Frankenthal
„So lange, bis einer nicht mehr kann“ – Leiterin der Sozialstation über häusliche Pflege
Die allermeisten älteren Frankenthaler werden laut Pflegebericht zuhause gepflegt. Eigentlich eine gute Sache, oder?
Grundsätzlich ja. Allerdings leben die Menschen heute nicht mehr in der Großfamilie. Häufig fehlen in den Ein- bis Zwei-Personen-Haushalten Betreuung und umfängliche Pflege. Wenn kein Pflegedienst beauftragt ist, versorgen sich die Senioren alleine oder mit Hilfe des Ehepartners oft so lange selbst, bis einer der beiden nicht mehr kann.
Wenn Sie und Ihre Kollegen von der Ökumenischen Sozialstation in solche Haushalte zum ersten Mal kommen: Was erleben Sie dort?
Häufig Angehörige – seien es Partner oder Kinder –, die an der Erschöpfungsgrenze sind. Sie haben so lange es geht versucht, es alleine zu schaffen. Und selbst wenn dieser Punkt längst überschritten ist, gibt es noch Hemmungen, Hilfe von außen anzunehmen. Man hat sich alleine um seine Familie zu kümmern: Dieses Denken haben viele.
Das mag einerseits an dem eigenen Anspruch liegen. Möglicherweise wissen aber viele auch nicht, wo sie Hilfe finden?
Das erlebe ich tatsächlich immer wieder. Viele haben noch nie etwas gehört vom Pflegestützpunkt, von der Gemeindeschwester plus oder auch von der Beratung der ambulanten Pflegeeinrichtungen, zu denen wir als Sozialstation zählen. Man beschäftigt sich eben erst dann mit diesen Themen, wenn man selbst betroffen ist.
Es fehlt also nicht an Angeboten, sondern an Öffentlichkeitsarbeit?
Was Beratung angeht, sind wir in Frankenthal sehr gut aufgestellt. Bei der Versorgung von pflegebedürftigen Menschen steuern wir allerdings auf Engpässe zu. Die acht ambulanten Pflegedienste in der Stadt stoßen aufgrund des Personalmangels alle an Kapazitätsgrenzen. Auch wir suchen immer Pflegefachkräfte, also Mitarbeiterinnen mit einer dreijährigen Pflegeausbildung.
Bilden Sie selbst aus?
Ja. Allerdings werden unsere Leute nach der Ausbildung häufig von stationären Einrichtungen abgeworben. Im Gegensatz zu Krankenhäusern in kommunaler Trägerschaft müssen wir uns im Grunde komplett selbst finanzieren. Deshalb können wir nicht die Zulagen bieten, die in den Kliniken gezahlt werden. Und damit fehlen uns doch wieder die gut ausgebildeten jungen Leute, in die wir viel Zeit und Einsatz investiert haben.
Für Pflegedienste wird das wirtschaftliche Überleben immer schwieriger. Auch in der Region gab es, etwa in Lambsheim, Insolvenzen. Dabei ist der Bedarf doch groß. Woran liegt die finanzielle Schieflage also?
Ein Grund dafür ist, dass sich die Rahmenbedingungen in den letzten Jahren massiv verändert haben. Pflegebedürftige leben häufig allein oder mit ihrem Partner und die Sozialstationen müssen zunehmend Koordinierungsaufgaben übernehmen, um die häusliche Pflege überhaupt möglich zu machen. Unsere Leistungen werden über die Pflege- und Krankenkassen leider nicht ausreichend finanziert. Nicht der tatsächliche Aufwand wird vergütet, sondern über Pauschalen, ähnlich wie in den Krankenhäusern. Nehmen Sie das Beispiel Wundversorgung: Egal wie groß die Wunde ist, gibt es immer den gleichen Betrag – ob ich zehn Minuten oder eine Stunde brauche.
Heißt das: Sie wählen Ihre Patienten auch danach aus, was für welches Geld leistbar ist?
Alle ambulanten Pflegedienste müssen wirtschaftlich arbeiten. Als kirchliche Einrichtungen haben wir da über die Zuschüsse der Kirchen und Krankenpflegevereine noch etwas Spielraum. Mit sinkenden Mitgliederzahlen wird dieser Spielraum immer kleiner. Wenn eine Versorgung mehrere hundert oder tausend Euro Minus im Monat einbringt, können wir das auf Dauer auch nicht leisten.
Was passiert dann mit diesen ja in der Regel stark pflegebedürftigen Menschen?
Wir gehen zunächst in Einzelverhandlungen mit den Kranken- und Pflegekassen. Bleibt das erfolglos, kündigen wir den Patienten. Über den Pflegestützpunkt werden sie dann an andere Einrichtungen verwiesen – oder landen, zu deutlich höheren Kosten, im stationären System oder in der hausärztlichen Behandlung.
Viele fragen sich: Kann ich es mir überhaupt leisten, alt und pflegebedürftig zu werden. Was sagen Sie dazu?
In der Öffentlichkeit wird die Pflegeversicherung als Vollkaskoleistung angesehen. Den allermeisten ist nicht klar: Bezahlt werden Grundleistungen. Alles, was darüber hinausgeht, zahlt der Pflegebedürftige selbst. Denn nicht jeder kann über die Stadt Hilfen zur Pflege beantragen – oder traut sich nicht, selbst wenn er berechtigt wäre. Der Wille, es alleine zu schaffen, ist weit verbreitet.
Bis es am Ende wirklich nicht mehr geht. Wie ist dann der Zustand der Menschen, wenn Sie ins Spiel kommen?
Ganz oft verstirbt der Patient dann nach kurzer Zeit, weil er zu lange damit gewartet hat, Hilfe zu rufen.
Sie arbeiten schon sehr lange in diesem System. Wie gehen wir aus Ihrer Sicht als Gesellschaft mit dem Thema Alter und Pflege um?
Man verschließt die Augen so lange, bis es einen selbst betrifft. Und das geht meist sehr plötzlich. Etwa, wenn man sich selbst oder den Partner aufgrund eines Sturzes nicht mehr versorgen kann.
Ihr Rat an Senioren und deren Angehörige?
Wichtig ist es, dass die Menschen aktiv bleiben und Kontakte pflegen, um nicht zu vereinsamen. In Frankenthal gibt es dafür viele Angebote. Man muss es nur schaffen, die erste Hürde zu nehmen und hinzugehen.
Zur Person
Manuela Orlik (46) leitet seit Oktober 2018 die Ökumenische Sozialstation in Frankenthal mit 54 Mitarbeitern im Bereich Pflege, Hauswirtschaft und Verwaltung. In der täglichen Betreuung hat die ambulante Einrichtung 300 Patienten, dazu kommen rund 600 Beratungsbesuche im Jahr. Träger der Sozialstation sind die Kirchengemeinden und Krankenpflegevereine in Frankenthal.
Zum 1. Januar 2025 kommen nach der Insolvenz der Ökumenischen Sozialstation Lambsheim die Krankenpflegevereine Beindersheim-Heßheim, Groß- und Kleinniedesheim sowie die dortigen protestantischen Kirchengemeinden zusätzlich mit Heuchelheim zur Frankenthaler Sozialstation dazu. Für eine flächendeckende Versorgung des gesamten Gebietes fehlt allerdings laut Orlik das Personal.