Kirchheim
Ein Pfälzer Winzer und ein umstrittenes Gedenkschild für deportierte Juden
Er sei ein „glühender Demokrat und Europäer“, so beschreibt der Kirchheimer Winzer Christoph Hammel sich selbst. Und sieht sich damit in einer Familientradition, die immer wieder politisches Engagement hervorbrachte: Johann David Hammel, der das Weingut 1723 gegründet hat, war Schultheiß in Kirchheim an der Eck, wie das Dorf vor 1952 hieß. Bis kurz vor der Jahrtausendwende sei immer ein Angehöriger im Gemeinderat vertreten gewesen, zuletzt Christoph Hammels Schwester Almut, die 1998 verstarb. Und dann war da noch der Großvater Fritz Hammel, der die Nazi-Zeit erlebte.
Vom Rat abgelehnt
Um die geht es nun auch für den Enkel: Er wird am Mittwoch zum 85. Jahrestag der Deportation ein Gedenkschild für die nach Gurs verschleppten acht Juden aus Kirchheim auf seinem Privatgrund aufstellen lassen. Die Idee dazu kam von der Arbeitsgemeinschaft Jüdisches Kirchheim. Sie allerdings wollte die pfeilförmige Hinweistafel zunächst auf eine öffentliche Fläche stellen. Doch der Ortsgemeinderat hat das abgelehnt – denkbar knapp, aber mehrheitlich und vornehmlich mit Stimmen aus FWG und CDU. Winzer Hammel regt sich darüber nach wie vor auf, will den Gegnern trotzdem nicht das Allerschlechteste unterstellen.
Der 61-Jährige vermutet hinter ihrer Haltung eine tief verwurzelte Angst der Mandatsträger, dass „unser schönes Dorf in ein schlechtes Licht gerückt wird“. Sie befürchteten nach seiner Einschätzung, dass ihr Name beschmutzt wird, sie quasi für das Tun oder Unterlassen ihrer Vorfahren in Sippenhaft genommen werden. Die FWG habe auf ihrer Website „hochgradig unglücklich gepostet“, findet Hammel mit Blick auf inzwischen Gelöschtes: Die Freien Wähler hatten ihre Haltung mit „Gräueltaten der aktuellen israelischen Regierung in Gaza“ verknüpft. Aber er weiß auch: „Über das Thema werden persönliche Ressentiments ausgetragen.“
Enthüllung zum Jahrestag
Dabei müsste doch jedem bewusst sein, dass die heutigen Generationen nicht für die Vergangenheit schuldig gesprochen werden könnten. Nun wird das Schild trotz der Ratsentscheidung zum 85. Jahrestag der Deportation feierlich enthüllt werden. Es soll auf Hammel-Gelände beim Seiteneingang des Friedhofs stehen – vis-à-vis dem Roten Platz, wo sein Standort von der Interessengemeinschaft angedacht war. „Es aufzustellen, ist eine Selbstverständlichkeit“, betont er. „Damit machen wir die Juden zwar nicht wieder lebendig, aber wir holen sie posthum in unsere Dorfgemeinschaft zurück, aus der sie unschuldig ausgestoßen wurden.“
Und wie reagieren die Mitmenschen auf dieses Statement? „Bislang zu 99 Prozent positiv“, sagt Hammel, schränkt jedoch ein: „Es melden sich nur diejenigen, die es gut finden. Die anderen schweigen, denn es ist nicht sexy, sich als Antisemit zu äußern.“ Bürgermeister Thomas Dhonau (SPD) habe Signale empfangen, wonach möglicherweise doch bald ein Gedenkschild im Dorfzentrum stehen könnte. Der Ortschef bestätigt das auf Anfrage. Insofern glaubt Hammel, dass die Tafel nur vorübergehend auf seinem Grund und Boden ihren Platz finden muss.
Nach Eisenberg geschickt
Einstweilen allerdings kommt sie nun auf das Gelände des Weinguts, das Christoph Hammels Großvater Fritz nach dem Ersten Weltkrieg übernommen hatte. Zuvor, sagt der Enkel, habe er in Marseille die Großhandelskaufmannslehre absolviert und in London gearbeitet. In den Vereinigten Staaten sei er schließlich Direktor der Verpackungsabteilung der Ketchup-Firma Heinz gewesen. Und in der NS-Zeit habe er Distanz zu den Machthabern gehalten. „Er ist nie in die NSDAP eingetreten, weshalb sein Sohn Rudolf nicht in die Hitlerjugend aufgenommen wurde“, berichtet Christoph Hammel.
Als das Gymnasium Weierhof 1941 zur Napola (Nationalpolitische Erziehungsanstalt) wurde, habe Fritz Hammel sein Kind von der Schule genommen und stattdessen nach Eisenberg geschickt. Weil die Familie nicht linientreu war, „gab es Bestrebungen, das Weingut zu enteignen“, so der 61-Jährige. Allerdings wurde mit zweierlei Maß gemessen, denn sein Vater wurde trotzdem zur Wehrmacht eingezogen. „Meine Mutter Ursula war schon mit 19 Jahren als OP-Schwester beim Russlandfeldzug dabei.“ Durch seine Verbindungen ins Ausland habe Opa Fritz Juden aktiv geholfen, zu emigrieren. „Er war eine Anlaufstelle, man hat gewusst, mit ihm kann man reden, wenn man das Land verlassen will“, sagt Christoph Hammel über seinen 1967 verstorbenen Großvater.
Vor den Nazis versteckt
Einen Winzerkollegen, der „Halbjude“ war, habe der Opa in den letzten Monaten der Naziherrschaft erfolgreich versteckt, so der Weinbauingenieur, der mit viel Herzblut und Fachwissen eine Cuvée aus Kerner, Müller-Thurgau und Scheurebe für den guten Zweck kreiert hat. Vom Erlös jeder Flasche mit dem Namen „The Return of the Dorfbub“ gehe ein Euro in Kirchheimer Projekte. Hammel möchte auch die Verlegung von Stolpersteinen sowie eine Infotafel an der ehemaligen Synagoge unterstützen – sofern die Bewohner damit einverstanden sind.
Termin
Enthüllung des Gurs-Gedenkschildes am 22. Oktober um 11 Uhr vor dem Seiteneingang zum Friedhof.