Bildung
Mit Haltung gegen Hakenkreuze: Wieso rechtsradikale Tendenzen an Schulen zunehmen
Eine Schulklasse aus der Pfalz besucht die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Osthofen bei Worms. Zwei Schüler finden es offenbar „cool“, sich dort – den Hitlergruß zeigend – ablichten zu lassen und posten es in den Sozialen Medien. Durch einen Zufall fällt es einem ihrer Lehrer auf. Der ist entsetzt und fordert Konsequenzen, bis hin zur Anzeige. Doch die Schulleitung will die üble Geschichte lieber unter dem Deckel halten, versucht, den Lehrer auszubremsen.
Das ist nur ein Beispiel. Lehrkräfte und Schulleitungen sind zunehmend mit politischen Provokationen konfrontiert. Sei es rechtsextremer, rassistischer Natur, oder vermehrt auch antisemitisch – bedingt durch die aufgeheizte Stimmung nach Hamas-Überfall und Gaza-Krieg. Und sie sind häufig auch verunsichert, hilflos. Wissen nicht, ob und wann sie einschreiten sollen, und auch nicht wie.
Angst vor rechtsextremer Szene
Großes Aufsehen erregte im vergangenen Jahr der Hilferuf zweier Lehrer aus dem brandenburgischen Städtchen Burg bei Cottbus. Max Teske und Laura Nickel berichteten von einer Häufung von rechtsextremen und demokratiefeindlichen Vorfällen an ihrer Grund- und Oberschule, darunter Hitlergrüße auf dem Schulgelände, rechtsextreme Parolen, rassistische Beleidigungen, Hakenkreuz-Schmierereien und ein Klima, das demokratische Werte vermissen lasse.
Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler, die sich dagegen wehrten, müssten Angst um ihre Sicherheit haben. Von der Schulleitung fühlten sich die Betroffenen alleingelassen. Am Ende verließen die beiden Lehrer die Schule, weil die Anfeindungen aus der lokalen rechtsextremen Szene ihrer Ansicht nach nicht mehr zu ertragen waren.
„Klare Kante“ zeigen
Ganz so schlimme Erfahrungen hat Mario Wegener (*) nicht gemacht, das Problem kennt er allerdings nur zu gut. Der 47-Jährige unterrichtet an einer Oberschule in derselben Region – in einer Region, wo die AfD derzeit bei fast 44 Prozent steht. Er erzählt von mit Hakenkreuzen beschmierten Schulbüchern, die in seiner Klasse auftauchten. Urheber nicht feststellbar, weil die Schulbücher aus der Ausleihe kamen. „Grenzwertige Aussagen“, wie er es formuliert, seien im Unterricht keine Seltenheit.
Dennoch, so Wegener, sei das Ganze noch beherrschbar. Viele seiner Schüler wüssten gar nicht, wovon sie redeten. „Meine Schüler sind 7. bis 10. Klasse. Voll in der Pubertät. Das ist eine Phase im Leben, wo man sehr anfällig ist für radikale Meinungen“, sagt der Pädagoge. Was nicht heiße, dass diese Meinung dann unwidersprochen bleiben müssten. „Klare Kante zeigen“ sei wichtig, bis hin zur Anzeige, wenn alles andere nichts nütze. Wobei das eher die Ausnahme sei.
Viele Quereinsteiger ohne Erfahrung
Seine Schule habe sich Leitlinien gegeben, wie mit solchen Provokationen umzugehen sei. Die Schulleitung stehe voll dahinter und er spreche seine Kolleginnen und Kollegen an, sobald ein Schüler, oder seltener eine Schülerin, auffällig werde. Je nach Situation würden der Vorfall und die Hintergründe im Einzelgespräch oder in der Klasse thematisiert.
Ein Problem ist nach Ansicht Wegeners die große Anzahl von Quereinsteigern im Schuldienst in Brandenburg. Das Land suche trotz guter Bezahlung händeringend Pädagogen, was seiner Meinung nach auch mit dem schwierigen Image des ostdeutschen Bundeslandes zu tun hat. Den Kolleginnen und Kollegen, die als Quereinsteiger an die Schulen kommen, fehlten einfach die Ausbildung und die Erfahrung, um solch schwierige Situationen zu meistern.
