Sembach RHEINPFALZ Plus Artikel Erzieherinnen kritisieren das Ende der Sprach-Kita

E wie engagiert: Beate Wuttke hat sich viele Jahre lang um die sprachliche und digitale Bildung an der Kita Sonnenblume in Semba
E wie engagiert: Beate Wuttke hat sich viele Jahre lang um die sprachliche und digitale Bildung an der Kita Sonnenblume in Sembach gekümmert. Aber auch Inklusion und Elternarbeit gehörten zu ihren Aufgaben als Fachkraft für Sprache.

Die Sprach-Kitas in Rheinland-Pfalz sind Geschichte. Das Bundesförderprogramm ist Ende Juni ausgelaufen, das Land setzt das Konzept als nur eines von zwei Bundesländern nicht unter eigener Regie fort. Betroffen ist von dieser Entscheidung auch die Kindertagesstätte (Kita) Sonnenblume in Sembach.

„Weil Sprache der Schlüssel zur Welt ist“, mit diesem Slogan war das Bundesprogramm zur Förderung von Sprach-Kitas überschrieben. Klar ist: Wer Sprache gut beherrscht, hat im Leben, in der Schule und später im Beruf bessere Chancen. Dass es um diese Kompetenz, die Voraussetzung dafür ist, zum Beispiel Texte und an einen gestellte Aufgaben richtig verstehen zu können, in Deutschland nicht zum Besten steht, hat jüngst wieder der Nationale Bildungsbericht verdeutlicht. Wie wichtig es wäre, möglichst früh, also im Kindergarten, mit sprachlicher Bildung zu beginnen, darauf weisen Fachleute immer wieder hin.

In der kommunalen Kita Sonnenblume in Sembach sind sich Kita-Leiterin Birgit Bies und ihre Mitarbeitenden sehr bewusst, dass sie den Grundstein für die Bildung der Kinder legen. 2016 wurde die Einrichtung Sprach-Kita. Beate Wuttke war seitdem als Fachkraft für Sprache mit im Team. Die gelernte Erzieherin hat sich kontinuierlich in diesem Bereich fortgebildet. Sie sagt: „Was hier nicht an Worten mitgegeben wird, fehlt bis oben, bis zum Studium.“

Inklusion, Digitalisierung und Elternarbeit

Daher hat sie Projekte in der Sonnenblumen-Kita angestoßen, zum Beispiel ein Abc-Projekt. An den Fensterscheiben vor dem Speisesaal kleben verschiedene Alphabete: das mit lateinischen Buchstaben natürlich, aber auch das arabische oder das kyrillische. Auf jeder einzelnen Letter befindet sich ein kleiner Chip. Wenn die Kinder nun einen speziellen digitalen Stift an dieses Feld halten, spricht der Stift ihnen den Buchstaben in deutscher, arabischer oder russischer Sprache vor. Damit alles richtig ausgesprochen wurde, haben Eltern, die diese Sprachen beherrschen, beim Erstellen der Audiodateien geholfen.

So seien gleich mehrere Felder ihrer Arbeit als Fachkraft für Sprache abgedeckt worden, berichtet Wuttke. Denn sie betont, dass es beim Bundesprogramm der Sprach-Kita nie nur um die alltagsintegrierte sprachliche Bildung ging, sondern zudem noch die Inklusion, die Digitalisierung sowie die Elternarbeit gefördert werden sollten.

Nebenher funktioniert es nicht

Sie befürchtet ebenso wie Bies, dass mit dem Auslaufen des Sprach-Kita-Programms viel weniger Zeit für alle diese Bereiche im Kita-Alltag bleiben wird. Denn bislang war Wuttke nicht im Gruppendienst eingeteilt, sondern als Fachkraft für Sprache über das Förderprogramm halbtags zusätzlich zum betriebsrelevanten Personal eingestellt. Ihre Arbeitszeit nutzte sie beispielsweise, um sich fachlich und pädagogisch ständig auf dem Laufenden zu halten, um sich mit anderen Fachkräften auszutauschen, die Erzieherinnen in Sembach zu schulen und zu coachen und um zu recherchieren, welche Hilfen und Anlaufstellen es für Familien und Kinder mit Problemen geben könnte. Das alles könne nicht nebenher geleistet werden, sind sich Bies und Wuttke einig.

Das Land Rheinland-Pfalz hingegen ist davon überzeugt, dass die Expertise für die sprachliche Bildung in den Kitas erhalten bleibt – „mit oder ohne Programm“. Schließlich könnten die bisherigen Fachkräfte in das jeweilige Kita-Team übernommen werden, „sofern eine freie Stelle zur Verfügung steht“. Der letzte Halbsatz macht den Unterschied zur Situation bis Ende Juni deutlich: Sie werden keine zusätzlichen Kräfte mehr sein. Wuttke formuliert es so: „Ich denke, die Fachkräfte werden in den regulären Kita-Dienst übergehen, um Löcher zu stopfen.“ Sie selbst hat das Angebot, in Sembach zu bleiben und genau diesen Weg zu gehen. Allerdings: Viele ihrer Fachkräfte-Kolleginnen müssen sich andere Jobs suchen und in der Kita Sonnenblume muss dafür eine andere Halbtagskraft das Haus verlassen, wie Bies bedauert.

