Kirchheim RHEINPFALZ Plus Artikel Vom Rat abgelehnt: Kein Gedenkschild für Kirchheimer Juden

Stellte sich gegen die eigene Fraktion: FWG-Mann Robert Weiß.
Stellte sich gegen die eigene Fraktion: FWG-Mann Robert Weiß.

In der Dorfmitte wird kein Schild an die Deportation Kirchheimer Juden erinnern, die Ratsmehrheit ist dagegen. Ein FWG-Mann geht deshalb mit seiner Fraktion ins Gericht.

Seit Monaten diskutiert Kirchheim über einen gelben Pfeil in der Ortsmitte. „Gurs 1324 Kilometer“ soll darauf stehen. Darunter ist eine Tafel mit QR-Code geplant, die den Sinn erklärt: Erinnert würde so an acht Einwohner des Dorfs, die am 22. Oktober 1940 in ein Internierungslager in Frankreich deportiert wurden – so wie 6500 weitere Juden. Die Interessengemeinschaft (IG) Jüdisches Kirchheim hatte die Aufstellung des Gedenkschildes beantragt und wollte es am 85. Jahrestag der Verschleppung feierlich enthüllen.

Mehrfach vertagt

Offensichtlich hat die Interessengemeinschaft damit den politischen Vertretern des Ortes eine sehr schwierige Aufgabe gegeben. In der Mai-Sitzung flog der Punkt von der Tagesordnung, weil die Fraktionen sagten, sie bräuchten „mehr Informationen“. Im Juli katapultierte Ansgar Galler (FWG) das Thema erneut vom Tapet, indem er auf einen „Formfehler“ verwies. Denn man habe im Rat zuvor beschlossen, über das Projekt noch im Kultur- und Öffentlichkeitsausschuss zu debattieren. Der Ausschuss, der eigentlich erst am 14. Oktober getagt hätte, wurde daraufhin extra drei Wochen vorgezogen.

Dort fiel das Gurs-Schild allerdings mehrheitlich durch: Die Sozialdemokraten waren dafür, aber CDU und FWG votierten dagegen. So wurde dem Rat empfohlen, der Installation nicht zuzustimmen. Arthur Höhn, der die IG initiiert hat, kommentierte das Ergebnis so: „Die Entscheidung bedauern wir sehr. Wir respektieren, dass es unterschiedliche Vorstellungen darüber geben kann, wie ein würdiges Erinnern gestaltet werden soll. Deshalb hatten wir im Vorfeld schriftlich angeboten, über die Deportation ins Gespräch zu kommen.“ Doch diese ausgestreckte Hand hätten die Gegner des Antrags nicht angenommen.

Leidenschaftliches Plädoyer

„Wir hoffen nun, dass es im Rat, zu einem offenen Austausch kommt, der den Weg zu einem gemeinsamen öffentlichen Gedenken ebnet“, sagte der 68-Jährige vor dessen entscheidender Sitzung. Doch diesen Wunsch hat ihm das Gremium nun nicht erfüllt: Eine Diskussion gab es nicht. Vielmehr ergriff Galler das Wort und forderte die im Publikum vertretene IG auf, ihm keine Nachrichten mehr per Brief oder E-Mail zu schicken. FWG-Mann Robert Weiß allerdings stellte sich gegen seine Fraktion und versuchte mit einem leidenschaftlichen Statement, das Ruder noch herumzureißen.

Möglicher Standort für das Gurs-Schild: Platz vor der Kirchheimer Schule.
Möglicher Standort für das Gurs-Schild: Platz vor der Kirchheimer Schule.

Er bemängelte, dass es im Dorf kein sichtbares Zeichen des Gedenkens an das Schicksal der Kirchheimer Juden gebe – lediglich einen 1947 errichteten Gedenkstein auf dem nicht öffentlich zugänglichen jüdischen Friedhof. Dass die Freien Wähler die Rechercheergebnisse der IG anzweifeln, bezeichnete er als „fadenscheinig“. Hintergrund: Die Interessengemeinschaft stützt sich auf Deportationslisten aus dem Landesarchiv Speyer und dem Arolsen-Archiv sowie auf KZ-Häftlingsbücher. Auf der FWG-Website hingegen, wo von einer Verschleppung am 22. Oktober 1948 die Rede ist, werden abweichende Angaben aus dem Heimatbuch angeführt.

„Destruktiver Umgang“

Die Wählergruppe schließt daraus: „Es sollte zunächst geklärt werden, welche Fakten und Daten richtig sind, bevor man ein Projekt zu diesem Thema entwickeln kann.“ Weiß hingegen bemängelte im Rat: Niemand aus ihren Reihen habe die Gesprächsangebote der Interessengemeinschaft angenommen. Außerdem blickte er zurück auf die mau besuchte Infoveranstaltung am 17. Juni im Rathaus: „Da waren gerade einmal vier Leute von der FWG und jeweils zwei von der CDU und der SPD anwesend. Die Seriosität der Nachforschungen der IG wurden da aber von niemandem infrage gestellt.“

Allgemein enttäusche ihn der „destruktive Umgang von CDU und FWG mit dem Thema“. Die Hinweise, dass man bessere und würdevollere Möglichkeiten des Gedenkens finden wolle, seien angesichts der verstrichenen Monate ohne konstruktive Vorschläge nichts als Lippenbekenntnisse. Dabei kritisierte Weiß auch, dass die CDU sich nicht einmal die Mühe gemacht habe, eine Begründung für ihr Nein zu liefern. Abschließend warb er noch für das Schild, für das es nach acht Jahrzehnten Zeit werde und das die Ortsgemeinde keinen Cent kosten würde.

Gedenken ohne Gemeinde

Christdemokrat Jörg Mühlmichel verteidigte seine Fraktion, die sich im Ausschuss den Vorrednern der FWG angeschlossen habe. Schließlich sprachen sich sieben Ratsmitglieder gegen die Gedenktafel aus und sechs dafür, darunter neben den Sozialdemokraten FWG-Mann Weiß und von der CDU Harry Kern. Falk Günther (CDU) enthielt sich. IG-Sprecher Höhn sagte nach der Sitzung: „Die Ablehnung durch die politische Mehrheit im Ort und vor allem die Art, wie sie begründet wurde, zeigt uns, wie wichtig es ist, in Kirchheim Erinnerungsarbeit zu leisten.“

Der promovierte Chemiker und seine Mitstreiter – der Journalist Horst Schärges und Sabine Spieß-Barth, Konrektorin der Carl-Orff-Realschule plus in Bad Dürkheim und Geschichtslehrerin – lassen sich jedoch nicht entmutigen. Gern hätten sie es gemeinsam mit der Ortsgemeinde getan. Nun aber werden sie ohne deren Unterstützung am 22. Oktober eine öffentliche Gedenkveranstaltung abhalten und eine Website zu dem dunklen Kapitel Kirchheimer Geschichte aufbauen.

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