Otterberg
Was die Waldorfschule in Otterberg von anderen Schulen unterscheidet – und was Vorurteile sind
Die Waldorfpädagogik ist seit Gründung der ersten Waldorfschule 1919 in Stuttgart durchaus umstritten. Das hat vor allem mit ihrem Gründer Rudolf Steiner zu tun. Der Österreicher prägte neben der neuartigen Pädagogik auch die biologisch-dynamische Landwirtschaft und die anthroposophische Medizin. Kritiker bemängeln bis heute neben autoritärer Strukturen und der starken Fokussierung auf die Lehren Steiners dessen rassistisches Weltbild.
Die mittlerweile knapp 260 Waldorfschulen in Deutschland – weltweit sind es etwa 1250 – wollen dieses Bild korrigieren. Sie bestreiten vehement, eine spirituell-esoterische Weltanschauung zu vermitteln. Steiners Anthroposophie will eine Brücke zwischen Naturwissenschaft und okkulter Geheimwissenschaft schlagen. Sie betrachtet den Menschen als dreigliedriges Wesen aus Leib, Seele und Geist und zielt darauf ab, durch Bewusstseinsschulung übersinnliche Welten erkennbar zu machen. Gut 100 Jahre später sehen das die Waldorfschulen deutlich differenzierter: „Die Lehrmethoden werden durch die Anthroposophie angeregt, aber nicht festgelegt.“ Sie sei deshalb auch nichts für Kinder und gehöre nicht in den Unterricht, heißt es in den Leitlinien.
Das Prinzip des „entdeckenden Lernens“
Stattdessen verspricht die Waldorfschule mehr individuelle Förderung, gepaart mit traditionellen humanistischen Bildungsinhalten und einem breiten Angebot künstlerischer Übungen. Das pädagogische Wirken basiert auf der altersindividuellen Förderung der Schüler und unterteilt sich nach dem Lebensalter der Kinder und Jugendlichen in drei verschiedene Stil-Arten. In den ersten sieben Jahren schafft der Erzieher demzufolge die Gelegenheiten zum Nachahmen, in den nächsten sieben Jahren führt der Klassenlehrer die Kinder in den Doppelstunden des Hauptunterrichts „in alle großen Gebiete des Wissens“ ein. Das Prinzip des „entdeckenden Lernens“ verlagert für junge Menschen nach der Pubertät den Schwerpunkt auf Information und die Förderung selbstständiger Urteilsbildung.
In der Praxis bedeutet dies, dass sich die Lehrer nicht an staatliche, aber auch nicht an eigene, im Voraus festgelegte Lehrpläne halten müssen. Die Organisation dieser privaten Reformschule, die formell als „Ersatzschule in pädagogischer Trägerschaft“ gilt, unterscheidet sich stark von Regelschulen. So wird die Waldorfschule in Otterberg nicht von einem Rektor geleitet, das Kollegium verwaltet die Schule in allen pädagogischen und organisatorischen Fragen gemeinsam – eine Mitmachschule in Selbstverwaltung.
Englisch und Französisch ab der ersten Klasse
Als Geschäftsführer des Schulträgers, dem Verein zur Förderung der Waldorfpädagogik Kaiserslautern, fungiert Geschäftsführer Christoph Günther. Gemeinsam mit dem Lehrerkollegium ist er für 310 Schüler in der Otterberger Waldorfschule zuständig; 60 Kinder besuchen den benachbarten Kindergarten. Idealerweise ist ein Lehrer durchgehend vom ersten bis zum achten Schuljahr für seine Klasse zuständig. Die Waldorfschule ist eine Ganztagsschule in Angebotsform. Die Kinder lernen bereits ab der ersten Klasse Englisch und Französisch, Flöten- und Geigenunterricht sind obligatorisch. Neben einem Mittagessen aus der biozertifizierten Schulküche bietet sie eine Hausaufgabenbetreuung in kleinen Gruppen sowie vielfältige Freizeitangebote an.
Gemeinsam mit seinen Kollegen wehrt sich Christoph Günther gegen das Vorurteil, dass die Schüler ohne Leistungsdruck nicht das lernen, was sie später in einer modernen Leistungsgesellschaft zum Erfolg bräuchten. Dabei belegten Statistiken, dass sich die durchschnittliche Abiturientenquote an Waldorfschulen durchaus sehen lassen könne, so Pädagogin Annette Boomes. In Otterberg werden sämtliche Schulabschlüsse angeboten und stehen laut Günther unter der strengen Aufsicht der Schulbehörde. Während von staatlicher Seite die Waldorfschule zu knapp 75 Prozent bezuschusst wird, muss der Rest über Spenden und Mitgliedsbeiträge finanziert werden. Die Vereinsbeiträge orientieren sich dabei an den finanziellen Verhältnissen der Eltern. Apropos: Die Eltern seien in besonderer Weise in das Schulgeschehen integriert: Sie brächten sich nicht nur im Vorstand ein, sondern führten auch die Bibliothek und engagierten sich bei Renovierungsmaßnahmen entsprechend ihrer Fähigkeiten. Zudem würden eigens für Eltern Kurse angeboten – sozusagen ein wenig Waldorfpädagogik auf dem zweiten Bildungsweg.
