Frankenthal
Kunst in leerstehenden Läden
Initiatorin der Aktion ist die Frankenthaler Künstlerin Nicoleta Steffan, die im Frühjahr die virtuelle Initiative „Ohne Kunst fehlt was – Stillstand 2020“ gestartet hatte. Der Internetaktion hatten sich damals 300 Kunstschaffende aus Deutschland, der Schweiz, den Niederlanden und Mexiko angeschlossen. Im Netz bot Steffan ihnen ein Podium für Objekte und Statements zur Pandemie. Als die Kontaktbeschränkungen aufgehoben wurden, lief das Projekt aus.
„Der Sommer war für die Kunstszene nur ein kleiner Aufbruch“, sagt die Kunstkoordinatorin und Malerin. Im Zuge der zweiten Corona-Welle sei die Situation der Künstler noch dramatischer geworden. Steffan plant daher eine neue Initiative, dieses Mal jedoch nicht im Netz.
Anfang November fallen die Hüllen
Unter dem Motto „Raum für Kunst“ platziert die 51-Jährige in Läden der Innenstadt einzelne Kunstwerke. Parallel dazu hat sie den derzeit leerstehenden Laden des ehemaligen Juwelier Geiger in der Bahnhofstraße zu einem Atelier umfunktioniert. An allen Standorten sind die Objekte zunächst nur in Papier verhüllt zu sehen. Regelmäßig entfernt die Malerin einige Papierstreifen. Am 2. November, wenn die Aktion beginnt, sollen alle Hüllen fallen.
Wenig Resonanz bei Inhabern leerstehender Läden
Inspiriert habe sie eine Äußerung von Oberbürgermeister Martin Hebich (CDU), die Nutzung leerstehender Ladenlokale hänge von der Initiative Einzelner ab. Sie fragte bei Geschäftsinhabern und Maklern nach, ob Kulturschaffende freie Räume interimsweise und kostenfrei zur Verfügung gestellt bekommen. Die Resonanz lag bei Null. „In anderen Städten ist Leerstandskunst gang und gäbe, doch in Frankenthal ist man da noch vorsichtig. Wen hole ich mir da rein? Kann ich Nachmieter finden, wenn das Geschäft genutzt wird?“, nennt Steffan einige der Bedenken.
Bei Optik Geiger hatte sie Glück. Toni Geiger besitzt das Gebäude in der Speyerer Straße 8c und führte hier bis vor eineinhalb Jahren in der dritten Familiengeneration ein Schmuckgeschäft, das seitdem leer steht. Im selben Haus betreibt der Goldschmiede- und Optikermeister das Optik-Fachgeschäft. Der 80-Jährige hat ein Herz für die schönen Künste – rund ums Jahr dient der Laden als Galerie für die Kunstfotografien seines Mitarbeiters Mario Geldon, und er ist bei der jährlichen Kunst- und Einkaufsnacht vertreten. Steffans Projekt habe ihm sofort gefallen, sagt Geiger. „Kunst und Handel gehen Hand in Hand. Beide brauchen große Räume und viel Publikumsverkehr.“ Dass Frankenthals Innenstadt veröde, tue ihm weh.
Bilder am Kleiderständer
„Bei Herrn Geiger rannte ich offene Türen ein“, sagt die Künstlerin begeistert. Zunächst durfte sie nur das Schaufenster bestücken. Schnell jedoch überließ ihr der Handwerksmeister auch die gesamte Ladenfläche. Seit Mitte Oktober entsteht hier laut Steffan ein „Artelier“ und Showroom. Da das Geschäft frisch renoviert wurde, nutzt die kreative gebürtige Rumänin, die seit über 40 Jahren in Frankenthal lebt, Kleiderständer und Weinkisten für die Kunst. Die ausgestellten Werke stammen von ihr und weiteren sechs Künstlern.
Auf geschickt genutzten 75 Quadratmetern findet sich im Moment ein Mix aus Malerei, Skulpturen und Plastiken. Blickfang ist eine Skulptur-Kollektion mit Geweihen der Mannheimerin Luana Kroner-Stasek. Ihre Bronzeskulpturen sind Mischwesen aus Mensch und Fabeltier – etwa Pan Mufflon als Gott des Waldes und der Natur und seine mutige Begleiterin Muflonetta.
