Kaiserslautern
Fünf Jahre nach Mord an Diana Bodi: Die Suche nach dem Täter geht weiter
Der Datensatz ist groß, sehr groß. Sonst würde der Computer nicht so lange rechnen. Mark Seither überbrückt die Wartezeit mit ein paar Infos zu dem Fall, der die Beamten in Kaiserslautern seit mehr als fünf Jahren beschäftigt: der Fall Diana Bodi. Die 48 Jahre alte Frau wurde am 14. Dezember 2020 in der Staubörnchenstraße im Zentrum Kaiserslauterns tot aufgefunden. Die Umstände der Tat sind nicht geklärt, es fehlt der Tatort und vor allem: der Täter.
„In dem Fall wurde sehr, sehr viel gemacht“, sagt Seither. Unzähligen Spuren sind die Beamten nachgegangen, rund 300 Hinweise gingen aus der Bevölkerung ein. Seither, groß gewachsen, schlank, leitet seit April 2025 das Kommissariat 11, zuständig unter anderem für den Fall Bodi. Um zu verdeutlichen, wie viel Arbeit die Ermittler in den Fall bisher gesteckt haben und auch um zu zeigen, wie komplex der Fall ist, deutet Seither nun auf seinen Computerbildschirm, auf dem sich mittlerweile eine Grafik aufgebaut hat. Diese erinnert – auf den ersten Blick – an eine aus Linien modellierte Landschaft, eine hügelige Gegend, Wegpunkte scheinen markiert zu sein. Der Eindruck täuscht, er täuscht gewaltig. Seither greift zur Maus und zoomt ein wenig heran, die Punkte sind nun ein wenig deutlicher zu erkennen, sind beschriftet, haben unterschiedliche Farben. Dazu gibt es Linien, zahllose, feine Linien, die die Punkte miteinander verbinden. Die für den Laien undurchsichtige Darstellung ist der Fall Bodi, in all seiner Komplexität, in all seiner Vielschichtigkeit. Die Punkte markieren Spuren, Hinweise, Personen, die Linien Zusammenhänge.
Identität mittels DNA-Abgleich abgeklärt
Zu den Fakten: Am 14. Dezember 2020 meldete eine Passantin eine leblose Person in der Staubörnchenstraße, unweit der Mall. Schnell stand fest: Die Frau war gewaltsam zu Tode gekommen. Aber: Wer ist sie? Die erste Hürde für die Ermittler – die Identität der Toten. Es dauerte mehrere Wochen, bis feststand, dass es sich um Diana Bodi handelte, Ende 40, aus Ozd in Ungarn. Wer die Frau war, konnte erst ermittelt werden, nachdem Diana Bodis Mutter ihre Tochter Silvester 2020 in der Heimat als vermisst gemeldet hatte, ein DNA-Test brachte wenig später Gewissheit. Für die Ermittler erschwerte die Tatsache, nicht zu wissen, wer die Tote war, die Arbeit. „Es ist immer schwer, wenn man nicht im sozialen Umfeld eines Opfers ermitteln kann“, sagt Seither. Das Team vom K11 hat den Fall über die Jahre nie aus den Augen verloren, ist immer wieder Hinweisen nachgegangen. Dass nun mit Seither ein neuer Leiter der Mordkommission sich mit dem Fall befasst, könne unter Umständen neue Impulse bringen. „Jeder Ermittler bringt noch einmal einen neuen Blick mit sich“, sagt Seither. Das ändere aber nichts an der Vorarbeit der Mordkommission in den vergangenen Jahren – die aus Sicht Seithers sehr gut war. „Die Kollegen wussten, was sie taten. Das waren erfahrene Ermittler.“
Überwachungskamera schneidet gruselige Szenen mit
Nachdem die Identität der Toten Anfang Februar 2021 ermittelt war, stellte sich heraus, dass die 48-Jährige in Deutschland als Pflegekraft arbeiten wollte, die Stelle aber in München nicht antrat. Sie war erst Anfang Dezember 2020 nach Deutschland eingereist, hielt sich aber in den Jahren zuvor bereits im Land auf und arbeitete unter anderem in Saarbrücken. Nach Kaiserslautern reiste Diana Bodi mit dem Zug, hatte auch Gepäck bei sich, das immer noch verschwunden ist. Im Zuge der Auswertungen auch von Kameras in der Innenstadt, stießen die Ermittler auf ein Überwachungsvideo, bei dessen Ansehen sich die Nackenhaare aufstellen.
Die Überwachungskamera des Parkhauses in der Rosenstraße, keine 200 Meter vom Fundort der Leiche entfernt, hatte mitgeschnitten, wie ein Mann ein paar Mal am Abend des 12. Dezember, also zwei Tage vor dem Fund der Leiche, durchs Bild läuft. Dreimal allein, beim vierten Mal hat er einen leeren Einkaufswagen dabei, beim fünften Mal ist der Einkaufswagen beladen – mit einer grausigen Fracht: ein verpacktes, längliches Paket. Die Ermittler gehen davon aus, dass es sich dabei um die Leiche Diana Bodis handelt. „Wir wissen aber nicht, wer die Person auf dem Video ist“, sagt Seither. Zudem sei auch die Rolle der Person nicht klar: Mittäter? Täter?