Ziel: selbstständig mit Themen auseinandersetzen
Doch was genau bedeutet „bewegtes Lernen“ im Schulalltag? Die Waldorfschule strebe eine ganzheitliche Entwicklung der Kinder an. Die Lehrkräfte wollen Kopf, Herz und Hand gleichermaßen ansprechen und orientierten sich dabei am jeweiligen Entwicklungsschritt des Kindes. Das Ziel: Verstand, Gefühl und Wille fördern, um Schüler so zu erziehen, dass sie später in der Lage sind, sich mit unterschiedlichen Themen selbstständig auseinanderzusetzen. Dieses vielfältige Lernen stelle die Persönlichkeitsentwicklung in den Vordergrund und unterstütze dabei künstlerisch-handwerkliche Kompetenzen.
Belege dafür finden sich bei einem Rundgang durch die Schule. Über den klassischen Werk- und Malunterricht hinaus betätigen sich die Schülerinnen und Schüler im Schulgarten, der auch etliche Tiere beheimatet. Aus Kupfer werden in einer Schmiede Kerzenständer gefertigt, andernorts werden Tongefäße plastiziert, Gemüse angepflanzt, Kostüme geschneidert und Zirkusnummern einstudiert. Sogar Apfelsaft wird produziert und beim Schulfest verkauft.
Individuellen Spruch statt Zeugnis
Der Unterricht selbst startet mit einem rhythmischen Teil, der überwiegend aus Musik, Bewegung und einem Morgenspruch besteht. Der Epochenunterricht zählt zum Kernstück der Waldorfpädagogik. So werden Hauptfächer wie Deutsch, Mathematik und Naturwissenschaften über drei bis vier Wochen täglich in den ersten beiden Stunden – dem Hauptunterricht – vertieft. Dies soll Konzentration, Kontinuität und Verständnis fördern.
Anstelle von Lehrbüchern erstellen Schüler eigene Epochenhefte. Fächer wie Fremdsprachen, Musik oder Eurythmie, die ständiges Üben erfordern, finden außerhalb des Epochenunterrichts statt. „Sitzenbleiben“ kann man übrigens nicht – am Ende des Schuljahres gibt es stattdessen ausführliche Textzeugnisse und einen individuellen Spruch für jeden Schüler. Die Klassenräume folgen einem Farbkonzept, das Stimmungsbild verändert sich dabei permanent. Mit Kreide werden Tafelbilder entwickelt, ein Jahreszeitentisch soll die Natur in jeden Raum holen und den Kindern ein bildhaftes Erleben der Natur ermöglichen. Kurz gesagt: Das Klassenzimmer soll zur Wohlfühl-Oase werden.
Tanzen Waldorfschüler wirklich ihren Namen?
Die aktuellen Diskussionen über die Einschränkung sozialer Medien für Kinder und Jugendliche sind der Waldorfschule fremd: Dort sind seit jeher bis zur Oberstufe elektronische Medien tabu. „Wir sind ganz sicher nicht technikfeindlich, aber für die kognitive Entwicklung der Schüler sind Handys abträglich“, begründet Lehrer Steffen Griebe das Verbot. Soziale Interaktion erfolgt untereinander, dafür werden den Schülern Freiräume bis hin zu einer „Kuschelzone“ geschaffen.
Und woher stammt nun das oft hämisch geäußerte Vorurteil, dass Waldorfschüler ständig ihren Namen tanzen? Schuld daran ist die Bewegungskunst Eurythmie, die an Waldorfschulen unterrichtet wird. Sprache und Musik werden dabei durch den Körper sichtbar gemacht und das soziale Miteinander gestärkt – also weit mehr, als die bloße tänzerische Darstellung von Buchstaben. Mit diesem Klischee wird die Waldorfschule wohl noch eine Weile leben müssen – auch wenn es inzwischen kaum noch Lehrer gibt, die dieses Fach erlernen und damit später unterrichten könnten. Manches überlebt sich irgendwann auch selbst. Sogar Vorurteile.