Soziale Medien als Treiber
Denn da sei Fingerspitzengefühl gefordert. Man dürfe, so der Pädagoge, solche Provokationen nicht immer so „brutal ernst“ nehmen und „verkrampft reagieren“. Besser sei es, den jungen Menschen die Absurdität ihrer Aussagen vor Augen zu führen. Man müsse sie zum Zweifeln bringen. Sie selbst erkennen lassen, wie dumm das alles sei. Der moralische Zeigefinger helfe dagegen wenig.
Auch Grischa Greuel, Mitglied des VBE (Verband Bildung und Erziehung) in Rheinland-Pfalz, betrachtet strafrechtliche Verfolgung nur als letzten Ausweg. Der 44-Jährige ist Mitglied im Hauptpersonalrat für die Integrierten Gesamtschulen im Land und mit den Problemen vertraut. Seiner Einschätzung nach haben rechtsradikale Äußerungen, Antisemitismus, Islam- und Ausländerfeindlichkeit nicht unbedingt stark zugenommen – aber die Polarisierung, die Heftigkeit der Auseinandersetzungen. Soziale Medien mit ihren Algorithmen hielten die jungen Menschen in „Blasen“ gefangen, verfestigten Einstellungen und Weltbilder immer mehr. „Das ist hochgefährlich“, warnt der Gewerkschafter.
Schule als „Ort der Werte“
Als Lehrer – er unterrichtet an einer Gesamtschule in Kaiserslautern – sei es sehr schwierig zu unterscheiden, ob der Schüler „nur“ provozieren wolle, oder ob er von dem Gesagten überzeugt sei. Auf jeden Fall sei es an Lehrerinnen und Lehrern, Haltung zu zeigen. Das erfordere Mut, aber das Bildungsministerium stehe seiner Erfahrung nach hinter den Pädagogen. „Das war bei Frau Hubig schon so, und ist bei Herrn Teuber genauso“, sagt der VBE-Sprecher.
Das rheinland-pfälzische Bildungsministerium verweist darauf, dass Lehrkräfte für die freiheitlich-demokratische Grundordnung eintreten sollten und nicht einfach „neutral“ sein müssten. In einem Schreiben an alle Schulen betonte Bildungsminister Sven Teuber Ende Januar, dass Schule „Ort der Werte, nicht der Beliebigkeit“ sei und Lehrkräfte Position für Menschenwürde und Demokratie beziehen sollen. Lehrkräfte sollten darauf achten, dass menschenfeindliche, rassistische oder antisemitische Aussagen nicht unwidersprochen blieben.
Hilfe für Schulen und Lehrer
„Als Beamter habe ich einen Eid auf die Verfassung geschworen. Die ist nun mal demokratisch. Deshalb muss und werde ich das Grundgesetz und die Demokratie auch verteidigen. Und dabei schützt mich mein Arbeitgeber“, erläutert Greuel. Der Beutelsbacher Konsens aus dem Jahr 1976, der die politische Arbeit an Schulen regle, untersage zwar, dass Schüler manipuliert und indoktriniert würden, das bedeute aber nicht, dass man Verfassungsfeindlichkeit und antidemokratische Tendenzen bei einer Partei nicht thematisieren dürfe. Die AfD versuche immer wieder, mit Hinweis auf den Beutelsbacher Konsens Pädagogen in dieser Hinsicht zu verunsichern. „Und das klappt dann leider oft auch“, sagt der Gewerkschafter.
Egal ob bei Auseinandersetzungen beispielsweise mit der AfD oder beim Umgang mit problematischen Schüleräußerungen oder -verhalten, Schulen und ihre Lehrkräfte könnten sich helfen lassen, betont Greuel. Hilfestellung gebe es unter anderem vom Ministerium, dem Pädagogischen Landesinstitut, aber auch von speziellen Abteilungen der Jugendhilfe oder der Polizei und diversen Vereinen und Verbänden.
