Waldmohr RHEINPFALZ Plus Artikel Kriegserinnerungen: Ingeborg Beckers Flucht als Kind aus Niederschlesien

Der Sport bewahrte Ingeborg Becker und ihre Familie nach dem Krieg vor großem Leid.
Der Sport bewahrte Ingeborg Becker und ihre Familie nach dem Krieg vor großem Leid.

Kriegserinnerungen: Sie waren noch Kinder, als vor 77 Jahren der Zweite Weltkrieg in Europa tobte. Dennoch lassen die Erinnerungen die Zeitzeugen bis heute nicht los. Viele unserer Leser haben sich deshalb auf den Aufruf gemeldet. Sie wollen ihre Erfahrungen teilen. Den Anfang macht Ingeborg Becker aus Waldmohr. Weitere Zeugenberichte folgen.

Wie schlimm es für die ukrainischen Kinder sein muss, plötzlich ihre Heimat zu verlassen, kann Ingeborg Becker aus Waldmohr gut nachvollziehen. „Ich kenne das Elend, wenn man alles verliert“, sagt die ehemalige Sportlehrerin mit Blick auf ihre Kindheit.

Denn als fast 15-Jährige lebte sie 1945 mit ihrer Mutter und zwei weiteren Schwestern in Breslau im früheren Niederschlesien (heutiges Polen), als sie am 25. Januar plötzlich ihre Heimat verlassen sollte. „Es hieß, die Russen waren schon im Anmarsch“, erinnert sich die 92-Jährige zurück.

Also setzten Soldaten das junge Mädchen und einen Teil ihrer Familie auf offene Lastwagen, um sie vor der drohenden Gefahr durch die gegnerischen Soldaten in Sicherheit zu bringen. „Meine älteste Schwester befand sich zu diesem Zeitpunkt in Breslau im Pflichtjahr in einem Haushalt und war deswegen nicht bei uns“, erzählt die rüstige Seniorin. Eigentlich hätte Becker diese Aufgabe ebenfalls erfüllen sollen. „Für mein Alter war ich stark unterernährt, sah aus wie ein zehnjähriges Kind, deswegen blieb mir das Pflichtjahr erspart.“

„In vier Wochen ist es vorbei“

Auch die beiden Brüder und der Vater waren zu diesem Zeitpunkt nicht in Breslau, kämpften stattdessen im Krieg. Der Mutter und ihren Töchtern versprachen die Soldaten, in vier Wochen in die Heimat zurückkehren zu können. Dann sei der Gegenangriff der Russen sicherlich ausgestanden. Von der Zeit gedrängt, willigte die Mutter ein, die Heimat zurückzulassen. Nur einen Schlitten und einen Kinderwagen bepackt mit wenigen Habseligkeiten wie Bettwäsche habe die Familie auf die Schnelle mitgenommen. „Aber all das ist uns später auf der Flucht auch noch verloren gegangen.“

Trotz all der Jahre könne sich Becker besonders gut an die extremen Temperaturen erinnern. „25 Grad Schneekälte herrschten zu der Zeit der Evakuierung. Finger und Füße sind dabei erfroren.“ Das Gefühl in ihren Zehen habe sie bis heute nicht zurückerlangt, berichtet Becker, die später als Sportlehrerin in Schönenberg-Kübelberg tätig war.

Tage lang nur Schnee zu essen

Anschließend brachte man die vierköpfige Familie nach Jauer, einem etwa 70 Kilometer entfernten Ort westlich von Breslau. „Dort haben wir zwei Nächte in einem Kino geschlafen, später in einer Kaserne.“ Die dort untergebrachten Soldaten waren nach Breslau zur Verteidigung der Stadt abgezogen worden. „Ich muss immer wieder an die versalzene Grießsuppe und die Kartoffeln mit Quark zurückdenken, die es dort zu essen gab.“

Als Tage danach Sirenen ertönten, die den nächsten Angriff russischer Soldaten ankündigten, verlor die Mutter mit ihren drei Töchtern wieder ihre sichere Unterkunft: „Acht Tage sind wir zusammen mit anderen Vertriebenen in einem kalten Zug hin- und hergefahren, um nicht in die Hände der Russen zu fallen.“ Gut seien die Zustände in dieser Zeit nicht gewesen. Die 92-Jährige macht deutlich: „Vor Hunger und Durst blieb uns nichts anderes, als nur Schnee zu essen.“

Erst als der Zug den Bahnhof von Thalheim im Erzgebirge erreichte, stellte sich eine Verbesserung ein. Die Mutter war während der Reise an einer Gallenkolik erkrankt. „Auf dem Bahnsteig empfing uns das Rote Kreuz.“ Während Beckers Mutter im Krankenhaus aufgepäppelt wurde, brachte man die Mädchen für vier Tage in einem Auffanglager in der örtlichen Turnhalle unter. „Die Flucht hatte uns mitgenommen. Wir waren verlaust, und wir hatten die Krätze“, ruft sich Becker ins Gedächtnis.

Schwester im Schrank versteckt

„Für einige Zeit wurden meine Schwestern und ich in einem dreistöckigen Haus bei drei Familien untergebracht. Auf jeder Etage lebte eine von uns.“ Später ließ die Stadt zehn Behelfsheime, ähnlich wie die heutigen Wochenendhäuschen, für die Flüchtlinge aufstellen. Davon bezogen die Geschwister eines mit ihrer Mutter.

Trotzdem stellte sich nur wenig Erleichterung ein: Der Vater galt im Krieg als verschollen, beide Brüder saßen in Kriegsgefangenschaft. Zusätzlich verbreiteten russische Soldaten Angst, weil sie in der Stadt nach jungen Frauen suchten, die sie vergewaltigten.

„Meine Mutter hingegen hatte keine Angst vor ihnen, sie bot ihnen die Stirn.“ Dennoch versteckte sie eine ihrer Töchter, die bereits sehr fraulich wirkte, zu ihrem Schutz im Schrank. Warum ihr die gefürchteten Männer nichts taten, weiß Becker genau: „Sie hielten mich für ein kleines Mädchen, weil ich so unterernährt war.“ Dafür weckte sie das Interesse der Männer anderweitig. „Ich tanzte vor dem Haus immer Ballett, deswegen fragten sie mich, ob ich Artistin sei.“

Mit Sport Zukunft aufgebaut

Ein Glücksfall, wie sich für die ganze Familie herausstellte. Regelmäßig schickten die Soldaten nach der 15-Jährigen, damit Becker für sie tanzte. „Bei ihnen habe ich richtig tanzen gelernt“, erzählt die 92-Jährige. Und: „So habe ich für die Familie Essen verdient.“ Meist erhielt sie für ihre Leistung eine fünf Liter Kanne gefüllt mit Suppe – „Pferdegraupe mit Fleischstückchen drin“. Diese habe gereicht, um selbst die Nachbarn zu versorgen.

Ab diesem Zeitpunkt blieb der Sport ein ständiger Begleiter in Beckers Leben, die bis auf ihren Vater alle Familienmitglieder nach Kriegsende wieder fand. In der DDR ging sie zum Turnen, spielte Handball und besuchte eine Sport- und Theaterschule. Diese Ausbildung wurde ihr erst Jahre später anerkannt und ermöglichte ihr ab dann als Sportlehrerin zu unterrichten. Auch ihren Ehemann, der aus Dittweiler stammte, lernte sie über den Sport kennen. „So bin ich 1955 in den Landkreis Kusel gekommen.“

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