Südpfalz
Schüler in Not: Klassenfahrten ohne Risiko gibt es nicht
„Ohne uns hätte das Kind nicht überlebt“, erinnert sich Jürgen von Randow, Leiter der Integrierten Gesamtschule (IGS) Rülzheim, an seine Lehrerausbildung. In der Ostsee bei Kiel war ein etwa sechsjähriger Junge mit Flossen im Wasser und von einer Unterströmung ins offene Meer gezogen worden. Das Kind war mit seiner Klasse vor Ort, von Randow zufällig im Zuge seiner Ausbildung mit Kollegen. „Wenn man sieht, wie so ein Kind um sein Leben kämpft...“, erinnert er sich. Das Kind habe den Unfall überstanden. Doch seit von Randow die IGS leitet, gilt dort ein strenges Fahrtenkonzept, um solche Unfälle möglichst zu vermeiden. Und es soll eben nicht vorkommen, dass möglicherweise unerfahrene Lehrkräfte spontan auf eine ungeplante Wanderung losziehen, wie es offensichtlich bei einer Klassenfahrt von Schülern aus Maxdorf in Österreich geschehen ist.
„Wir schauen uns die Qualifizierung der Kollegen an“, sagt von Randow, auch arbeite man stets mit den Experten vor Ort zusammen. „Bergführer können zum Beispiel das Wetter besser abschätzen, als wir.“ Demnächst ist von Randow selbst wieder mit einer Klasse am Gardasee. „Ich würde nie in der Größenordnung losgehen“, sagt er mit Blick auf die 100 Schüler, die wohl im Allgäu unterwegs waren. Außerdem wird vorab sondiert, wie gut die Gruppe zu Fuß ist: „Am ersten Tag gehen wir spazieren und sehen, wer ist gut im Laufen.“
Aus 15 Metern Höhe abseilen
Dabei ist Nervenkitzel auf Klassenfahrten durchaus vorgesehen: Aus 15 Metern Höhe abseilen, dann knapp drei Kilometer durch ein Flussbett wandern – gerade erst ist eine spannende Fahrt für Siebtklässler der Realschule plus Kandel zu Ende gegangen. Klassenlehrer Jens Willich war mit 16 Schülern im Murgtal bei Forbach unterwegs. „Das könnte man auch in Eigenregie machen, aber wir setzen auf Profis“, sagt der Sportlehrer gegenüber der RHEINPFALZ. „Klar könnte man sich die 30 Euro extra pro Schüler sparen. Aber wir machen das genau deshalb, weil wir nicht solche Überraschungen erleben wollen“, sagt der Lehrer mit Blick auf die aufwändige Rettungsaktion für die Pfälzer Schüler in Österreich.
Risiken blieben schließlich genug. Das Flussbett könne zum Beispiel plötzlich geflutet werden oder der Wasserstand nach Regen stark ansteigen. Die Profis des Anbieters wissen genau, wann mit solchen Situationen zu rechnen ist. Und dann geht es um die Gesundheit der Kinder. Diesmal habe er zum ersten Mal die Erfahrung gemacht, dass ein Schüler an seine Grenzen kam, die Tour fast abbrechen musste, sagt Willich. Sowieso gilt: Allergiker müssen ihre Notfallsprays dabei haben, Epileptiker ihre Medikamente – und die Lehrer müssen die Bedürfnisse der Schüler genau kennen.
Auch beim Wildwasserrafting setzte der Sportlehrer vergangene Woche wieder auf professionelle Anbieter. Diese könnten im Notfall retten und bergen, hätten für alle Aktivitäten stets die richtige Ausrüstung dabei.
Vor Wanderung die Schuhe vorzeigen
Denn Ausrüstung und Kondition seien inzwischen durchaus Knackpunkte, weiß Elmar Frick, Leiter der Realschule plus Lingenfeld. Er erinnert sich an Schüler, die bei schlechtem Wetter mangels Regenjacke nicht mitwandern durften, oder die bei der Kanufahrt ausgerechnet mit Lederjacke ins Boot wollten. Schon alleine wegen der Ausrüstung arbeite man meist mit Profis zusammen, sagt Frick.
