Frankenthal
Lange Bildungstradition: Postkarten zeigen historische Schulgebäude
Mit einer stilisierten Ansicht des Internatsdorfs des Pfalzinstituts für Hörsprachbehinderte und dem Attribut „Schulstadt in der Vorderpfalz“ schmückte sich die Stadt Frankenthal auf einem postalischen Werbestempel, der 1986 bis 1987 Verwendung fand. Ähnlich, wenngleich ein bisschen subtiler, stellte man schon 90 Jahre früher die schulischen Einrichtungen als Qualitätsmerkmal in den Mittelpunkt: auf einer der reizvollen Lithographie-Grußkarten, datiert 1897. Zwei gezeichnete Bilder vermitteln einen Eindruck vom beschaulichen Geschehen in den Hauptstraßen der Stadt, wo man noch die ganze Straßenbreite zum Flanieren nutzen konnte. Darunter sind drei andere Bildchen platziert, mit denen die Stadt Aufmerksamkeit erwecken will. Drei Schulen wurden hier ausgewählt, die für Frankenthal auch überregionale Bedeutung hatten: das Reallehrinstitut, die Taubstummenanstalt und das Karolineninstitut.
Auf das Karolineninstitut wurde schon in der ersten Folge dieser Serie Bezug genommen. Die traditionsreiche Schule, die ihre Wurzeln in der Carl-Theodor-Zeit hatte, kann immerhin als Deutschlands älteste höhere Mädchenschule in öffentlicher Hand ohne Ständetrennung gelten. Hier präsentiert sich das bis zur Kriegszerstörung 1943 bestehende Gebäude in seiner Gestalt nach dem 1883 erfolgten Umbau, bei dessen Einweihung auch – mit drei Jahren Verspätung – das hundertjährige Bestehen der Schule gefeiert wurde. Rechts der Haupteingang in der Kirchenstraße (heutige Johannes-Mehring-Straße).
Turn- und Klettergerüst auf dem Schulhof
Aus einer Handelsschule und einem Knabeninstitut mit Pensionat entstand 1880 das Frankenthaler Reallehrinstitut, das auf der Ansichtskarte links in der Mitte abgebildet ist. Das in der Folgezeit mehrfach erweiterte und ausgebaute Schulgebäude lag zwischen der Sedanstraße (heutige Schnurgasse) und der Westlichen Ringstraße, wo sich Ende des 18. Jahrhunderts eine französische Ballonstation und danach die Essigfabrik Heydweiller befand. Der auf dem Ansichtskartenbild zu sehende Schulhof wird dominiert von einem hohen Kletter- und Turngerüst. Ein ähnliches Gerät mit Leitern, Stangen und Seilen war wohl auch schon 1848 auf einer Freifläche östlich der Essigfabrik platziert. Max Friedrich Heydweiller war nämlich 1848 zum Vorsitzenden des gerade seit zwei Jahren bestehenden Turnvereins gewählt worden und hatte das Gelände kurzzeitig für den Turnbetrieb zur Verfügung gestellt.
Einzig das Schulhaus auf der Abbildung links unten hat den Zweiten Weltkrieg mit seinem Bombeninferno einigermaßen überstanden und kann sich heute noch im Stadtgebiet präsentieren. Der erste pfälzische Taubstummenlehrer Augustin Violet hatte ab 1825 über 30 Jahre lang im Torhäuschen des Frankenthaler Armenhauses Unterricht erteilt; erst 1873 konnte ein Neubau auf dem Gelände der damaligen Kreis- Heil- und Pflegeanstalt bezogen werden, der aber bald schon zu klein geworden war. So war in der heutigen Mahlastraße Ende des 19. Jahrhunderts ein neues, stattliches Gebäude für anfangs 90 taubstumme Schüler errichtet worden, in dem nun das Taubstummen-Institut untergebracht wurde. Eine Foto-Ansichtskarte, mit der ein Neujahrsglückwunsch fürs Jahr 1911 übermittelt wurde, zeigt die Zöglinge der Schule, die sich – kahlgeschoren und einheitlich gekleidet – entlang der Straße vor ihrer Schule aufgereiht haben.
Nach dem Krieg zog die Schule ins vormalige Gebäude der Heil- und Pflegeanstalt zurück, wo sie heute noch ihr Hauptdomizil hat. Im Gebäude an der Mahlastraße war für einige Jahre die Porzellanfabrik Wessel beheimatet; später war dort eine Notunterkunft für Heimatvertriebene und Asylsuchende. 2006 ist hier eines der ersten Mehrgenerationenhäuser in Rheinland-Pfalz eingerichtet worden. Integriert ist auch eine Kindertagesstätte.
Die Serie: Anno dazumal
Wenn sich alte Frankenthaler über ihre Stadt unterhalten, kann man oft hören: „Früher war vieles besser, war vieles schöner.“ Der Blick in die Vergangenheit lässt Erinnerungen wach werden, wirft zuweilen Fragen auf und weckt das Bedürfnis nach mehr Information. Das Interesse, mehr über die eigene Stadt zu erfahren, spiegelt sich auch in diversen Foren im Internet wider, wo alte Bilder ausgetauscht und kommentiert werden. Große Lücken und Veränderungen hat der Zweite Weltkrieg in der Stadt hinterlassen. Nur schwer können sich die Jüngeren heute vorstellen, wie sich die Stadt etwa zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts präsentierte. Glücklicherweise finden sich in Archiven und Sammlungen noch Bilder aus früheren Zeiten. Bebilderte Postkarten, die sogenannten Ansichtskarten, übermitteln da reizvolle Eindrücke, sind historische oder kunsthistorische Quelle – oder einfach nur nostalgische Erinnerungsobjekte.