Grosskarlbach
Von „De Webbern“ zum „Di Bello“: Die Geschichte der Kändelgasse 1
Rudolf Walther aus Großkarlbach, Jahrgang 1940, weiß, dass in der Kändelgasse Nummer 1 schon vor seiner Geburt Helene Weber ein kleines Gasthaus betrieben hat. Direkt nebenan war ein kleiner Eisenwarenladen und dahinter eine Kaugummifabrik. Obwohl das Lokal offiziell Gasthaus Karl Weber hieß, sagte man in Großkarlbach nur: „Mer gehe zu de Webbern.“ So erzählt es Elisabeth Erbacher-Schläfer, die seit 55 Jahren in Großkarlbach lebt und sich in ihrer Freizeit mit Heimatkunde beschäftigt.
Auch Altbürgermeister Ralf-Peter Riegel ist die Lokalität mit benachbartem Eisenwarenladen ein Begriff, denn 1979 zog er mit seinem Versicherungsbüro in die ehemalige Gaststätte. Heute befindet sich sein Büro allerdings in der Hauptstraße. So ganz genau können sich die Befragten nicht mehr erinnern, ab wann das Gasthaus Weber nicht mehr zu Tisch bat. Es muss so Ende der 1960er-Jahre gewesen sein, vermutet Rudolf Walther. Ralf-Peter Riegel kann zumindest bestätigen, dass die Gaststätte 1961 noch existierte. Nach Helene Weber gab es auf jeden Fall noch kurzzeitig zwei weitere Betreiber.
Haus wurde vielfältig genutzt
Eine alte Postkarte erinnert an die Zeit zwischen Wirtshaus und Versicherungsbüro, als in der Kändelgasse 1 ein kleines Rewe-Geschäft betrieben wurde. Später wurde das Gebäude unter anderem als kleine Galerie, als Malergeschäft und zuletzt als Glasfaser-Beratungsstelle genutzt, bevor daraus vor ein paar Jahren die Di Bello Gelato Panini Bar wurde.
Helene Weber bot den Großkarlbachern in den 1950er-Jahren so etwas wie ein Wohnzimmer. Dort stand der erste Fernsehapparat im Dorf. „Krimis haben wir immer wieder geschaut“, erzählt Rudolf Walther. Als junger Mann hat er im kleinen Saal im Obergeschoss regelmäßig das Tanzbein geschwungen. „Jedes Mal bei Dorffesten gab es dort Tanz, bei Kerwe war das Pflichtprogramm.“ Gut voll soll es beim Kerwetanz mit circa 50 Leuten gewesen sein. Roxi Compo hieß die Lokalband. Laut Elisabeth Erbacher-Schläfer befindet sich der stillgelegte Tanzsaal im Nachbargebäude von Di Bello seit Jahrzehnten „im Dornröschenschlaf“.
Lieber Bier als Bluna serviert
Im Lokal saß man an Holztischen. Alles war recht einfach gehalten, die Speisekarte war klein. „Nichts Besonderes, eher so Knabbersachen“, meint Walther. Auch das Getränkeangebot hielt Helene Weber einfach und pragmatisch. Einen Tresen mit Zapfanlage gab es nicht, stattdessen Flaschenbier und die damals hippe Bluna. Bei diesem Thema erzählt Walther eine Anekdote. Als ein jugendlicher Freund eine Bluna bestellte, soll die Wirtin geantwortet haben: „Ward, bis de Dorscht hascht.“ Dann soll sie dem verblüfften Freund einfach ein Bier serviert haben.
Die Serie
Tanzsäle, Gastwirtschaften und Dorfkneipen waren früher äußerst wichtig für das Dorfleben. Die meisten wurden nach und nach aufgegeben. In der Serie „Es war einmal ein Gasthaus“ erinnern wir an solche Lokale im Frankenthaler Umland, an ihre Geschichten und Traditionen sowie an die Menschen hinterm Tresen.