Vor den kommenden Projekttagen mit einer Eselwanderung mussten die Schüler schon vorab das Schuhwerk vorzeigen. Die Strecke wurde vorher von Lehrern abgewandert. „Man braucht einen Plan B“, sagt Frick. Schließlich gebe es im Pfälzerwald an vielen Stellen keinen Handyempfang – „was ist dann, wenn sich einer ein Bein bricht?“. Darauf müsse man vorbereitet sein.
Doch der Schulleiter weiß auch: Egal, wie viel man im Vorfeld plant, es kann immer noch etwas schiefgehen. „Wir trugen auf der Piste Leuchtwesten“, erinnert er sich an einen denkwürdigen Skikurs. Trotzdem sei ein Schüler von einer Touristin überfahren worden.
Keine Experimente auf Klassenfahrten
Große Gruppen gibt es immer wieder. Dass 100 Kinder gemeinsam auf Klassenfahrt gehen, ist auch im Gymnasium im Alfred-Grosser-Schulzentrum in Bad Bergzabern denkbar. „Bei uns geht die komplette 8. Jahrgangsstufe, eventuell auch die 7. Jahrgangsstufe, gemeinsam auf Klassenfahrt“, bestätigt Schulleiter Pete Allmann. Die Schüler aus der Kurstadt fahren dann in der Regel nach Eglofs im Westallgäu.
Experimente werden bei der Fahrt aber nicht gemacht. „Die Klassenfahrten werden von einem Team organisiert, zu dem gehören erfahrene Lehrer, die die Tour schon mehrfach unternommen haben“, sagt Allmann. Im Team wisse man, auf was geachtet werden muss. Bis zu zehn Lehrer begleiten die Jahrgangsstufe auf der Klassenfahrt. Auf dem Programm steht auch eine Wanderung im Begrenzer Land. „Die machen aber nicht alle Schüler auf einmal, das geht nur in kleinen Gruppen“, betont der Schulleiter.
Im Alfred-Grosser-Schulzentrum gibt es ein Schulfahrtenkonzept für Gymnasium und Realschule plus. Darin ist der Rhythmus der Klassenfahrten festgelegt, auch die Organisationsstruktur und der Kostenrahmen finden sich darin wieder. „Dazu gibt es einen Beschluss der Gesamtkonferenz“, erläutert Allmann. Im Gymnasium machen die sechsten Klassen eine Kennenlernfahrt. Das Schulzentrum ist für seine musikalische Ausbildung und seine Orchesterarbeit bekannt. „Die Bläserklassen unternehmen auch regelmäßig Klassenfahrten“, so Allmann. Weitere Fahrten sind, wie erwähnt, in der 8. sowie der 10. Jahrgangsstufe vorgesehen. „Wobei man da auch immer schauen muss, dass es im finanziellen Rahmen bleibt“, sagt Allmann. In der Oberstufe gibt es noch Studienfahrten, in denen mindestens zwei Leistungskurse zusammen unterwegs. „Das ist in der 12. Jahrgangsstufe der Fall, in der Regel sind das 40 bis 50 Schüler“, sagt Allmann. Häufig sind das Städtetouren.
Dass 100 Schüler zusammen auf Klassenfahrt gehen, kann sich Simon Lietzmann, Schulleiter des Gymnasiums im Pamina-Schulzentrum Herxheim, hingegen nicht vorstellen. „Das zu koordinieren ist Wahnsinn“, meint er. Auch in Herxheim sind die achten Klassen gleichzeitig auf Klassenfahrt. „Die fahren dann aber an unterschiedliche Orte. Es kommt höchstens mal vor, dass zwei Klassen am selben Ort sind“, sagt Lietzmann. Planung und Organisation liegen bei den jeweiligen Klassenlehrern, werden aber mit der Schulleitung abgesprochen. Bei Bedarf werden Fachleute mit ins Boot geholt. „Sich nur auf Internetrecherche zu verlassen, das geht nicht“, betont der Schulleiter. In Herxheim stehen in der Regel zwei Klassenfahrten sowie in der Oberstufe eine Studienfahrt auf dem Programm. Das soll möglichst auch in Zukunft so bleiben. „Wir müssen sehen, wie es weitergeht, denn die Preise haben wahnsinnig angezogen“, so Lietzmann.


