus, schließlich war mittlerweile ihr ältester Sohn ebenfalls im Krieg.“ Ab und an klopfte ein Gefangener sogar an der Haustür ihrer Großmutter. „Wenn sie etwas übrig hatte, gab sie ihnen etwas – manchmal sogar Kuchen“, erinnert sich Weingarth. Allerdings schickte die Witwe die Gefangenen schnell wieder weg. Sie befürchtete Konsequenzen: „Der Umgang mit den Gefangenen war streng verboten. Sie sagte immer, sie wäre ja in Teufels Küche gekommen, hätte man sie erwischt.“
Symbol der Verbundenheit
Nichtsdestotrotz blieb die Hilfe von Weingarths Großmutter von einem kriegsgefangenem Ukrainer nicht unbemerkt: Aus Dankbarkeit schenkte er, den die Großmutter immer als Ukrainer-Bub bezeichnete, ein selbstgemachtes Holzkästchen. „Bei ihr stand es Jahrzehnte auf der Kommode im Schlafzimmer.“ Als die Großmutter 1970 starb, übernahm Weingarth nur wenig aus dem Nachlass, darunter aber das mit Kindheitserinnerungen behaftete Andenken. Eigentlich sei es nichts Besonderes: Etwas in die Jahre gekommen und einfach gefertigt mit Einlegearbeiten, beschreibt sie es.
Dennoch hat es für Weingarth einen sentimentalen Wert, der über das Andenken ihrer Großmutter hinausgeht: „Nun steht es auch bei schon fast 50 Jahre auf der Kommode und ruft mir in diesen Tagen mehr als sonst die Erinnerungen ins Gedächtnis.“ Damit meint sie auch die aktuellen Kriegsgeschehnisse in der Ukraine. Einerseits frage sie sich oft, was aus dem ukrainischen Soldaten von damals geworden ist. „Andererseits muss ich aber auch an die vielen Menschen auf der Flucht denken und das große Leid denken.“
Die Verbundenheit, die zwischen Menschen trotz aller schlimmen Ereignisse entstehen kann, berührt die Rammelsbacherin sehr. Damals seien die Ukrainer als Kriegsgefangene nach Deutschland gekommen. Heute kämen sie als Flüchtlinge, die Schutz suchten.
Die Serie
Wir haben Leser aufgefordert, uns ihre Kriegserinnerungen zu berichten und veröffentlichen sie in loser Folge in den kommenden Wochen. Wir danken Ihnen für die zahlreichen Einsendungen. Die Resonanz war sehr groß. Wir bitten um Verständnis, dass wir deshalb derzeit keine weiteren Erinnerungen für die Serie annehmen.