Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Kunstsprechstunde: Was macht Trödel zur wertvollen Rarität?

Hat sich als Antiquitätenhändler 2012 in Grünstadt selbstständig gemacht, um in die Fußstapfen seines Vaters Marco Lagrene (link
Hat sich als Antiquitätenhändler 2012 in Grünstadt selbstständig gemacht, um in die Fußstapfen seines Vaters Marco Lagrene (links) zu treten: Samuel Lagrene.

Nach dem Vorbild von „Bares für Rares“ veranstalten Samuel und Marco Lagrene eine Kunstsprechstunde in Grünstadt. Jan Ullm hat sie gefragt, woran sie Fälschungen erkennen.

Herr Lagrene, wie wertvoll war der teuerste Gegenstand, den Sie jemals geschätzt haben?
Marco Lagrene: Das sage ich lieber nicht. Berufsgeheimnis (lacht). Aber ich erlebe schon sehr häufig, dass die Leute von dem Wert ihrer Erb- und Schmuckstücke überrascht sind. Um ein Beispiel von einem Berufskollegen zu nennen: Eine Frau hatte mal ein Collier vorgezeigt und rechnete mit 1000 oder 2000 Euro – am Ende waren es um die 70.000 Euro. Sie war da natürlich von allen Socken. Verkauft hat sie den Halsschmuck nicht – aber das macht ja nix.

Was entscheidet, wie viel der Trödel wert ist?
Marco Lagrene: Das hängt immer von mehreren Faktoren ab, neben dem Zustand und der Seltenheit auch von der Herkunft. Ich und mein Sohn achten dabei mehr auf die Details, zum Beispiel: Wie filigran sind die Gegenstände, wer hat sie hergestellt? Das Material selbst steht gar nicht so im Vordergrund.

Samuel Lagrene: Leider kommt es sehr häufig vor, dass Antiquitätenhändler nur am Gold- oder Silberpreis interessiert sind. Die Steine werden aus dem Schmuck herausgeknipst, auf die Waage gelegt – und die Antiquität ist kaputt.

Wie lassen sich Fälschungen erkennen?
Marco Lagrene: Das kommt darauf an, was geprüft wird. Bei Goldschmuck lässt sich beispielsweise mit Salpetersäure die Echtheit bestimmen, da Edelmetalle sehr säurebeständig sind. Auch am Herstellerstempel, der die Menge an reinem Metall anzeigt, kann man das erkennen. Befinden sich gleich mehrere Stempel an auffälligen Stellen, ist das schon verdächtig. Nicht umsonst heißt es: Nicht alles, was glänzt, ist Gold. Über die Jahrzehnte hinweg entwickelt man aber ein geschultes Auge, mit dem man solche Kopien schnell erkennen kann.

Jetzt bereiten Sie für den 10. und 11. April erstmals eine Kunstsprechstunde nach dem Vorbild von „Bares für Rares“ vor – was genau können die Besucher erwarten?
Samuel Lagrene: Das Ganze ist unverbindlich, sprich: Die Leute können vorbeikommen, ihre Gegenstände schätzen lassen und dann einfach wieder gehen. Ich und mein Vater sitzen an zwei Tischen, da jeder sein eigenes Fachgebiet hat. Er ist zum Beispiel auf Skulpturen und Gemälde spezialisiert, ich dagegen mehr auf Schmuck. Für solche Aktionen bin ich regelmäßig in ganz Deutschland unterwegs. In Grünstadt planen wir das aber zum ersten Mal.

Warum haben Sie die Aktion ins Leben gerufen?
Marco Lagrene: Wir stellen aktuell fest, dass gerade beim Antiquitätenhandel ein Generationenwechsel stattfindet. Die Kundschaft, die noch wirklich einen Bezug zu Antiquitäten hat, besteht fast nur aus älteren Leuten. Und irgendwann sterben die Menschen aus. Unsere Hoffnung ist, dass durch die Aktion vor allem bei Jüngeren, die vielleicht den Wert ihrer Erbstücke schätzen lassen wollen, das Interesse geweckt wird.

Wie hat sich der Antiquitätenhandel selbst verändert?
Marco Lagrene: Früher stand der Möbelhandel ganz hoch im Kurs. Aber die Nachfrage hat in den vergangenen Jahrzehnten deutlich nachgelassen, sodass auch wir umstrukturieren mussten. Heute steht die Kleinkunst im Fokus, sprich: Ölgemälde, Bronzen, Tafelsilber oder Schmuck.

Wie sind Sie ins Antiquitätengeschäft hineingekommen?
Samuel Lagrene: Ich bin in der Familie die vierte Generation, die das Antiquitätengeschäft betreibt und quasi damit aufgewachsen.

Marco Lagrene: Für mich ist das auch die beste Lehre. Ich habe etwa eine kaufmännische Ausbildung hinter mir, doch das Auge für Details entwickelt man nur durch jahrelange Erfahrung. Ich kenne beispielsweise einen Kunstprofessor, der deshalb ständig auf dem Sperrmüll unterwegs ist. Nicht selten entdeckt er dabei Schätze, die andere Leute leider einfach nicht würdigen.

Termin

Die Aktion „Bares für Schätze“ beginnt am Donnerstag und Freitag, 10. und 11. April, jeweils um 10 Uhr. Besitzer können den Wert ihrer Gegenstände an beiden Tagen bis 17 Uhr im Antiquitätengeschäft Antik & Kunst David in der Hauptstraße 78 in Grünstadt schätzen lassen. Eine Anmeldung ist notwendig bei Samuel Lagrene unter Telefon 0159 01213240.

Zur Person

Samuel Lagrene (33) ist Inhaber des Antiquitätengeschäfts Antik & Kunst David, das er 2012 in Grünstadt eröffnete und mit seinem Bruder betreibt. Zuvor betrieb seine Familie ein im Mannheimer Stadtviertel Lindenhof einen Antik- und Kunstladen. Der 33-Jährige ist ausgebildeter Buchhalter, sein Vater Marco Lagrene (55) gelernter Kaufmann.jpu

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