Das Video, mit dem die Ermittler im Juli 2021 an die Öffentlichkeit gingen, war nicht die letzte Gelegenheit, bei der die Fahnder auf Hinweise aus der Bevölkerung setzten. Im Mai 2022 war der Fall Gegenstand in der TV-Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“, im gleichen Jahr griff der SWR den ungelösten Fall bei einem Podcast auf, auch in anderen TV-Sendungen wurde der Fall behandelt. Immer wieder riefen die Ermittler den Fall ins kollektive Gedächtnis, ganz bewusst auf unterschiedlichen Kanälen. „Bei Aktenzeichen XY bekommen wir Hinweise aus anderen Bevölkerungsgruppen wie bei einem Podcast oder bei Aufrufen in den Sozialen Medien“, sagt Bernhard Christian Erfort, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Westpfalz.
„Der Fall Bodi ist noch nicht zu Ende“
Und immer wieder gehen Hinweise aus der Bevölkerung ein. Ansatzpunkte, die die Ermittler um Mark Seither aufnehmen und denen sie auch nachgehen. Im Dezember jährte sich der Fall zum fünften Mal, abermals veröffentlichte die Polizei die Fakten in dem Fall, prompt gingen wieder Hinweise ein, berichtet Seither. Die Polizisten gehen zudem alten Spuren nach, die möglicherweise heute in einem anderen Licht erscheinen, die womöglich anders ausgewertet werden können, Stichwort technischer Fortschritt. „Ein aktuelles Iphone kann auch viel mehr als noch vor fünf Jahren“, zieht Seither eine Analogie. Überhaupt: Insbesondere Spuren in der digitalen Welt spielten bei Ermittlungen eine immer größere Rolle. „Bei der digitalen Spurensuche sind wir noch lange nicht am Ende.“ Vielleicht verberge sich doch irgendwo noch ein Puzzleteil, das den Ermittlern ein entscheidendes Stück weiterhelfen kann, beim Zusammensetzen des Gesamtbildes dieses komplexen Falls.
„Der Fall Bodi ist noch nicht zu Ende.“ Seither presst die Lippen aufeinander. Sollte irgendwo eine Spur warten, die zum Erfolg führt, dann werden Seither und sein Team diese finden. Daran lässt der Chefermittler keinen Zweifel.
Info
Die Polizei nimmt unter Telefon 0631 369-13312 Hinweise im Fall Diana Bodi entgegen.
Zur Person: Wer leitet die Ermittlungen?
Mark Seither leitet seit April 2025 das Kommissariat 11, das in der Kriminaldirektion Kaiserslautern angesiedelt ist. Das K11 ist zuständig für Todesermittlungen, Branddelikte, Waffendelikte und Umweltkriminalität, ermittelt zwischen Donnersberg und französischer Grenze. Seither befasste sich in seiner Zeit bei der Polizei – er war lange Jahre in Pirmasens – mit Einbruch und Raub und war auch beim Kriminaldauerdienst. Diese Beamten werden meist als erstes zu Tatorten gerufen, sind so etwas wie Bereitschaftspolizisten, wenn es um schwere Verbrechen geht. Außerdem befasste er sich mit Gewalt gegen Frauen und eignete sich im Laufe der Zeit auch Kenntnisse in der IT-Forensik an. Darunter versteht man die Spurensuche und -sicherung in der digitalen Welt, etwa auf Mobiltelefonen oder Computern. Seither ist 51 Jahre alt, stammt aus der Pirmasenser Gegend, ist verheiratet und Vater zweier Kinder.
Die Rolle der IT-Forensik
Im K11 ist der Chef, wie er sagt, schon einer der älteren Ermittler. „Wir sind ein sehr junges Kommissariat“, sagt Seither. Insbesondere bei Ermittlungen rund um Todesfälle habe vor einigen Jahren noch das Bild der erfahrenen Ermittler vorgeherrscht. Erfahrung sei zwar zweifellos immer noch gefragt, allerdings habe sich einiges an Ermittlungsarbeit, aufgrund der immer weiter fortschreitenden Digitalisierung des Alltags, in die virtuelle Welt verschoben, erklärt Seither im Gespräch mit der RHEINPFALZ. „Wer hinterlässt wo welche Spuren? Das gilt auch fürs Digitale“, umreißt der Kriminalhauptkommissar die Kernfragen der Arbeit. Er greift das Smartphone, seit einigen Jahren der Alltagsbegleiter fast aller Menschen heraus. „Die Frage ist nicht, ob wir uns mit den Mobiltelefonen beschäftigen, sondern wie intensiv.“ Die Arbeit der klassischen Spurensicherung, die Arbeit der Kriminaltechniker, spiele immer noch eine wichtige Rolle, die IT-Forensik sei im Laufe der Jahre dazu gekommen.
Welche Eigenschaften braucht eine Mordermittlerin oder ein Mordermittler? Ein Mitglied seines Kommissariats? Seither überlegt kurz. „Ein langer Atem ist von Vorteil.“ Und: „Man sollte schon sehr leidensfähig und leidenswillig sein“, schiebt er noch hinterher. Immer wieder einer Spur nachgehen zu müssen – „egal wie unwahrscheinlich es aussieht“ – , das erfordere Ausdauer. „Das muss man wollen.“