Ein Zeitbudget gibt es nicht

Auch von der Idee aus Mainz, dass Erzieherinnen als Sprachbeauftragte in den Einrichtungen fungieren können, halten die Sembacherinnen wenig. „Das ist eine normale Erzieherin, die diesen Hut aufgesetzt bekommt“, macht Bies ihre Sicht der Dinge klar. Ein Zeitbudget gebe es dafür nicht. Sie widerspricht damit aus ihrer praktischen Erfahrung heraus dem Bildungsministerium, das festhält: „Zur Sicherung einer alltagsintegrierten Sprachbildung und -förderung haben wir bereits mit dem Kita-Gesetz finanzielle Mittel dafür deutlich erhöht und in die Personalbemessung für Plätze für Kinder ab zwei Jahren bis zum Schuleintritt fest integriert.“ Das Land betont außerdem, dass von diesem Ansatz alle Kitas profitieren würden, nicht mehr nur die rund zehn Prozent, die am Bundesprogramm teilgenommen haben.

Wuttke befürchtet allerdings, dass eine solche Sprachbeauftragte sich höchstens noch etwas intensiver als üblich um die sprachliche Förderung kümmern kann, „die anderen drei Felder aber fallen weg“. Schon diese Integration der sprachlichen Bildung werde jedoch erheblich schwieriger. So könnten sich Erzieherinnen noch relativ leicht besondere Fragetechniken aneignen, die sie im täglichen Umgang mit den Kindern einsetzten. Aber Einzelgespräche, zum Beispiel über das Plätzchenbacken am Morgen in der Kita-Küche, die dann protokolliert und in das Portfolio jedes Kindes übertragen werden, seien nur noch mit wenigen möglich, nicht mehr mit der ganzen Gruppe. Dafür fehle einfach die Zeit und die Ruhe, wenn 24 andere Kinder gleichzeitig beschäftigt und beachtet werden wollen.

Zudem sei unklar, welche Qualifikation die Sprachbeauftragten haben müssten. Aus Mainz heißt es dazu: „Sprachbeauftragte sollen die Qualifizierung als Sprachförderkraft absolviert haben.“ Diese besteht aus neun Modulen. In der Sembacher Kita Sonnenblume haben alle Mitarbeitenden diese durchlaufen, weil es Wuttke als Fachkraft für Sprache und auch der Trägerin, der Ortsgemeinde Sembach, wichtig war. So besteht dort zumindest die Möglichkeit, dass trotz vieler Wechsel, die es beim Personal in den Kitas gibt, auch künftig immer noch eine fachlich geschulte Kraft vor Ort sein wird.

Derzeit auf dem neuesten Stand

„Aber“, fragt Wuttke, „welcher Träger ist künftig dazu bereit, jedem seiner Mitarbeiter eine entsprechende Schulung zu finanzieren?“ Und damit diese Kontinuität zu gewährleisten? Sie erwartet vielmehr, dass das in den vergangenen Jahren mit viel finanziellem und persönlichem Einsatz erworbene Wissen nach und nach wieder verloren geht, ebenso wie die gute Ausstattung der Sprach-Kitas. „Wir sind räumlich und ausstattungsmäßig auf dem neuesten Stand“, stellt Fritz Hack, als Sembachs Ortsbürgermeister Träger der Einrichtung, fest. Er erwartet aber, dass dieses Niveau in den kommenden Jahren ohne die Förderungen vom Bund nicht gehalten werden kann. „Das ist schade.“ Ein wichtiges Ziel des Bundesprogrammes könne unter diesen Voraussetzungen nicht erreicht werden: „Das Programm sollte verstetigt werden und nachhaltig wirken“, sagt Wuttke.

Immerhin eines begrüßen die Erzieherinnen aus Sembach: Das Land Rheinland-Pfalz wird die Sprach-Fachberatungen bis Ende 2024 weiterfinanzieren. Diese Fachberater begleiteten und schulten die Fachkräfte für Sprache über die Dauer des Bundesprogrammes kontinuierlich. Und in ihrem Fall habe die Fachberaterin, die aus Speyer kam, gute Arbeit geleistet, konstatiert Wuttke.

Für sie steht fest, dass der Weg, den Rheinland-Pfalz nun einschlägt, der falsche ist. Statt die Fachkräfte für Sprache de facto abzuschaffen, sollte es deutlich mehr dieser spezialisierten und von den Alltagsaufgaben entbundenen Expertinnen geben: „Eigentlich müsste jede Kita eine Fachkraft für Sprache haben“, ist sie überzeugt.

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