Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Passivhaus: Gesundheitsprobleme in Vorzeige-Kita

Die Kita Haydnstraße – hier ein Bild von der Eröffnung – ist nach modernen Energie-Standards errichtet. Doch im Betrieb gibt es
Die Kita Haydnstraße – hier ein Bild von der Eröffnung – ist nach modernen Energie-Standards errichtet. Doch im Betrieb gibt es teils gravierende Probleme.

Trockene Haut und Atemwegsbeschwerden: Darunter leiden nach Darstellung von Eltern seit einiger Zeit Mitarbeiterinnen und Kinder der Kindertagesstätte Haydnstraße. Die Stadt bestätigt, dass es im Winter Probleme mit der Luftfeuchtigkeit und den Raumtemperaturen gibt. Wie schnell Abhilfe geschaffen werden kann, ist offen.

Als Vorzeigeeinrichtung wurde die Kindertagesstätte in der Haydnstraße mit ihren 105 Plätzen im Januar 2016 bei ihrer Eröffnung gefeiert. Das 2,8 Millionen Euro teure Gebäude erfülle den Passivhaus-Standard und sei so flexibel gestaltet, dass es zu einem späteren Zeitpunkt auch als Wohnhaus dienen könne, hieß es damals. Die Energieagentur Rheinland-Pfalz hat die Kita im Dezember 2016 als gelungenes Praxisbeispiel für energiesparendes Bauen und Sanieren ausgezeichnet. Sie sei „für die Stadt Frankenthal ein neuer Meilenstein auf dem Weg zu einem energieeffizienteren kommunalen Gebäudebestand“.

Doch genau diese Passivhaus-Bauweise, die einen niedrigen Energieverbrauch garantieren soll, erweist sich im Betrieb wohl als Problem – und das schon seit Jahren. Das Gebäude ist besonders luftdicht. Deshalb wurde eine zentrale Lüftungsanlage installiert, die für einen geregelten Luftaustausch sorgt. Bereits kurz nach der Eröffnung habe sich allerdings gezeigt, dass die Luftfeuchtigkeit in den Räumen im Winter und bei ohnehin trockener Außenluft zu gering ist.

Luftbefeuchter kaputt

2018 sei deshalb nachträglich ein Dampfluftbefeuchter, der ursprünglich nicht Teil der Anlage war, in der Zuluft für die einzelnen Räume nachgerüstet worden. Doch das Gerät ist seit etwa einem Monat kaputt, wie die Stadt auf Anfrage bestätigt. Mobile Luftbefeuchter, die als Alternative aufgestellt wurden, hätten sich nicht bewährt. Das schlechte Raumklima hat Auswirkungen auf die Gesundheit derer, die täglich mehrere Stunden in dem Gebäude verbringen: Kinder und Mitarbeiter leiden unter anderem unter trockener Haut, bestätigt die Stadt Beschwerden von Familien, die auch den Stadtelternausschuss erreicht haben.

Und es gibt noch ein zweites Problem, dass die Verwaltung ebenfalls mit der Bauweise begründet. Insbesondere in den Kleinkindgruppen ist es im Winter zu kalt – und zwar ebenfalls bereits seit Eröffnung der Kita. Das Passivhaus heize sich unter anderem durch Sonneneinstrahlung und Abwärme von Personen und elektrischen Geräten auf. Die restliche erforderliche Wärme soll in der Heizperiode die Lüftungsanlage erbringen. „Dies funktioniert nicht richtig.“ Bei kalten Außentemperaturen habe man bislang mobile Heizgeräte eingesetzt.

Stadt prüft Schadensersatzforderung

Für beide Probleme will man jetzt jedoch dauerhafte Lösungen finden, heißt es auf Nachfrage. Die Dampfbefeuchtung soll gegen ein größeres, leistungsstärkeres Modell getauscht und das Lüftungsgerät mit Umluft nachgerüstet werden. Über eine Heizlastberechnung will man außerdem prüfen, ob und in welchem Umfang eine weitere Beheizung des Gebäudes nötig ist. „Entsprechende Arbeiten könnten sowohl im laufenden Betrieb als auch während der regulären dreiwöchigen Schließzeit der Kita in den Sommerferien erfolgen“, heißt es zum Zeitplan. Die Ursache für die Schwierigkeiten im Betrieb sieht die Stadt eher in der Planung als in der Bauausführung, teilt die Pressestelle auf Rückfrage mit. Ob und inwieweit Regressforderungen geltend gemacht werden können, werde derzeit noch geprüft.

Die baulichen Probleme müssten so schnell wie möglich gelöst werden, fordert Anna Starzetz, Vorsitzende des Stadtelternausschusses. „Die Gesundheit von Kindern und Personal hat absolute Priorität.“ Die Ängste der Eltern sollten ernst genommen werden, eine Informationsveranstaltung wäre aus Starzetz’ Sicht angebracht, um in dieser Sache Transparenz zu schaffen. „Idealerweise zieht man noch einen Kinderarzt hinzu, der über mögliche Folgen aufklären kann“, sagt sie auf Anfrage.

Seit Dezember eingeschränkte Betreuung

Für die Eltern, die in dieser Kita schon seit Mitte Dezember immer wieder Einschränkungen in der Betreuung hinnehmen müssen, und auch für das Personal ist die Situation eine Belastung. Immer fielen Erzieherinnen auch aufgrund des schlechten Raumklimas aus. Zeitweise werden alle Kinder betreut, müssen aber früher abgeholt werden, zeitweise ist die Betreuung nur für Kinder berufstätiger Eltern möglich, schildert die Stadt auf Anfrage den Betrieb. Grund dafür sei, neben regulären Personalausfällen, dass kurzfristig zwei Vollzeitstellen vakant seien. Sie sollen „zeitnah wiederbesetzt werden“, verspricht die Verwaltung.

Dass Kinder von Berufstätigen anders behandelt werden als solche aus Familien, wo nicht beide Elternteile arbeiten, sieht der Stadtelternausschuss kritisch – auch wenn das Betreuungsmodell mit dem Elternausschuss der Einrichtung besprochen worden sei. „Jedes Kind hat das gleiche Recht auf Erziehung, Bildung und den Kontakt mit anderen Kindern“, sagt Stea-Vorsitzende Starzetz. Verlierer seien insbesondere Kinder aus Familien, in denen Deutsch nicht Muttersprache ist und denen mit Blick auf die Schulzeit wichtige Förderung fehle. Für diese Kinder müsste es aus Stea-Sicht zumindest Angebote und Materialien zur Beschäftigung zu Hause geben. Verantwortliche sollten angesichts des Personalmangels in der Kita Haydnstraße, aber auch in allen anderen Einrichtungen, dringend Verfahren vereinfachen und alternative Wege der Betreuung, etwa mit Fachkräften aus dem Ausland, suchen.

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