Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Neue Kunst im Schaufenster

Mit der Kunst leben: Das sollen die Schaufenster-Arrangements von Nicoleta Steffan vermitteln. Hier hängt sie bei Juwelier Geige
Mit der Kunst leben: Das sollen die Schaufenster-Arrangements von Nicoleta Steffan vermitteln. Hier hängt sie bei Juwelier Geiger gerade Arbeiten von Sonja Grafetstetter auf.

Alle drei Wochen wechselt die Ausstellung im Schaufenster von Optik Geiger in der Fußgängerzone in der Speyerer Straße. Leerstand kreativ nutzen und Künstlern in der Pandemie eine Chance zum Präsentieren geben – das ist die Idee von Nicoleta Steffan. Gerade sind Bilder von Sonja Grafetstetter zu sehen.

Eine Handbreit höher, einen Tick weiter nach links. Manchmal ist es Millimeterarbeit, wenn Nicoleta Steffan Bilder in den richtigen Blickwinkel rückt. Sonja Grafetstetter hat ihre Schau im Schaufenster vom ehemaligen Juwelier Geiger unter das Motto „Gerade ungerade“ gestellt. Etwa zwei Tage lang dauert es, bis die Arbeiten des einen Künstlers ab- und die des nächsten aufgehängt sind. Auf die floralen Motiven von Michael Lerche sind diesmal Grafetstetters flächige abstrakte Acrylbilder gefolgt.

Für Steffan ist das Umdekorieren eine spannende Aufgabe. „Jeder Künstler benötigt einen anderen Rahmen, ich schaffe für jede Ausstellung eine neue Atmosphäre.“ Jetzt seien es moderne kraftvolle Bilder der in Speyer wohnenden Künstlerin, die einen sachlichen Hintergrund erfordern. „Nicht fehlen dürfen häusliche Elemente, denn ich will zeigen, dass wir mit Kunst leben und sie mit uns.“ Dafür bedient sich Steffan aus der Dekoabteilung vom Kaufhaus Birkenmeier: Kissen, Kunstpflanzen und Vasen warten darauf, mit Grafetstetters architektonischen Impressionen in Beziehung gesetzt zu werden.

Kunst und Kissen

Der zur Verfügung stehende Platz ist für eine Werkschau klein. Nur vier Quadratmeter misst die Schaufensterauslage. „Wo soll das größte Bild hin?“, fragt Steffan den Ladenbesitzer Toni Geiger, der ihr seit Beginn der Ausstellungsreihe assistiert. Geiger weist auf eine Ziegelwand, deren linierte Fläche mit den kubistischen Motiven des zwei Quadratmeter großen Bildes harmoniert. Auf einer rohen Holzbank drapiert Steffan leuchtend rote und blaue Kissen, sie spiegeln die Farben des benachbarten Gemäldes mit seinen kantigen Klötzen wider. Bis die Sukkulenten und Vasen ihren endgültigen Platz in der Auslage gefunden haben, dauert es ein Weilchen. Zum Schluss zieht ein humorvoller Farbtupfer in die Mini-Galerie ein – drei Osterhasen, die zwischen Deko und Bildern Verstecken zu spielen scheinen.

Später wird Steffan die neue Ausstellung filmen, fotografieren und einen mit moderner Musik unterlegten Kurzfilm mit Vita und Werkbeschreibungen auf Facebook, Youtube und auf ihrer Homepage posten, damit sich Käufer für die Bilder finden. „Das Interesse für die Schaufensterkunst steigt, was sicher mit den in Corona verschlossenen Galerien und Museen zusammenhängt“, meint sie und erzählt von Passanten, die regelmäßig vor der Auslage stehenbleiben und nach Terminabsprache auch in den Laden kommen können.

Inspiriert von Hotels in Ägypten

Als künstlerisch Spätberufene hat die heute 53-jährige Sonja Grafetstetter vor acht Jahren ihr Studium an der Freien Kunstakademie Mannheim abgeschlossen. „Zur Kunst kam ich zufällig“, erzählt die gelernte Verwaltungsfachangestellte. „Ich habe ein Haus gekauft. Die großen freien Flächen haben förmlich nach Bildern geschrien.“ Die Bilder malte Grafetstetter selbst. Inspirieren lässt sie sich von modernen Bauwerken in Mannheim und Ägypten. „Es sind zumeist Hotels und Wohngebäude, die flächig gebaut sind und mit Kontrasten spielen.“ Die Gebäude speichert die Künstlerin in ihrem Gedächtnis ab oder fotografiert sie analog in Schwarz-Weiß. „Durch den Entzug der Farbe fixiert sich meine Aufmerksamkeit auf die Formgebung und die Kontraste. Die entstandenen Flächen fülle ich intuitiv mit Farbe.“

Auf den Bildern sind die Häuser nicht wiederzuerkennen, da sich Grafetstetter auf Ausschnitte beschränkt. „Ich ziehe die Essenz daraus und erhalte dadurch eine eigene Bildaussage.“

Ihre Arbeiten sind durchweg geradlinig strukturiert – geometrische Formen, deren Kanten und Ecken mal weich fließend, mal mit hartem Pinselstrich gezogen sind. Tiefenwirkung erzeugt das Spiel mit Farbe, Licht und Schatten. „Geradlinig ungerade“ ist zumeist der Titel, den Grafetstetter ihren Ausstellungen gibt, bislang waren es 17 Werkschauen im südwestdeutschen Raum. Mit Kunst in Leerständen ist die gebürtige Mannheimerin vertraut. Im Rahmen der Benefizausstellungen von „Artists for Freedom“ bespielte sie 2012 ein stillgelegtes Kaufhaus in Ludwigshafen. „Das war eine völlig andere Größenordnung als jetzt im Schaufenster“, sagt sie. Von damals Räumen in XXL sollen es nun in Frankenthal nur ein paar Meter sein, auf denen ihre Werke präsentiert werden. „Eine Miniaturausstellung, das ist mal was Neues.“

Noch Fragen?

  • In loser Folge stellen wir Künstler vor, deren Arbeiten im Schaufenster in der Speyerer Straße 14 in Frankenthal gezeigt werden. Grafetstetters Werkschau läuft bis Samstag, 10. April.
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Dekomaterial für die Leerstandskunst findet Nicoleta Steffan im Kaufhaus Birkenmeier.
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