Grünstadt
Erst Patientin, jetzt Gründerin: Grünstadterin bringt Medizin-Produkt auf den Markt
Für ihren Traum hat Julia Zimmermann viel getan. Seit 2023 arbeitet sie nun schon an einem Medizinprodukt, mit dem sie den Markt aufmischen will: einer Einlegesohle mit Sensoren, die digital misst, wie sich jemand bewegt. Die so gesammelten Daten sollen anschließend für die Herstellung einer zweiten Sohle genutzt werden, die Patienten im Alltag tragen können, um ihren Gang zu verbessern und dadurch – soweit wie möglich – Schmerzen zu reduzieren.
Den Anfang machte sie vor zwei Jahren, als sie gemeinsam mit fünf anderen das Unternehmen Eversion in Koblenz gründete.
Keine falschen Versprechungen
Die Idee zur Unternehmensgründung entstand nicht aus dem Nichts. Die heute 26-Jährige war selbst einmal Schmerzpatientin. „In der Hüfte hat der Schmerz angefangen“, erzählt Zimmermann, die 2018 am Grünstadter Leininger-Gymnasium ihr Abitur abgelegt hat. Ein pathologischer oder psychologischer Auslöser habe damals nicht gefunden werden können – das bedeutete für sie einen Ärztemarathon. Bis sie mit Hilfe eines Orthopädietechnikers eine Diagnose erhielt: eine Fehlstellung der Füße. Die Lösung dafür waren speziell entwickelte Einlagen, um einen Ausgleich zu schaffen. Diesen Ansatz habe sie verbessern wollen, und so den Stein für die Unternehmensgründung ins Rollen gebracht.
Mittlerweile beschäftigt Eversion 13 Angestellte, drei davon kamen in diesem Jahr hinzu. Mitte 2024 schloss das Unternehmen den Aufbau seines Qualitätsmanagements ab. Im Kern bedeutet das, dass Standards eingehalten und Prozesse eingeführt werden, um gut auf Kundenwünsche eingehen zu können. Darüber hinaus muss das zu verkaufende Produkt halten, was es verspricht. Zusätzlich geht es laut Zimmermann darum, dass Mitarbeiter mit Kundenkontakt speziell geschult werden. Sie dürften also keine falschen Versprechen machen und beispielsweise behaupten, dass das Produkt alle Schmerzen heile.
Geschäftsführung muss nachbessern
Alle Vorgaben zu erfüllen, sei herausfordernd, macht die 26-Jährige deutlich. Die bürokratischen Anforderungen seien hoch. So müsse jeder Test und jede Prüfung dokumentiert werden. In den vergangenen Jahren seien so tausende Seiten an Unterlagen zusammengekommen. Das wird auch überprüft. Zimmermann erzählt, dass in den ersten zwei Jahren Prüfer des zuständigen Regierungspräsidiums vorbeikommen, um stichprobenartige Kontrollen durchzuführen. Und nicht nur das.
Um ein Produkt auf den Markt zu bringen, sind externe Labore zentral. Die geben nämlich Bewertungen ab. „Sie schauen, ob das Produkt wirklich so ist, wie wir es angegeben haben – beispielsweise in Bezug auf Ladezyklen“, berichtet Zimmermann. Wenn etwas nicht stimme, werde die Geschäftsführung informiert und müsse nachbessern. Dieser Prozess wiederhole sich, bis die Start-up-Führung am Ende eine sogenannte Konformitätsbewertung ausstellen könne. Erst dann sei das Produkt marktreif.
Gründerin: „Für mich das größte Glück“
Für Eversion war das Mitte September der Fall. Seit Juni hatte sich das Unternehmen in einer strengen Prüfphase befunden. „Während dieser Zeit konnten wir nichts anderes machen“, schildert Zimmermann, denn Produkte dürfen während einer Prüfung nicht mehr verändert werden. Umso mehr freut sich die Jungunternehmerin, das ihre Sohlen nun auf dem Markt sind. Die Nachfrage danach sei gut: „Wir haben mittlerweile 170 Bestellungen bekommen“, sagt sie – und das, obwohl Eversion bislang kaum Marketing betrieben habe. Das will die Jungchefin künftig ändern. Zudem strebe sie an, die Zusammenarbeit zwischen Eversion und Ärzten auszubauen: „Damit sie Bescheid wissen, dass es uns als Möglichkeit für ihre Patienten gibt.“
Für die 26-Jährige ist ihr Unternehmen seit zwei Jahren ein Vollzeitjob. Es gebe Phasen, in denen sie täglich zwölf bis vierzehn Stunden arbeite. Gemeinsam mit ihrem Team kümmert sie sich um die Annahme von Bestellungen, um die Verpackung, um Kundenanfragen und die Pressearbeit. Auch auf Kongressen ist sie unterwegs, um das Unternehmen bekannter zu machen. Trotz der Mühen ist Zimmermann zufrieden: „Das ist für mich das größte Glück“, sagt sie. Besonders freue sie sich darüber, mit ihrer Sohlentechnologie vielen Schmerzpatienten geholfen zu haben.
Jungen Menschen, die vom eigenen Unternehmen träumen, rät sie zu Mut und Durchhaltevermögen. „Es gibt viel zu beachten“, ist sie überzeugt. Wichtig sei, „einfach mal zu starten“. Man dürfe auch „ruhig ein bisschen naiv sein“, denn vieles lerne man im laufenden Prozess. An die Politik richtet die Unternehmerin mahnende Worte: „Man sollte mehr reflektieren, welche neuen Regeln es wirklich braucht“. Jedes Jahr kämen Hunderte neue Vorschriften hinzu, alte würden dagegen kaum abgeschafft.