Lebendige Schaufensterpuppe
Da die Ladentür einige Meter zurückgesetzt liegt, verläuft die Fensterfront nicht nur entlang der Bahnhofstraße, sondern gewährt bereits im Eingangsbereich tiefe Einblicke, ohne dass der Betrachter den Laden betreten muss. Diese Möglichkeit nutzten am Dienstag zahlreiche Passanten, die rätselten, was sich wohl hinter den Hüllen verbirgt.
In der großzügig geschnittenen Auslage will die Künstlerin als lebendige Schaufensterpuppe hinter der Scheibe auf einem antiken Stuhl sitzen und malen. Auf diese Weise hofft Steffan, mit den Bürgern ins Gespräch zu kommen. „Natürlich sind die typischen Galerien wie das Kunsthaus unverzichtbar“, meint sie. „Doch genauso wichtig ist es, dass Kunst mittendrin entsteht. Da, wo wir alle sind.“
Kunst bei acht Einzelhändlern
Daher hat die Künstlerin zeitgleich zur Suche nach Leerständen bei Geschäften in zentraler Lage angefragt, ob sich dort einzelne Kunstwerke platzieren ließen. Bei acht Einzelhändlern stieß Steffan auf offene Ohren. Hier sind die Objekte in der Auslage oder in den Verkaufsräumen zu finden und werden bis zum Aktionsbeginn ebenfalls allmählich enthüllt. Im Kaufhaus Birkenmeier etwa befindet sich Steffans Collage „Reines weißes Gold“ – das einzige Exponat der Aktion, das von der Pandemie inspiriert wurde. Es zeigt einen Zeitungsbericht über den Umgang mit Epidemien in der Geschichte und Dutzende Streifen von weißem Toilettenpapier, die mit Schlagworten der ersten Corona-Welle beschriftet sind: Vertrauen, Toleranz oder Zusammenhalt. „Diese Statements – werden sie bleiben, oder waren sie bloße Farce und sind vergänglich wie Klopapier?“, fragt Steffan.
Mike Burkhardt, der Inhaber des Kaufhauses, nennt die Aktion eine gelungene Form der Zusammenarbeit: „Kunst sucht öffentlichen Raum. Wir Einzelhändler stellen diesen zur Verfügung.“ Citymanager Daniel Strotmann sieht in „Raum für Kunst“ eine „Win-win-Situation“ und wirbt für weitere Akteure, die auf den Zug aufspringen. Genau so sieht es Nicoleta Steffan: „Die Aktion ist offen für neue Mitstreiter, Künstler und Geschäftsleute. In Frankenthal geht noch viel mehr.“
Noch Fragen?
- Das „Artelier mit Showroom“, Speyerer Straße 8c, ist ab Montag, 2. November montags, dienstags und donnerstags von 12 bis 18 Uhr sowie an Samstagen zwischen 12 und 14 Uhr für jeweils zwei Besucher und unter Einhaltung der aktuellen Hygieneregeln geöffnet. Dies gilt bis Ende Januar, falls sich vorher kein neuer Mieter des Geschäfts findet. Einzelne Kunstobjekte zeigen bis 31. Januar in der Speyerer Straße Kaufhaus Birkenmeier, Blumen-Oase, Leder Stricker, Juwelier Scholz und Haarstudio 88. Außerdem sind Foto Filling in der Mühlstraße sowie Lady Style und Blickfang in der Bahnhofstraße dabei.
- Beteiligte Künstler sind Sabine Reindl aus München, Dimitri Vojno aus Kelkheim, Luana Kroner-Stasek und Gerd Reutter (beide Mannheim) sowie aus Frankenthal Gaby Sann, Rainer Stocké und Nicoleta Steffan.
- Informationen zu „Raum für Kunst“ gibt Nicoleta Steffan per Telefon 0176 63673373, E-Mail an info@steffanartkonzepte.de oder auf ihrer Homepage www.steffanartkonzepte.de.