Frankenthal
Corona-Haustiere landen im Tierheim
Von Jessica Cichy und Sonja Weiher
Fünf Kaninchen hat Simone Jurijiw allein diese Woche aufgenommen, 20 weitere sind der Vorsitzenden des Tierschutzvereins bereits angekündigt. Im zweiten Lockdown sei die Nachfrage nach Haustieren geradezu explodiert, so ihre Beobachtung. „Die Leute sind Tiere shoppen gefahren im Kölle Zoo oder bei Dehner“, sagt sie. Und weil viele dabei nicht auf das Geschlecht geachtet hätten, gebe es nun eben etliche junge Kaninchen. „Jetzt wissen die Leute nicht mehr, wohin mit den Tieren und melden sich bei uns“, sagt Jurijiw. Die meisten seien nicht einmal bereit, dem ehrenamtlich arbeitenden Verein die Unkosten für Impfung und Kastration zu erstatten. Die häufige Drohung: „Dann setzen wir es aus“ sei durchaus ernst gemeint. „Das wollen wir natürlich auch nicht.“
Doch der Platz in der Einrichtung in der Friedrich-Ebert-Straße ist knapp. Pläne für einen dringend notwendigen Neubau, auf den der Verein hinspart, gibt es bereits, Gespräche mit der Stadt laufen. Fünf Hunde, 20 Katzen und 18 Kaninchen sind derzeit im Tierheim untergebracht – artgerecht und mit Platz im Freien für die Kaninchen, wie Jurijiw betont. Weil einige der Katzen trächtig seien oder gerade frisch geworfen haben und manche Welpen nach einer Impfung in Quarantäne sind, muss sie Abgebern sagen: „Wir sind voll.“
Nachfrage nach Katzen und Hunden gestiegen
Die Nachfrage nach Katzen und jungen Hunden sei in der Corona-Zeit deutlich gestiegen. „Wenn wir früher drei Anfragen im Monat hatten, waren es jetzt 20“, sagt die Vereinsvorsitzende. Inzwischen werde es ruhiger. „Wir haben nicht vermittelt, wenn wir in den Vorgesprächen den Eindruck hatten, es geht nur um einen Corona-Hund“, stellt Jurijiw klar. Doch auch über Portale wie Ebay sei man leicht an ein Haustier gekommen. Drastisch zugenommen habe beispielsweise in der Pandemie der illegale Handel mit sogenannten „Corona-Welpen“. Die jungen Hunde aus dem Ausland werden rechtswidrig nach Deutschland gebracht. Neu sei das Phänomen nicht, aber die hohe Nachfrage habe es verstärkt. Häufig werden die Welpen zu früh vom Muttertier getrennt und unter schlechten Bedingungen, beispielsweise in dunklen Kellern, gehalten.
Für die oftmals kranken Junghunde werden laut Jurijiw bisweilen zwischen 1500 bis 2500 Euro verlangt. Den „Corona-Welpen“ fehle häufig auch der vorgeschriebene Schutz gegen Tollwut – manche der Hunde seien schlicht noch zu jung für die Impfung. „Im Frankenthaler Tierheim gab es dieses Jahr schon den dritten Fall von Welpen, die in Tollwutquarantäne mussten“, berichtet die Vorsitzende des Trägervereins. Die Welpen müssten in dieser Zeit auf soziale Kontakte und auf Spaziergänge verzichten. Nach der Impfung dauere es noch einmal drei Wochen, bis Antikörper aufgebaut sind und die Tiere bereit für die Vermittlungen sind, informiert Jurijiw.
„Spätestens in der Pubertät ist Schluss“
Sie befürchtet, dass jetzt in der Ferienzeit die ersten Hunde aus dem Internet im Tierheim landen. „Spätestens, wenn die jungen Tiere in die Pubertät kommen und vielleicht auch mal knurren oder zuschnappen, ist für die unerfahrenen Halter schnell Schluss.“ Den Tieren fehle die Erziehung, oder Familien hätten bei der Wahl nicht auf eine geeignete Rasse geachtet. „Die sogenannten Problemhunde sind schon immer bei uns abgegeben worden – und das wird jetzt sicher zunehmen.“
Bei seiner Vermittlung hat der Tierschutzverein, der aktuell 580 passive Mitglieder und 20 Aktive zählt, auf die Pandemiebedingungen reagiert. Interessenten müssen vorab Termine festlegen. An diesem System will der Tierschutzverein festhalten. Sowohl für die Tiere als auch für das Personal liefe es so „stressfreier“ ab, sagt Jurijiw. Die Spendenbereitschaft sei gleichgeblieben. „Trotz der Schließzeiten wurden wir nicht vergessen.“ Futter sei nach telefonischer Anmeldung meist kontaktlos abgegeben worden. Eine große finanzielle Stütze sei die beantragte Corona-Hilfe vom Land Rheinland-Pfalz gewesen, die schnell angekommen sei. „Wir brauchen jeden Cent für unser neues Tierheim“, verdeutlich Vorsitzende Jurijiw – auch mit Blick auf das, was in der Folge der Pandemie noch an Arbeit auf das ehrenamtliche Team zukommt.
