Kirchheim RHEINPFALZ Plus Artikel Nach heftigem Streit: Gedenkschild für Kirchheimer Juden enthüllt

Enthüllen die Gedenkschilder: Arthur Höhn und Sabine Spieß-Barth von der Interessengemeinschaft Jüdisches Kirchheim.
Enthüllen die Gedenkschilder: Arthur Höhn und Sabine Spieß-Barth von der Interessengemeinschaft Jüdisches Kirchheim.

Weil der Rat es nicht will, kommt ein Gedenkschild für verschleppte Kirchheimer Juden auf Privatgrund. Zur Enthüllung am Mittwoch stand es aber an noch mal anderer Stelle.

Die Gedenkstunde stößt auf große Resonanz: Unter Polizeischutz kommen am Mittwoch im Dorfzentrum rund 80 bis 90 Menschen zusammen. Sie wollen am 85. Jahrestag der Verschleppung der Kirchheimer Juden ins französische Lager Gurs gedenken – ein Verbrechen, an das in Zukunft ein Schild mit dem Ortsnamen und der Entfernungsangabe „1324 Kilometer“ erinnert. Dass es auf einer öffentlichen Fläche aufgestellt wird, hat die Ratsmehrheit aus CDU und FWG allerdings abgelehnt.

Nur eine überlebte

Der Winzer Christoph Hammel hat daraufhin angekündigt, dass er ein Stück Betriebsgelände seines Weinguts dafür zur Verfügung stellen will. Nun zur Enthüllung steht es aber anderer Stelle als von ihm eigentlich genannt: nicht am Seiteneingang des Friedhofs, sondern auf der Weinstraße Süd vor dem Weingut. Die Gedenkfeier dazu hat die kleine Interessengemeinschaft (IG) Jüdisches Kirchheim organisiert. Sie will damit acht Juden symbolisch ihre Würde zurückgeben und sie posthum wieder in die Dorfgemeinschaft integrieren.

Die Juden waren am 22. Oktober 1940 mit rund 6500 weiteren Opfern aus Baden, dem Saarland und der Pfalz ins Internierungslager Gurs transportiert worden. Sabine Spieß-Barth von der IG gibt nun Einblicke, wer sich hinter den Deportations- und Häftlingsnummern verbarg: Barbara und Frieda Levi, Siegmund Siegel, Karl, Berta, Ludwig, Paula und Trude Kohlmann. Nur die zuletzt Genannte überlebte die Shoa. Bei der Verschleppung war sie elf Jahre alt, als 13-Jährige verlor sie ihre Eltern in Auschwitz. „Trude wurde von einer Hilfsorganisation gerettet und in Heimen untergebracht“, berichtet Spieß-Barth.

So war es in der „Hölle von Gurs“

1946 wanderte Kohlmann in die USA aus, heiratete einen Holocaust-Überlebenden, bekam zwei Töchter und starb 1990 mit 61 Jahren. Die anderen sieben Kirchheimer wurden in Südfrankreich oder zwei Jahre später in Auschwitz ermordet. Den Schilderungen ihrer Schicksale mit Folterung und Zwangssterilisation lauschen die Anwesenden tief bewegt. Welche Zustände in der „Hölle von Gurs“ herrschten, beschreibt Jan Wiese, Mitarbeiter der Gedenkstätte für NS-Opfer aus Neustadt.