„Was darf ich sagen, wann muss ich was sagen“, das ist Inhalt der Module zur Demokratiebildung, die Eva Maria Glaser am Pädagogischen Landesinstitut in Speyer entwickelt. Das Landesinstitut bietet Fortbildungen für Lehrkräfte, Studientage für Kollegien an Schulen oder für die jeweiligen Fachkonferenzen an. Glasers Kollege Ronny Holstein geht vor Ort in die Schulen und unterstützt sie bei der Extremismusprävention. Ein Thema sei das „zuweilen falsch verstandene Neutralitätsgebot“, auch dazu gebe es Fortbildungen, erläutert Glaser. Oder auch zu den Einschüchterungsversuchen seitens der AfD mittels „Meldeportalen“ für vermeintlich nicht neutrale Lehrkräfte. Bei dieser Arbeit, so Glaser, sei der Rückhalt seitens des rheinland-pfälzischen Bildungsministeriums immer groß gewesen.
Hetzkampagnen im Internet
Der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) reicht das allerdings nicht. Sie forderte Ende 2025 rechtliche Rückendeckung und Schutzmechanismen, wenn Lehrkräfte diffamiert, angegriffen oder eingeschüchtert werden, beispielsweise in den sozialen Medien. Landesregierungen und Bildungsministerien müssten in diesen Fällen mehr tun.
Wie belastend eine Hetzkampagne im Netz und in rechtsextremen Medien sein kann, musste unter anderem der Schulleiter des Siebenpfeiffer-Gymnasiums in Kusel, Marco Schneider, erfahren. Als nach einem Beschluss der kompletten Schulgemeinschaft – also Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler, Personalrat und Eltern – diese im Februar 2025 anlässlich einer AfD-Veranstaltung für Menschlichkeit, Toleranz und Demokratie demonstriert hatte, entfachte das rechtsextreme Magazin „Compact“ mit Videos eine Kampagne gegen Schneider im Netz, die Drohungen gegen ihn zur Folge hatten. Der Schulleiter knickte jedoch nicht ein. Die ADD gab ihm Rückendeckung: „Haltung zu zeigen, sich zu engagieren, ist gelebte Demokratie.“
Eines der grundlegenden Probleme ist dem VBE-Gewerkschafter Greuel zufolge, dass immer mehr Aufgaben vor allem von den Elternhäusern auf die Bildungseinrichtungen abgewälzt werden. Dafür sei das Personal weder ausgebildet, noch habe es die notwendigen Ressourcen. „Wir als Schule können die gesellschaftlichen Probleme nicht ursächlich lösen. Wir können nur auf die Symptome eingehen“, sagt der VBE-Vertreter.
Schulsystem überfordert?
Laut der aktuellen „Mitte-Studie“ der Universität Bielefeld in Zusammenarbeit mit der Friedrich-Ebert-Stiftung meint ein Viertel der Befragten, „Deutschland braucht eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft verkörpert“. Zusammen mit dem Wunsch von mehr als 40 Prozent, dass Schulen vorrangig „Disziplin und Gehorsam“ vermitteln sollten, ergebe das eine brisante Gemengelage, sagt der Dortmunder Bildungssoziologe Aladin El-Mafaalani. Das Bildungssystem sei auf die Angriffe von Extremisten nicht vorbereitet, warnt er.
Schule reagiere zu träge in einer sich rasant verändernden Welt. Digitalisierung, Zuwanderung, die Vielfalt des Lebens, all dies überfordere derzeit ein System, das nicht flexibel genug sei. Im „Stern“ kritisierte der Bildungsforscher kürzlich, dass Schule vorrangig Leistung, nicht aber Haltung fördere. Schule wolle nicht autoritär auftreten, sei aber nicht ansatzweise demokratisch. Denn Demokratie werde zwar „gepredigt, aber nicht gelebt“, so Mafaalani.


