Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Wenn das Corona-Kaninchen weg muss: Tierheim berichtet

Im Kleintierhaus des Tierheims in der Friedrich-Ebert-Straße 12 sind alle Plätze belegt. Ungeübte Besitzer seien schnell überfor
Im Kleintierhaus des Tierheims in der Friedrich-Ebert-Straße 12 sind alle Plätze belegt. Ungeübte Besitzer seien schnell überfordert, sagt Leiterin Simone Jurijiw, hier mit Kaninchen Tobias.

In der Corona-Pandemie hat sich manch einer ein Haustier angeschafft, ohne die langfristigen Konsequenzen zu bedenken. Das schlägt sich jetzt in der Auslastung des Frankenthaler Tierheims nieder. Vor allem das Kleintiergehege ist voll belegt. Auf den Kosten für Futter und Untersuchungen bleibt der Verein oft sitzen.

„Wir nehmen keine Kaninchen mehr“, betont Simone Jurijiw, hauptamtliche Leiterin des Frankenthaler Tierheims. Vor allem während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2021 seien – nicht zuletzt über Gartenmärkte – vermehrt Kleintiere wie Hamster und Kaninchen angeschafft worden. Doch manche Besitzer seien schon bald mit dem Nachwuchs überfordert gewesen. Die Tiere brauchten nicht nur Auslauf und Gesellschaft, sie vermehren sich auch schnell. „Da haben sie ratzfatz 35 Kaninchen zu Hause“, so Jurijiw. Die Folge: Im Frankenthaler Tierheim seien viele Kleintiere abgegeben worden. „Doch die Menschen wissen nicht, dass wir keine abgegebenen Tiere annehmen müssen“, erklärt Simone Jurijiw. Oberste Aufgabe des Tierheims ist die Aufnahme von freilaufenden Fundtieren und Tieren, die von den Behörden eingewiesen werden.

Mit jedem aufgenommenen Tier fallen Kosten an: Für die Kastration eines Kaninchens schlagen 50 bis 60 Euro, für dessen Impfung weitere 50 Euro zu Buche. Dazu kommen die Kosten für artgerechtes Futter wie getrocknete Kräuter und frisches Gemüse. Kosten, die eigentlich der Halter übernehmen soll, die allzu oft aber am Verein hängen bleiben. Ein sensibles Thema, denn eine Abgabegebühr für Tiere wird nicht erhoben. Vielmehr appelliere man bei der Kostenbeteiligung an die Bereitschaft der Halter. Anders ist die Lage bei Fundtieren oder von Amts wegen eingewiesenen Tieren. Hier übernehme die Kommune die Kosten für Unterbringung und tierärztliche Versorgung.

Kein Platz mehr für Hunde

Auch die anderen Abteilungen des Tierheims sind an der Kapazitätsgrenze: Im Tierheim leben zurzeit 15 Katzen und zwei Hunde. Weitere Hunde können wegen Platzmangel und um Lärmbelästigung zu vermeiden nicht aufgenommen werden. Hier gibt es bereits eine Warteliste. Der Frankenthaler Tierschutzverein kooperiere mit Einrichtungen in Ludwigshafen, Worms und Zweibrücken. Doch in der Chemiestadt herrscht derzeit ein Aufnahmestopp.

Hunde bleiben in der Pandemiezeit auch deutlich länger im Tierheim. Statt 60 sind es inzwischen 90 Tage. Gut vermittelt würden nach wie vor Katzen. Babykatzen gebe man grundsätzlich zu zweit ab. Als Dauerproblem sieht Simone Jurijiw den Handel mit Hunden aus osteuropäischen Ländern wie Rumänien, Tschechien, Bulgarien und Polen, der durch gestiegene Nachfrage seit Anfang 2021 nochmals zugelegt habe. Die Leiterin des Tierheims kennt etliche Schicksale von illegal geschmuggelten Hunden. Ebenso weiß sie von Menschen, die Tiere über Kleinanzeigen-Portale wie Quoka und DHD kauften und verkauften: „Hier geht es nur ums Geschäft“, sagt sie. Weil deutsche Züchter angesagter Rassen wie Golden Retriever keine Welpen mehr hatten, seien Interessenten aufs Ausland ausgewichen. Manche Anschaffung sei „purer Egoismus“, so Jurijiw. „Der Mensch braucht was für die Seele und das Tier badet es aus.“

Tierschützerin fordert Hundeführerschein

Hundehalter müssten sich vorab informieren, welche Rassen zu ihnen passen. Ein Kangal oder ein kaukasischer Owtscharka etwa habe nichts in einer Stadtwohnung zu suchen. Beides seien Herde- und Hütehunde, die viel Auslauf und eine Aufgabe bräuchten, sonst würden sie bissig – und landeten dann als Problemhund im Heim. Plätze für Tiere, die einen Hundetrainer brauchten, schlügen für den Verein locker mit 1000 bis 1200 Euro monatlich zu Buche. Von der Politik wünscht sich Jurijiw die verpflichtende Einführung eines Hundeführerscheins und einen besseren Welpenschutz durch ein generelles Verbot der Einfuhr und Durchreise von Junghunden bis zum sechsten Monat.

Die Vermittlung von Tieren laufe in der Pandemie mit virtuellen Besichtigungen sowie über Videos und Fotos deutlich stressfreier – für Mensch und Tier. Für Publikumsverkehr ist das Tierheim derzeit komplett geschlossen. „Keiner läuft mehr unkontrolliert hier rein.“ Künftige Tierhalter müssten auch mit unter Umständen unangenehmen Fragen rechnen. Vor der endgültigen Zusagen werden die Interessenten dann eingeladen. Das Tierwohl stehe immer an allererster Stelle. „Wir wollen gut und glücklich im Sinne der Tiere vermitteln und sagen im Zweifelsfall lieber nein.“

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