Grünstadt
„Standort unattraktiv“: Pfälzer Start-up-Gründer warnen Landes-Politiker
Von dem Gründen eines Start-ups hat Julia Zimmermann Ahnung. Die gebürtige Grünstadterin ist Vorsitzende des wenige Jahre alten Medtech-Start-ups Eversion Technologies in Konstanz. Deren Produktidee: Einlegesohlen, die über Sensoren Daten erfassen. Dadurch lässt sich beispielsweise ermitteln, ob die Fußhaltung einer Person gesund ist oder nicht.
Angesichts der bevorstehenden Landtagswahl in Rheinland-Pfalz möchte Zimmermann ihre Erfahrungen zum Unternehmensgründen teilen – und Vorschläge unterbreiten, wie es einfacher gehen kann. Sie weiß: Ein Start-up aufzubauen, ist kompliziert. Vor allem in Deutschland. „Es gibt viele unnötige und vermeidbare Prozesse.“ Beispielsweise einen Eintrag in das Handelsregister vorzunehmen. Das ist notwendig, wenn das Start-up als Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) oder Unternehmergesellschaft (UG) gegründet wird – beide Formen sind sinnvoll, um das private Vermögen zu schützen. Bei Schulden wird auf das Gesellschaftsvermögen zurückgegriffen.
Wunschdenken bringt nichts
Laut Zimmermann dauerte es mehrere Monate, bis die Bestätigung über die Eintragung zurückkam. In anderen EU-Ländern laufe das besser. In Estland zum Beispiel. „Da dauert so was nur einen Tag“, sagt sie.
Die langen Bearbeitungszeiten kritisiert auch Grünstadter Marc André Gerbes. Der 26-Jährige hat zusammen mit einem Kollegen das Start-up Drop Detectives gegründet. Sie verkaufen Produkte, die Menschen vor K.-o.-Tropfen in ihren Getränken schützen sollen, darunter Glasüberzieher und Dubbeglas-Deckel. Gerbes wünschte, die Start-up-Gründung dauere nur 24 bis 48 Stunden – doch das sei Wunschdenken. In Wahrheit dauere eine Gründung wochenlang. Ein Schritt dabei ist die Gewerbeanmeldung. Die laufe digital, aber mit veralteten Programmen, kritisiert er.
Gründerin: „Kann ein Jahr vergehen“
Was Gerbes besonders stört: „Die Kommunikation zwischen den Behörden ist schlecht.“ Er nennt als Beispiel die IHK und das Finanzamt: „Jeder schiebt da die Verantwortung von einem zum anderen.“ Viele Mitarbeiter in den Behörden kennen sich nicht gut genug mit Unternehmensgründungen aus. Vermittelt würden die „0815-Basics“, also oberflächliche Informationen, die sich jeder schnell aus dem Internet ziehen könne. Die wichtigen Dinge – wie recherchiert man, wie werden Kundengespräche geführt, was lässt sich in einem Betrieb für mentale Gesundheit tun – würden kaum an Unternehmer herangebracht.
Sowohl für Gerbes als auch für Zimmermann waren und sind für ihre Start-ups Fördermittel wichtig, egal ob vom Bund oder vom Land. Dabei geht es vor allem um Startkapital für Investitionen. Das Problem: Die Gelder müssen beantragt werden. Oft sei das kompliziert und dauere lange, sagt Zimmermann: „Bis zu einer Bewilligung kann auch mal ein Jahr vergehen.“ Als Medizinunternehmen muss ihr Produkt, die Einlegesohlen, zugelassen werden.
Eine Plattform für alles?
Heißt: Sie durchlaufen ein Prüfverfahren, bei dem geschaut wird, ob das Produkt sicher und wirksam ist. Die Aufgabe übernehmen meistens TÜV-Stellen. Gerbes bekam Fördermittel per Gründungsstipendium vom Land Rheinland-Pfalz – über ein Jahr waren das jeweils 1000 Euro pro Monat brutto. Er lobt den Austausch, den er im Zuge eines zugehörigen Coaching-Programms erfahren hat. Dort habe er erstmals das Gefühl gehabt: „Die kennen sich aus.“
Beide, Gerbes und Zimmermann, haben Verbesserungsvorschläge für Politiker, um das Gründen eines Start-ups attraktiver zu machen. Zimmermann ist der Meinung, dass sich Deutschland ein Beispiel an anderen Ländern in der EU nehmen könnte, wo Prozesse oft effizienter und schneller ablaufen. Ihr Vorschlag: Eine Plattform etablieren, auf der Gründer alle Behördengänge erledigen können. Das sieht auch Gerbes so. Besser wäre es, weniger Ansprechpartner mit mehr Expertise zu haben.
Reformen notwendig
Allerdings mahnt Zimmermann zur Vorsicht: Bürokratische Verfahren sollten nicht pauschal ins Digitale übertragen werden. Eher sollten politisch Verantwortliche prüfen: „Was brauchen wir noch davon?“ Gerbes schlägt vor, dass Gründer einen Paten mit an die Hand bekommen. Das sei jemand, der sich mit Verfahren auskennt und Hilfestellung geben kann. Bezogen auf die Vergabe von Fördermitteln stört sich Zimmermann, dass immer wieder alle Daten neu erhoben würden – und das auch dann, wenn bereits Anträge in der Vergangenheit gestellt wurden.
Dass die Regierung auf Bundesebene bereits an Verbesserungen arbeitet, lobt die Jungunternehmerin. Allerdings: „Sie priorisiert es nicht.“ Diese Reformen sollten schneller kommen. Auch Gerbes sieht das als Problem. Er warnt davor, dass Deutschland wegen bürokratischer Hürden unattraktiv werde. Und ihn stört eine Sache: Das Gründen eines Unternehmens werde oft mit Akademikern in Verbindung gebracht. Laut Gerbes denken viele: Ohne Abitur und Studium gebe es keine Expertise. Doch das sei falsch. Gerbes sieht sich selbst als Beweis dafür: Er hat kein Abitur und arbeitet gerade daran, sein zweites Start-up aufzubauen.
