Grünstadt
Sprechstunde beim Antik-Händler: Mysteriöse Taschenuhr kehrt zurück
Ob die drei Taschenuhren einst als Geldanlage gedient haben könnten? Die ältere Dame aus Frankenthal erzählt: Die antiken Stücke stammen aus der Familie ihres Mannes, die einst in der Ludwigshafener Innenstadt lebte. Bei einem Bombenangriff im Krieg haben die Vorfahren dort fast all ihre Habseligkeiten verloren, sie müssen die Chronometer also mit in den rettenden Bunker genommen haben. Doch Samuel Lagrene meint trotzdem: Diese Zeitmesser waren für den alltäglichen Gebrauch bestimmt.
Einst für 450 Mark gekauft
Damit ist klar, dass ihr materieller Wert nicht allzu hoch sein kann. Und um den geht’s irgendwie immer bei dieser Kunstsprechstunde nach dem Vorbild der ZDF-Sendung „Bares für Rares“. Fast 40 Leute kommen dafür an zwei Tagen ins Grünstadter Geschäft „Antik & Kunst David“. Lagrene beteuert: Er und sein Vater Marco teilen ihr Fachwissen kostenlos und neutral, nicht nur an diesen beiden Aktionstagen. Denn sie wollen als seriöse Händler wahrgenommen werden, denen man vertrauen kann.
Also erwarten sie auch nicht, dass Besucher ihre mitgebrachten Schätze tatsächlich verkaufen. Nun allerdings kommt eine Frau herein, die den Inhalt ihres Stoffbeutels schon gerne loswerden würde: ein Blumen-Stillleben von Katharina Schöttler, erstanden im Jahr 1990 für 450 Mark. „Ich finde es immer noch schön“, sagt die Besitzerin. „Aber ich habe keinen Platz mehr dafür, und für den Keller ist es zu schade.“ Marco Lagrene schaut derweil digital nach, was die Werke der 2016 gestorbene Malerin derzeit so kosten.
„Happersberger“ auf Zifferblatt
Ergebnis: „100 bis 200 Euro müssten Sie dafür kriegen.“ Dch abkaufen will der 55-Jährige das Bild nicht: „Ich habe schon zu viele solcher Stillleben im Lager.“ Am Beratungstisch seines Sohnes weist die Frankenthalerin derweil auf den Schriftzug hin, der das Zifferblatt einer der Taschenuhren ziert. Auch wenn der Chronometer aus einem Ludwigshafener Haushalt stammt: Da steht „Happersberger in Grünstadt“ drauf. Samuel Lagrene ist verblüfft: „Das war dann wohl ein hiesiger Uhrmacher, der sie hergestellt hat.“
Dass es so jemanden gegeben hat, können die Lokalhistoriker Richarda Eich und Joachim Specht bei RHEINPFALZ-Recherchen im Anschluss schnell bestätigen. Schließlich erwähnte die „Grünstadter Zeitung“ im Jahr 1870 einen Uhrmacher Happersberger: Er war auf einen Betrüger hereingefallen. Der hatte sich als Sohn des Müllers Hammel aus Kirchheim ausgegeben und so einen silbernen Taschenchronometer erbeutet. Nun wurde nach dem bartlosen Unbekannten mit den dicken Lippen gefahndet.
In Cincinatti gestorben
Jahre später wollte Happersberger seinen Laden für 4000 Mark verkaufen. Seine Annonce im „Allgemeinen Journal der Uhrmacherkunst“ versprach: Das Geschäft werfe jährlich um die 4000 Mark Gewinn ab. Und Grünstadt befinde sich in „sehr wohlhabender Gegend“, das Einzugsgebiet umfasse etwa 20 Orte. Was der Grund für seinen Rückzug aus dem Berufsleben war, stand schließlich in einem Artikel der „Grünstadter Zeitung“ aus dem Jahr 1890. Er vermeldete, dass der Uhrmacher gestorben war – in Cincinnati.
Neun Jahre vorher war der „wohlbekannte“ Grünstadter zu seinen Kindern in die USA gezogen, eine Urne mit seiner Asche kehrte nun aber in seine Heimatstadt zurück: Er wollte neben seiner Frau bestattet werden. Seinen Grabstein gibt es dort bis heute. Allerdings ist er später für einen anderen Toten verwendet worden, deshalb steht Happersbergers Namen nur auf der Rückseite. Und was es mit Happersbergers Namen auf Taschenuhr auf sich hat, lässt sich dann doch nicht mit letzter Gewissheit sagen.
Denn beide Lagrenes sind sich sicher: Sie kann erst um 1900 entstanden sein, damit eigentlich nach Happersbergers Zeit. Aber vielleicht hat ja ein Nachfolger das Geschäft unter dem bewährten Namen weitergeführt. Einstweilen jedenfalls kehrt der Grünstadter Chronometer dorthin zurück, wo er herkommt: Der Händler kauft der Frankenthalerin alle drei Uhren ab, bezahlt ihr dafür insgesamt 300 Euro.