Viele Teilnehmer versammeln sich bei der Gedenkstunde. .
Viele Teilnehmer versammeln sich bei der Gedenkstunde. .
Gedenkstunde zur Deportation jüdischer Mitbürger aus Kirchheim; Arthur Höhn lauscht Jan Wiese von der Gedenkstätte für NS-Opfer
Gedenkstunde zur Deportation jüdischer Mitbürger aus Kirchheim; Arthur Höhn lauscht Jan Wiese von der Gedenkstätte für NS-Opfer aus Neustadt.
Überreicht einen Koffer: Eberhard Dittus, Beauftragter für Gedenkstättenarbeit der evangelischen Kirche und der jüdischen Kultus
Überreicht einen Koffer: Eberhard Dittus, Beauftragter für Gedenkstättenarbeit der evangelischen Kirche und der jüdischen Kultusgemeinde mit (sitzend) Altbürgermeister Henner Kunz und Bürgermeister Thomas Dhonau (rechts).
Bei der Gedenkstunde zur Deportation jüdischer Bürger aus Kirchheim: Eberhard Dittus, Beauftragter für Gedenkstättenarbeit der e
Bei der Gedenkstunde zur Deportation jüdischer Bürger aus Kirchheim: Eberhard Dittus, Beauftragter für Gedenkstättenarbeit der evangelischen Kirche und der jüdischen Kultusgemeinde.
Wird vom SWR interviewt: Winzer Christoph Hammel.
Wird vom SWR interviewt: Winzer Christoph Hammel.
Im Gespräch: Jan Wiese von der Gedenkstätte für NS-Opfer aus Neustadt (rechts).
Im Gespräch: Jan Wiese von der Gedenkstätte für NS-Opfer aus Neustadt (rechts).
Initiator der Interessengemeinschaft Jüdisches Kirchheim: Arthur Höhn.
Initiator der Interessengemeinschaft Jüdisches Kirchheim: Arthur Höhn.
Spricht bei der Gedenkstunde: Sabine Spieß-Barth.
Spricht bei der Gedenkstunde: Sabine Spieß-Barth.
Enthüllen die Schilder: Arthur Höhn und Sabine Spieß-Barth.
Enthüllen die Schilder: Arthur Höhn und Sabine Spieß-Barth.
An diesen Pfosten soll das Schild: Betriebsgelände des Weingutes Hammel am Seiteneingang zum Friedhof.
An diesen Pfosten soll das Schild: Betriebsgelände des Weingutes Hammel am Seiteneingang zum Friedhof.

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In 25 Meter langen und fünf Meter breiten Baracken ohne Möbel, Toilette und Heizung waren jeweils 50 bis 60 Personen eingepfercht. Abgemagert und krank froren sie im Halbdunkel. Zeitzeugen hätten vom „täglichen Verlöschen“ von Lebenslicht berichtet. „Die ersten Ausstellungen über die Gräuel in den KZs gab es bereits 1945“, sagt Wiese. Diese seien von den einstigen Häftlingen selbst organisiert worden, um der Öffentlichkeit die Augen zu öffnen.

Die Anfänge der jüdischen Gemeinde

Häufig zu hören bekomme er die Frage, weshalb man denn Gedenkschilder aufstellen müsse. „Weil sie an gut recherchierte Ereignisse erinnern und Wissen vermitteln“, erklärt er den Anwesenden. Über das Internet und die Künstliche Intelligenz erfahre man oft nicht die Wahrheit. Eberhard Dittus, Beauftragter für Gedenkstättenarbeit der evangelischen Kirche und der jüdischen Kultusgemeinde, überreicht der Ortsgemeinde einen Koffer mit der Aufschrift „Kirchheim – Gurs – Auschwitz“, der veranschaulicht, wie wenig die Deportierten mitnehmen durften.

Bürgermeister Thomas Dhonau (SPD) bedankt sich und sagt: Das pfeilförmige Gedenkschild mit der Erklärungstafel darunter sei „ein Zeichen gegen das Vergessen und ein Mahnmal gegen das Wiederholen.“ Jüdisches Leben sei in Deutschland wieder bedroht, seit dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 habe sich die Lage dramatisch verschärft. „Der Zentralrat der Juden spricht von einer kollektiven Empathieverweigerung.“

Schild wird Platz wieder wechseln

Die Schilder seien „mehr als ein Stück Metall. Es ist das Versprechen, dass wir wachsam bleiben, uns einsetzen für Respekt, Vielfalt und Menschlichkeit“. Ganz leise, begleitet vom Glockengeläut einer Kirche, enthüllen die IG-Initiatoren Arthur Höhn und Spieß-Barth dann das Schild. Dass dessen Standort nun ein anderer ist als zunächst angekündigt, erklärt Bürgermeister Dhonau mit dem Andrang zur Gedenkfeier: „Wir mussten das wegen des Platzes so machen.“ Und Winzer Hammel versichert, dass der Pfeil nach Gurs schnellstmöglich am richtigen Standort angebracht wird.

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