Sembach
Sprachförderung: Kita schafft zusätzliche Stelle
Auf den ersten Blick hat sich in der Kindertagesstätte (Kita) Sonnenblume in Sembach nichts geändert: Beate Wuttke kümmert sich wie in den vergangenen acht Jahren um die sprachliche Förderung in der Einrichtung. Eine halbe Stelle hat sie inne, im Gruppendienst ist sie nicht eingeteilt. Sie hält sich vielmehr rund ums Thema Sprachförderung verbunden mit Inklusion, Digitalisierung und Elternarbeit auf dem Laufenden, entwickelt Konzepte, wie mit den Kindern – und den Erwachsenen – so gesprochen werden kann, dass diese ihren Wortschatz erweitern und sich dabei angenommen und wohl fühlen, führt Einzelgespräche und erinnert ihre Kolleginnen immer wieder daran, offene Fragen zu stellen oder bestimmte Gesprächstechniken anzuwenden. Zeigen Kinder in einer Gruppe auffälliges Verhalten, überlegt sie mit den Erzieherinnen, was getan werden könnte und sucht Hilfen und Anlaufstellen für die Familien heraus. Auch schaue sie mit der Kita-Leiterin Laura Schwarz-Früh regelmäßig darauf, „wo das Team steht, was brauchen wir an Fortbildungen oder Auffrischungen?“.
Ihre Arbeitstage gestaltet sie also ähnlich, wie sie es auch von 2016 bis 2023 gemacht hat. Damals war die Kita Sonnenblume Sprach-Kita und Wuttke als Fachkraft für Sprache über das Bundesförderprogramm, von dem rund zehn Prozent der rheinland-pfälzischen Kitas profitierten, eingestellt.
Grundlage hat sich geändert
Im Gespräch mit der gelernten Erzieherin aber wird klar, dass sich die Grundlage, auf der ihre Arbeit beruht, komplett geändert hat. Das Bundesprogramm lief Mitte 2023 aus, Rheinland-Pfalz hat kein eigenes Folgeprogramm aufgelegt. Deshalb ist Beate Wuttke ein Sonderfall. Eigentlich hätte sie, wie viele ihrer Fachkraft-Kolleginnen auch, in den regulären Kita-Dienst wechseln müssen. Als Sprachbeauftragte hätte sie zwar noch fungieren können, aber nur nebenher, ein eigenes Zeit- oder Geldbudget hätte die Einrichtung dafür nicht gehabt.
Dass sie der Kita nun weiterhin als zusätzliche Kraft im Bereich Sprache zur Verfügung steht, ist dem Engagement der Ortsgemeinde zu verdanken. Nach dem Auslaufen der Sprach-Kita beschloss der Gemeinderat, die halbe Stelle aus eigener Tasche zu finanzieren. Dass dies richtig ist, davon ist der heutige Ortsbürgermeister Peter Beutler überzeugt. Zwar war er, als der Beschluss fiel, noch nicht im Amt, aber er befürworte das sehr. Sein eigenes Kind, zweisprachig aufgewachsen, habe selbst von der damals gerade gestarteten Sprach-Kita profitiert. „Das merkt man noch immer an den Deutschnoten“, sagt Beutler.
Fachlicher Überbau fehlt
Für Wuttke bedeutet dieses Konstrukt allerdings, dass sie nun sehr viel mehr auf sich alleine gestellt ist. Der fachliche Überbau, der in Zeiten des Förderprogramms gegeben war, fehle nun. Immerhin lief die Sprachfachberatung bis Ende 2024 weiter. Und laut dem Bildungsministerium in Mainz kann auch weiterhin auf die Unterlagen auf der Projektplattform zugegriffen werden. Wuttke hofft außerdem auf das Qualifizierungskonzept „Mit Kindern im Gespräch“, zu dem die Rheinland-Pfälzische Technische Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU) ein Online-Seminar entwickelt hat. „Einmal im Monat soll es auch ein Online-Café geben, in dem man sich austauschen kann und neue Strategien vorgestellt bekommt“, sagt Wuttke.
In vielen anderen Kitas im Land ist die Lage jedoch eine ganz andere. Dort sollen sich Erzieherinnen, die nach einer Fortbildung den Hut der Sprachbeauftragten aufgesetzt bekommen haben, zwischen ihren alltäglichen Aufgaben um die Sprachförderung kümmern. Zwar biete sich dafür beim alltagsintegrierten Ansatz in jeder Situation theoretisch Gelegenheit, in der Praxis aber gestalte sich das sehr viel schwieriger, sagt Wuttke. Das Ziel der Sprachförderung seien längere Gespräche, die die Kinder auch interessieren. Dafür aber werde vor allem zweierlei benötigt: Ruhe und Zeit, um sich auf den Einzelnen einzulassen.
Land gibt 4,7 Millionen Euro dazu
Dass es an beidem im Kita-Alltag mangelt, darauf weist Schwarz-Früh hin: „Wenn Personal fehlt, hat man keine Zeit, dem Kind zuzuhören, weil man sich gleichzeitig noch um viele andere kümmern muss.“ Auch die Landesregierung scheint das mittlerweile zu merken. Nicht zuletzt aufgrund der schlechten Deutschkenntnisse vieler Grundschüler, kündigte Bildungsministerin Stefanie Hubig im Herbst 2024 daher an, nachzubessern. In jedem Kita-Platz stecke zwar schon jetzt ein Anteil an Sprachförderung, heißt es aus ihrem Haus, dennoch sollen die Sprachbeauftragten an 350 der rund 2700 Kitas im Land nun bis zu fünf Stunden pro Woche von ihren sonstigen Pflichten freigestellt werden, damit sie mehr Zeit für die Sprachförderung haben. Finanziert werden diese Stunden vom Land. 4,7 Millionen Euro sind dafür im Doppelhaushalt 2025/26 vorgesehen. Welche Einrichtungen profitieren sollen, stehe noch nicht fest, sagt das Ministerium. Damit sei erst im April oder Mai zu rechnen. Für dieses Modellprojekt sollen aber Kitas ausgewählt werden, in denen es „einen erhöhten Anteil von Kindern in herausfordernden Lebenslagen“ gibt.
Die Sembacher Kita-Leiterin findet es grundsätzlich richtig, dass das Land nachsteuert. Denn sie hat festgestellt: „Frau Wuttkes Arbeit tut dem Team gut.“ In fünf Wochenstunden sei aber natürlich nicht das zu leisten, wofür Wuttke bei ihnen rund 20 Stunden Zeit hat. Und Schwarz-Früh spricht eine organisatorische Schwierigkeit an: In der Zeit, in der sich die Sprachbeauftragte nicht um ihre Gruppe, sondern um die Sprachförderung kümmert, muss jemand anderes den Kita-Dienst übernehmen. Den Ausfall zu kompensieren, darum müssen sich die Einrichtungen selbst kümmern. „Für fünf Stunden aber kriegt man niemanden. Wir haben schon Probleme, halbe Stellen zu besetzen“, berichtet die Kita-Leiterin. Es werde an den betroffenen Kitas dann wohl darauf hinauslaufen, dass andere Teilzeitkräfte aufstocken.
Wie die Situation der Sprachförderung in Rheinland-Pfalz momentan aussieht, lesen Sie hier.
