Grünstadt
Nach fast 100 Jahren entdeckt: Die geheime Botschaft des Kriegerdenkmals
Gedämpfter Trommelschlag wummert an einem Sonntagmorgen im Mai 1927 durch die Straßen, ein langer Trauerzug bewegt sich durch die Stadt. Eingereiht haben sich zum Beispiel der Bürgermeister und der Rat, die Geistlichen und das Presbyterium, der Posaunen- und der Kirchenchor, Schülergruppen. Sowie die Männer vom Krieger- und Waffenbrüderverein mit ihren Orden und einer Reichsfahne. Denn an der Martinskirche wird ein Denkmal für die Grünstadter Protestanten eingeweiht, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind.
Zu Glockenklang enthüllt
Die „Grünstadter Zeitung“ wird hinterher die berührende Ansprache des „Herrn Kirchenrat Dekan Drescher“ rühmen, der einen Dichter zitiert: „Wir sanken hin für Deutschlands Glanz. Blüh, Deutschland, uns als Totenkranz.“ Es folgen weitere Reden, Kranzniederlegung und, natürlich, das Lied vom guten Kameraden. Zwischendurch fällt zu Glockengeläut der schwarze Stoff, der die Tafel bis dahin umhüllte. Sichtbar werden: die Namen der 102 Toten. Und, darüber, ein Relief. Es zeigt Christus, der sich über einen sterbenden Soldaten neigt.
So ist das Mahnmal bis heute an der Außenwand der Kirche zu sehen. Und so wird es im Zeitungsbericht über die Einweihungsfeier beschrieben, der es als „schön“ würdigt und sonst nicht viel über das Kunstwerk zu sagen weiß. Anstoß hat es also offensichtlich nicht erregt. Knapp 100 Jahre später allerdings sind sich Pfarrer Andreas Funke und der Altertumsvereinsvorsitzende Joachim Specht sicher: Der Bildhauer hat den Grünstadter Protestanten damals unbemerkt eine Tafel untergeschoben, die das Zeug zum Skandal hatte.
Üppige Locken seitlich
Dabei fällt an dem Monument zunächst höchstens auf, dass es recht friedlich ausgefallen ist: Andere Kriegerdenkmäler aus jener Zeit zeigen zum Beispiel grimmig dreinblickende Soldaten, die trotzig-stolz in den Tod marschieren. Doch der Lokalhistoriker Specht hat noch eine Eigentümlichkeit bemerkt, es geht ums Haupthaar der Christus-Figur. Dass es bis fast auf die Schultern reicht, entspricht zwar den gängigen Darstellungen. Doch bei der Grünstadter Tafel sticht ein Kontrast heraus: Oben auf dem Kopf liegt die Frisur eng an.
Rechts und links der Ohren allerdings drehen sich umso üppigeren Locken. Wer ganz nah an die Außenwand der Martinskirche herantritt und sich den Erlöser von schräg unten anschaut, der erkennt außerdem: Zum Rücken der Figur hin hat der Bildhauer auf beiden Seiten den Stein am Hals extra weggeschlagen. Christus wird also als ein Mann dargestellt, der sein Haar weitgehend kurz trägt, es lediglich an den Koteletten wuchern lässt – er trägt Schläfenlocken, so wie es üblicherweise nur ein strenggläubig-orthodoxer Jude tut.
Vorfahren auf der Titanic
Geschaffen hat dieses Relief ein Künstler, der selbst jüdische Vorfahren hat. Spechts Recherchen zufolge war William Ohly laut amtlichen Unterlagen zwar evangelisch, aber seine Mutter entstammte einer jüdischen Familie: der Straus-Dynastie aus Otterberg im Kreis Kaiserslautern. Deren wohl bekannteste Repräsentanten sind Isidor Straus und seine Frau Ida. Beide kamen beim Untergang der Titanic ums Leben – dabei hätte sie einen Platz im Rettungsboot bekommen, sie wollte ihren Mann aber nicht zurücklassen und lieber mit ihm sterben.
Der Bildhauer Ohly wiederum kam 1883 als Sohn deuscher Eltern in England zur Welt. Als er 14 war, zog seine Familie mit ihm nach Frankfurt. 1933 kehrte er zurück in sein Geburtsland, eröffnete eine Galerie, zeigte dort unter anderem Werke jüdischer Künstler. 1955 ist er in London gestorben. Als Bildhauer hat er der Pfalz nicht nur die Grünstadter Gedenktafel hinterlassen: Er schuf ein Kriegerdenkmal in Forst, eine Statue und Friese auf dem Friesenheimer Friedhof – und, als wohl bekanntestes Werk, den Georgsbrunnen in Speyer.
4000 Mark Honorar
Hinweise auf jüdische Symbolik in weiteren Ohly-Skulpturen hat Specht bislang nicht entdeckt. Und warum der Bildhauer ausgerechnet einer protestantischen Kirchengemeinde im Leiningerland einen Schläfenlocken-Christus unterschob, ist offen. Klar ist nur: Vermittelt hat ihm den Auftrag ein Architekt, der aus Grünstadt kam. Entlohnt worden ist der Bildhauer dann mit 4000 Mark. Und dass die Geistlichen oder das Presbyterium im Jahr 1927 die Anspielung bemerkt oder gar gewünscht haben könnten, schließt Pfarrer Funke aus.
Er sagt: „Das hätte einen Eklat gegeben.“ Denn auch wenn Jesus selbstverständlich Jude war: Ihn allzu deutlich als solchen darzustellen, wäre lange undenkbar gewesen. Noch bis in die 1980er-Jahre hinein, meint der Theologe, hätte so ein Kunstwerk wohl innerkirchlichen Protest hervorgerufen. Und in der Zeit der Weimarer Republik waren die Protestanten in ihrer großen Mehrheit ohnehin deutschnational gesinnt, zudem – stärker noch als die Katholiken, das belegen zum Beispiel Wahlergebnisse aus jener Zeit – anfällig für Antisemitismus.
„Dreigliedrig in Hitlertracht“
Was da noch herandräute, wurde 1927 in Grünstadt auch schon sichtbar. Ein paar Wochen vor der Denkmal-Einweihung hatte die „Grünstadter Zeitung“ über den Verlauf der Osterfeiertage berichtet, dabei unter anderem vermeldet: „Aufsehen erregte gestern Nachmittag in den Straßen eine Abteilung von gegen hundert Nationalsozialisten, die dreigliedrig in Hitlertracht mit drei Hakenkreuzfahnen singend mehrmals durch die Stadt zog.“