Laumersheim
Gasthausgeschichten: Das Lokal „Zum weißen Lamm“ in Laumersheim
Der Rosenmontagsball im Festsaal des Laumersheimer Gasthauses Zum weißen Lamm, da sind sich Else Kehr-Frey und ihre Tochter Sigrid Hofheinz einig, war „fast schon legendär“. Die Seniorchefin und die aktuelle Wirtin haben lebendige Erinnerungen an die Veranstaltung, die von den Fünfzigern bis Mitte der 80er-Jahre dort jährlich stattgefunden hat. Die Leute hätten bereits um 16 Uhr auf der Treppe zum Obergeschoss auf den Einlass gewartet. „Das war ein richtiger Heiratsmarkt“, ist sich Kehr-Frey sicher. Sie werde heute noch von Frauen angesprochen, die ihren späteren Ehemann bei genau dieser Gelegenheit kennengelernt haben.
Ursprünglich war die Gaststätte nur ein Nebenerwerb. Ab 1832 schenkte der Landwirt und Winzer Peter Kehr in einem Raum im Erdgeschoss seines Wohnhauses an der Ecke Hauptstraße/Mühlstraße, das laut Denkmalamt aus dem 16. Jahrhundert stammt, Bier und seinen eigenen Wein aus. 1860 bis 1862 baute Kehr die Hofanlage aus, kaufte das Nachbaranwesen und baute darauf ein Haus, das im Obergeschoss einen Tanzsaal mit Nebenräumen bekam. Im Garten richtete er eine Kegelbahn ein. Jakob Kehr übernahm die Konzession von seinem Vater Peter und gab sie wiederum an seinen Sohn Willy weiter. Dieser adoptierte 1950 seinen Neffen Emil (geboren 1929), der nun den Nachnamen Kehr-Frey trug und seinerseits mit Ehefrau Else die Landwirtschaft und Gaststube weiterführte.
Speisen gab es vor 1965 nur für bestellte Feiern und an der Kerwe, vor der jeweils zwei Schweine geschlachtet wurden, erzählt Kehr-Frey. Am Kerwefreitag gab es das Schlachtessen zum Mitnehmen, weiß Hofheinz. Ansonsten wurden zum Skat- und Schafkopfspielen am Sonntag zu den Getränken nur Salzstangen und Zigarren gereicht. Ab Mitte der 60er-Jahre gab es zu festen Öffnungszeiten unter anderem Rumpsteak, Kalbsnierenbraten und, wenn Willy Kehr und Emil Kehr-Frey bei der Jagd erfolgreich waren, Wild.
Im Saal und den Nebenräumen spielte sich ein beachtlicher Teil des Dorflebens ab. Sogar ein Arzt praktizierte dort eine Zeit lang. Verbände und der Gesangverein, der dort probte, trafen sich zu Sitzungen. Lange feierte die protestantische Kirchengemeinde ihren Gottesdienst im Saal, bis 1953 deren Kirche eingeweiht wurde. Und es gab Tanzveranstaltungen wie den Jubiläumsball der Feuerwehr, den Kerwetanz und den bereits erwähnten Rosenmontagsball.
Nach ihrer Ausbildung in der Gastronomie und Tätigkeiten unter anderem in Berlin kamen Sigrid Hofheinz und ihr Mann Kai, ein gelernter Koch, 1999 nach Laumersheim zurück. Das Paar übernahm Gaststätte und Konzession, öffnete in Vollzeit und modernisierte und erweiterte die Gaststube und die Küche. Auf hohem Niveau und mit entsprechend guter Mundpropaganda schafften sie es, einen Vollzeit-Gastronomiebetrieb zu führen. Während der Coronapandemie bot man am Wochenende Essen zum Mitnehmen an, fand danach aber nicht mehr genug Personal, um den Betrieb wie vorher weiterzuführen. Nun sind es laut Hofheinz zu 80 Prozent Stammgäste, die am Wochenende mit einer Reservierung ins Weiße Lamm kommen. Familienfeiern werden immer noch gebucht – in der Gaststube und im Saal von 1862.
Die Serie
Tanzsäle, Gastwirtschaften und Dorfkneipen waren früher äußerst wichtig für das Dorfleben. Die meisten wurden nach und nach aufgegeben oder öffnen nur noch für Stammgäste. In der Serie „Es war einmal ein Gasthaus“ erinnern wir an solche Lokale im Frankenthaler Umland, an ihre Geschichten und Traditionen sowie an die Menschen hinterm Tresen.


